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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (24)

Wussten Sie schon, …

dass eine Verordnung des Reichsgesundheitsministers der Naziregierung so manchem Sendungsbewussten mit Allmachtsgebaren zu lukrativen Einkünften verhilft? Ursprünglich wurden nichtärztliche Behandlungen nach den Grundregeln der sogenannten „Kurierfreiheit“ ausgeübt. Wir alle kennen aus historischen Romanen die „Kräuterfrauen“ oder „Druiden“ mit ihrem enormen Wissen um pflanzliche Heilmittel. Um dem Berufsstand der Ärzte wieder mehr Bedeutung zu geben und vor allem auch Auswüchse in der Heilungsbranche einzudämmen, wurde die „Ausübung der Heilkunst“ gesetzlich geregelt. Ziel war es, die Hürden so hoch zu legen, dass nur ausgewählte Fachkräfte die Genehmigung zur Heilkunde, wohl gemerkt ohne ärztliche Ausbildung (Bestallung), erhalten.

Der Begriff Heilpraktiker weist den Patienten darauf hin, dass er nicht von einem Arzt behandelt wird, die Berufsbezeichnung dient aber nicht als Qualifikation für bestimmte Heilverfahren! Der Heilpraktiker darf nicht die Arbeit des Arztes ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Das allerdings ist heute von den über 18.000 praktizierenden „Alleskönnern“ nicht immer gegeben, viele überschlagen sich im Anbieten ihrer „Kunst“. Gerade Versprechen von vollständiger Heilung oder die Aufforderung, ärztliche Behandlungen während der heilpraktischen Behandlung abzusetzen, sollten den Ratsuchenden zum sofortigen Rückzug animieren. Denn auch ein Heilpraktiker, der aufgrund langjähriger Erfahrung oder vielleicht auch einer medizinischen Grundausbildung als seriös und verantwortungsbewusst anzusehen ist, darf nicht dazu beitragen, eine notwendige ärztliche Behandlung zu verhindern oder verzögern, damit verletzt er seine Aufklärungs- und Sorgfaltspflicht dem Patienten gegenüber.

Ein Heilpraktiker hatte auf Grundlage einer bioelektrischen Funktionsdiagnose eine Wucherung als gutartig „erkannt“. Auch als die Wucherung auf zuletzt 24 Zentimeter Durchmesser wuchs und die Patientin erheblich an Gewicht verlor, hielt er an seiner Diagnose fest. Als die Patientin dann endlich einen Arzt zu Rate zog, konnte das metastasierende Karzinom nicht mehr behandelt werden, die Patientin verstarb. Zu Recht wurde dem Heilpraktiker daraufhin vom Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg die Lizenz entzogen (Az.: 9 S 1782/08).

Grundlage der heute noch geltenden Bestimmungen zur Ausbildung von Heilpraktikern bildet das sogenannte Heilpraktikergesetz (Gesetz zur Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung) vom 17. Februar 1939 (RGBI. I S. 251). Dieser Gesetzestext  wurde nahezu unverändert in unsere heutige Rechtsprechung übernommen, die derzeit gültige Fassung steht im BGB1.I, S.469. Die Durchführungsverordnung dazu regelt die Genehmigungsvoraussetzungen. Das Heilpraktikergesetz ist kein Gesetz im Sinne einer bundeseinheitlichen Gesetzesregelung, da es weder die Ausbildung noch die Anforderungen an den Ausübenden oder die Prüfung einheitlich regelt. Es dient lediglich der Gefahrenabwehr, d.h. es sorgt dafür, dass Mindestvoraussetzungen erfüllt werden wie z.B. Zuverlässigkeit und Sorgfalt, dem „Patienten“ (ob Mensch oder Tier) darf also keine Gefahr vom Praktizierenden drohen. Dazu gehören eine amtsärztliche Untersuchung zu gesundheitlichen Aspekten sowie Grundwissen zu Hygiene und Anatomie. Aktuelles Wissen zu Hygiene müssen z.B. Fleischer jedes Jahr erneut nachweisen, Heilpraktiker nur einmal. Auch wenn Heilpraktiker Spritzen setzen (z.B. Eigenblut), haben sie hierzu meist keine überwachte Aus- oder Fortbildung wie z.B. Krankenschwestern (sogar die dürfen bestimmte Spritzen nicht setzen), der Patient kann nur aufs Gelingen hoffen. 

