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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (5)

Wussten Sie schon,

dass es in Deutschland noch keine Richtlinien gibt, wonach Erzieher in der Handhabung des Notfallset unterwiesen werden müssen? Als Eltern von allergiekranken Kindern, bei denen immer mit einer schweren, womöglich lebensbedrohlichen Reaktion gerechnet werden muss, ist jeder Schul- oder Kindergartentag ein Wechselspiel der Ängste. Abgesehen davon, dass auch manche Eltern die Erkrankung (Asthma, Anaphylaxie) ihres Kindes sträflich locker sehen, fehlt oft die Information, wie so eine Situation beginnt bzw. erkannt werden kann, was zu tun ist und vor allem wie und ab wann man rechtzeitig reagiert.

Auch Notfallsituationen können geübt und die notwendigen Schritte zumindest im Kopf immer wieder durch exerziert werden, damit man im wirklichen Notfall nicht panisch regiert. Dies ist besonders wichtig z.B. in Kindergärten, denn die jüngsten Allergiker sind hier auf ausgebildete bzw. optimal vorbereitete Hilfe angewiesen. Der DAAB e.V. hat deshalb einen Anaphylaxie-Notfallplan erstellt, der sowohl von Patienten als auch von Ärzten, Erziehern von Kitas und Schulen angefordert werden kann. Je ein Plan ist speziell auf die verordnete Adrenalinspritze (Anapen oder Fastjekt) abgestimmt. Auf den Plan kann z.B. für das jeweilige Kind ein Foto geklebt werden, das macht es auch für wechselndes Personal (Praktikanten, Hilfskräfte) einfacher, das jeweilige Kind auf Anhieb zu erkennen.

Meist werde ich von den Eltern im Vorfeld einer Kindergartenanmeldung gebeten, in der entsprechenden Einrichtung die Mitarbeiter und/oder die Integrationskraft „vorzubereiten“, die speziellen Erfordernisse des Kindes deutlich zu machen und praktische Hilfe für den geregelten Kindergartenbetrieb zu leisten. Davon profitiert nicht nur das betroffene Kind, sondern auch die Erzieher, denn neben einer Teilnahmebescheinigung als Nachweis der Fortbildung können offene Fragen direkt und mit praktischem Bezug beantwortet werden. So wird auch die Integration des Kindes weitaus besser vorbereitet, das Kind soll ja keine auffällige Sonderstellung einnehmen.

Die Schulung umfasst dann u.a. auch die praktische Demonstration der Adrenalinspritze (für den Laien konzipiert und ohne medizinische Ausbildung einzusetzen), so nimmt man die Angst vor dem möglichen Einsatz. Eine entsprechende Schulung kann durchaus auch auf Anfrage vom Kinderarzt oder Facharzt vorgenommen werden. Leider sind die meist nicht bereit, vielleicht auch aus Zeitmangel, so eine umfangreiche Schulung zu übernehmen. Oft wird das damit begründet, dass eine Notfallsituation noch nicht eingetreten oder bisher doch immer gut abgelaufen ist.

In regelmäßigen Abständen biete ich Mitarbeiterschulungen für Erzieher an, u.a. zu Anaphylaxie bei Kindern. Im letzten Herbst rief eine der angeschriebenen  Kindergartenleiterinnen zurück und fragte direkt zu Gesprächsbeginn nach meiner Einstellung zu Neurodermitis (das war eigentlich nicht das Thema der angebotenen Schulung) und deren auslösenden Mechanismen. Auf meine Erläuterungen hin meinte sie, dass ihrer Erfahrung nach Neurodermitis eindeutig und ausschließlich mit der Psyche zu tun hat. Meinen Einwand, dass man das früher so gedacht hat, dies aber längst widerlegt sei und Neurodermitis und ihre Entstehung, vor allem bei Kindern, sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt, fegte sie hinweg und wurde leicht hysterisch. Sie begann eine Diskussion zu böser Schulmedizin und guten Alternativheilern, dem ich mich aber so rigoros  nicht anschließen konnte. Es gibt da wie immer Ausnahmen von der Regel. Wir beendeten das Gespräch, ein Vortrag zu Allergien im Kindergartenalter wurde allerdings für das kommende Frühjahr angedacht.

Nun ja, nach einigen Wochen rief sie wieder an und meinte, dass „der Kindergartenbeirat“ beschlossen hätte, einen Vortrag vorerst auszuschließen, denn die betroffenen Eltern hätten sich ja schon bei der Diagnose informiert und somit keinen weiteren Informationsbedarf. Ich denke mal, es war eine eher einseitige Entscheidung. Wenn es so einfach wäre und Eltern selbst bei einer eindeutigen Diagnose gleichzeitig umfassend informiert wären, wäre auch dieses Forum nutzlos, denn niemand hätte noch Fragen.

Mich interessierte, ob mein erster Eindruck am Telefon (Stimme, Gehaben) wohl mit meiner inneren Vorstellung übereinstimmt und habe den Kindergarten im Netz aufgerufen, um mir das Personal bzw. die Leiterin genauer angesehen. Das Foto bestätigte meinen Eindruck einer leicht verhuschten, dem Typ des alternativen Esoterikers entsprechenden Person, ganz klassisch mit flusigem Wallehaar, Grobstrickpulli und Halstuch. Ich weiß, da unterliege ich sicher einem Vorurteil, aber das muss man gesehen haben. Nebenbei: wer kann von sich sagen, dass man jemals ausreichend informiert ist, was Allergien, Neurodermitis oder sonst was betrifft? Und wer darf sich erlauben, diese Entscheidung für andere zu treffen?

Etwa zeitgleich wurde ich gebeten, die Grundschullehrer einer Nachbargemeinde zu Anaphylaxie zu schulen, bevor das betroffene Kind (Asthma, Anaphylaxie) dort aufgenommen wurde. Die mir zugedachte Zeit (11.50 Uhr) kam mir schon komisch vor, denn der Feierabend für Lehrer rückte nah, aber vielleicht dachte man, das Thema schnell abhandeln zu können. Nun, die Klassenlehrerin machte sofort zu Beginn klar, dass sie alles über Allergien weiß, denn ihr Kind hat auch Neurodermitis. Bei solcher Begrüßung werde ich dann auch gerne mal fies und schlug ihr sprichwörtlich einige Informationen zum Thema um die Ohren, bei denen sie dann zugeben musste, doch nicht alles zu wissen.

Als es um die praktische Anwendung des Anapen ging, wehrte sie ab und meinte, das müsse sie nicht wissen, das wäre nicht ihre Aufgabe. Wenn ein Notfall abzusehen wäre (!), sollte das Kind zu Hause bleiben (!?), ansonsten riefe sie den Notarzt. Das ist zunächst mal keine schlechte Idee, aber der Anapen soll ja gerade den Kreislauf stützen, bis der Arzt da ist. Denn man stirbt nicht an der Allergie, sondern meist am dadurch bedingten anaphylaktischen Kreislaufzusammenbruch. Was soll ich sagen? Innerhalb der ersten halben Stunde ging eine Lehrerin, weil sie noch einen Zahnarzttermin hatte, die nächste musste dringend nach Hause, die Klassenlehrerin schaltete geistig ab, lediglich die Sportlehrerin und der Schulleiter waren interessiert. Es ist doch schön, wenn Erzieher ihre Arbeit so ernst nehmen?
 

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung und einer herzlicher, restwinterlicher Gruß geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke
allergieberatung-stracke.de


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