Heilpraktiker organisieren sich in eigenen Verbänden und unterhalten eigene Schulen, z.T. mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Den Begriff des Binnenkonsens habe ich ja schon in Kolumne Nr. 19 erläutert, das hier ist ein weiteres typisches Beispiel. Da es kein Gesetz über Ausbildung und Ausübung des Berufs des Heilpraktikers gibt, gibt es also auch kein Heilpraktiker-Studium. Ohne gesetzlich vorgeschriebene bzw- vorgegebene fachliche Ausbildung (ein Versäumnis des Gesetzgebers) kann es aber auch keine fachliche Bewertung geben. Immer noch fehlen deshalb staatliche Überprüfung, gesetzliche Regelungen über den fachlichen Mindestanspruch des Lehrpersonals und Kontrolle des vermittelten Wissens bzw. ein Leistungsprofil in Form von Benotungen. Selbst ernannte (privatwirtschaftliche) Fortbildungsstätten, Heilpraktikerschulen, „Verbände“ etc. sind deshalb immer im Sinne eines Gesetzes unseriös. Da hilft es auch nicht, wenn die Heilpraktikerschulungen wie z.B. im hiesigen Raum in Pyramiden stattfinden (im übrigen eine Einrichtung einer weltweit agierenden Sekte). Auch wenn, so der Werbespruch der Pyramidenerbauer „schon die alten Ägypter um die Heilwirkung der Pyramiden wussten“. Was liegt näher, als direkt vor Ort die „Heiler der Zukunft“ auszubilden. Ebenso unlauter sind personenbezogene Ausbildungen (z.B. Bioresonanz oder Ernährungsfachkraft nach XY o.ä.).

Diese Ausbildungen können schnell mal 10.000 € verschlingen, da kann man den Drang zu einem Abschluss verstehen, denn ab dann sind dem Verdienst keine Grenzen gesetzt. Eine alte steuerrechtliche Regelung lässt z.B. die Hälfte der Einkünfte unversteuert. Erhebungen gehen von einer tatsächlichen Erfolgsquote von 10 % der Lernwilligen aus. Der überwiegende Rest von 90%  gibt auf oder fällt mindestens einmal durch die Prüfung, die im übrigen beliebig oft wiederholt werden kann (solange man die Gebühren zahlt). Man hat also bei genügend finanziellen Mittel irgendwann auf jeden Fall Erfolg, es sei denn, man stellt sich besonders blöd an. Anfangs war eine der Grundvoraussetzungen für die Ausbildung zumindest ein Hauptschulabschluss, diese Hürde gibt es nicht mehr.

Wie auch bei Behandlungen durch einen Arzt schuldet der Heilpraktiker keinen genau definierten Behandlungserfolg. Erweisen sich die Maßnahmen jedoch als völlig wirkungslos oder sogar ungeeignet, so kann der Patient das Honorar verweigern. Eine Heilpraktikerin hatte in einem wohlhabenden Ehepaar eine lukrative Einnamensquelle gefunden. Eltern und Sohn wurden nacheinander erfolglos u.a. mit Iris-Diagnose, Immun-Präparaten, Eigenblut, Akupunktur, Quaddeln und Schröpfen „therapiert“. Nachdem bereits insgesamt über 120.000 € (!!) an Honoraren gezahlt wurden, verweigerte der Ehemann letztendlich die Begleichung noch ausstehender Rechnungen über 10.500 €. Hat man normalerweise keinen Anspruch auf Erstattung bei mangelhafter Vertragserfüllung, so liegt hier laut Oberlandesgericht Koblenz (Az:: 12 U 1433/04) ein Recht auf Honorarverweigerung vor, da die Art der Heilbehandlung unbrauchbar bzw. sogar nachteilig für den/die Patienten ist.

Was mich persönlich immer wundert, ist, dass solche Heiler in einer Vielzahl an Heilmethoden „ausgebildet“ werden, die laut Eigenwerbung jede für sich nahezu alles heilen. Trotzdem werden neben- oder nacheinander alle ausprobiert (solange der Kunde zahlt). Wenn die einzelne Methode so heilsam ist, warum dann dieser „Heilparcours“? Und kann jemand in seinem Bereich wirklich gut sein, wenn er seinen eigenen Methoden nicht traut bzw. lieber viele Möglichkeiten durchprobiert  als sich zu spezialisieren?

Ausbildungsseminare halten ihre Abbrecherquote geheim, ebenso die Zahl derer, die zeitnah (also zügig ohne Wiederholungen) den Abschluss machen. Die Kenntnis einer hohen Abbruchquote oder die 20. Prüfung bis zum Erfolg wäre sonst sicher ein „Wertverlust“. Doch werden immer noch jährlich Millionen € jedes Jahr von Leuten gezahlt, die diese Ausbildung machen wollen. Ein lukratives Geschäft, auch wenn nur ein Bruchteil die Ausbildung tatsächlich irgendwann abschließen. Aber auch da gibt es Abhilfe. Zum einen werden in den Seminaren zunehmend Unterrichtsstunden dazu verwendet, die Teilnehmer auf die womöglich vorkommenden Prüfungsfragen (Amtsarzt) vorzubereiten. Das ist an sich auch richtig, sofern sich der Unterrichtsinhalt nicht nur auf das Auswendiglernen der mutmaßlichen Fragen beschränkt, sondern auch wirklich Wissen vermittelt. Zum anderen werden denen, die aller Voraussicht nach die Prüfung nicht bestehen werden, andere Wege eröffnet, die nach jetziger Rechtslage keine Ausbildung oder Lizenz benötigen. Dazu gehört der „Beruf“ des Geistheilers. Das Bundesverfassungsgericht sagt dazu: „Ein Geistheiler, der keine Heilung verspricht und keine Diagnose stellt, benötigt keine Zulassung als Heilpraktiker.“

„Wenn nichts hilft, dann hilft ein Wunder.“

Außer einer Registrierung beim Ordnungsamt (auch „Heilen“ ist ein Gewerbe) ist nichts weiter erforderlich. Allerdings stellt sich da ein kleines Problem. Wer sich mit Gott gleich stellt, indem er Seinen Willen durch ein Medium (ein Geistheiler heilt durch den –heiligen- Geist) kundtut, legt sich natürlich mit den großen Kirchen an. Der Vatikan z.B. nimmt dazu Stellung mit dem Text „Instruktion über die Gebete um Heilung durch Gott“, www.vatikan.va . Außerdem: jede körperliche Geste, z.B. Hand auflegen, Stirn berühren etc. ist schon im Sinne des Gesetzes eine Heilbehandlung (dem Patienten wird dadurch eine Wirkung suggeriert), die wieder erfordert eine Ausbildung, wenn es auch nur eine im Sinne des Heilpraktikergesetzes ist. Ganz schön verzwickt, nicht wahr? Der Dachverband Geistiges Heilen (DGH) hat auch schon Tipps, wie man sich einer staatlichen Überprüfung (z.B. Finanzamt) entziehen kann: laut dem „Rechtshandbuch für Heiler“ sollen dazu die Wohnverhältnisse den Verhaltensregeln für Heiler angepasst werden, dort heißt es: „Entfernen Sie medizinisches Inventar aus Ihrem Behandlungszimmer. Hängen Sie die Dankschreiben Ihrer Patienten und Ihre falschen Titel von der Wand. Stellen Sie Ihre Bach-Blüten ins Bad oder in die Küche.“ Wozu der Glaube uns verleiten kann, habe ich ja auch schon beleuchtet (siehe Kolumne Nr. 13), aber eigentlich sollten wir die Ära des Nichtwissens und der blinden Gläubigkeit längst überwunden haben!? Ärztliches Wissen stellt eine nachweisbare Größe da, blindwütige Wundergläubigkeit eher finsterstes Mittelalter.

Viele hilfreiche Information, um in diesem Dschungel an Fehlinformationen, Psychogewäsch, Scharlatanerie nicht den Überblick zu verlieren, liefert  die Seite www.AGPF.de (Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt der Aktion für Geistige und Psychische Freiheit im Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V.) oder auch www.gwup.de („Die Skeptiker“) sowie die Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“.

Spaßvögel der besonderen Art haben dem Pfarrer einen Streich gespielt und seine eigene Todesanzeige aufgesetzt. Der Pfarrer ist natürlich entsetzt und ruft seinen Bischof an: „Haben Sie meine Todesanzeige gelesen?“ „Natürlich, mein Bester, habe ich Ihre Todesanzeige gelesen.“ Nach einer kleinen Pause fragt der Bischof mit ungewohnt leiser Stimme: „Sagen Sie bitte, von wo genau rufen Sie mich an?“

Zu Beginn meiner Vortragstätigkeiten hatte ich einen Vortrag bei der örtlichen AOK zu allergenarmer Ernährung. Einige Tage vorher bekam ich einen Anruf einer mir bis dahin nicht bekannten Frau aus dem Nachbarort. Sie hätte gehört, dass ich Leuten empfehle, bei einer Nickelallergie auf die „gesunde, vitalstoffreiche Vollwerternährung“ zu verzichten. Ob ich denn nicht wüsste, dass das die einzige Methode ist, alles zu heilen? Auf meine Einwendung, dass aber nicht jeder dieses Überangebot an Allergenen verträgt und besonders Nickelallergiker davon nicht profitieren, wurde sie pampig. Wir würden ja sehen, wer irgendwann die meisten Leichen im Keller hätte, wenn ich so weitermachte. Ich habe das Gespräch sofort beendet und mich mit der Kontaktperson bei der AOK in Verbindung gesetzt. Dort erfuhr ich, dass diese Heilpraktikerin „im Eigenstudium“ gezielt darauf angesetzt sei, bei Vorträgen, die nicht dem Standard der Vollwerternährung (in diesem Fall Dr. Bruker) entsprächen, zu stören und den Redner sozusagen mundtot zu machen. Zumindest im hiesigen Raum haben die Heilsbringer der Bruker-Ernährung „Hausverbot“ in den Krankenkassen.

Die Bruker-Gesellschaft gehört übrigens auch zu der Gruppe, die in der Enquete-Kommission zu Sekten und Heilsbringern genannt wird, denn die Struktur der Gesellschaft entspricht der einer strengen Sektenordnung.

Anfang der 1990er Jahre habe ich als Mitautorin eines Ernährungsratgebers für allergiekranke bzw. allergiegefährdete Kinder unter anderem die einzelnen Ernährungslehren unter die Lupe genommen. Dabei stieß ich auf ein Buch, dass die Anfänge der (dubiosen und wissenschaftlich absurden, für Säuglinge und Kleinkinder sogar gefährlichen) Bruker-Ernährungslehre (1909-2001, Mitglied der SA) beleuchtete. Wie zu meiner Überraschung in der einschlägigen Literatur zu lesen war, hat das Vorbild Brukers, Dr. Kollath (1892-1970), in den Kriegsjahren seine Theorie von der vollwertigen Naturkost an Kriegsgefangenen „getestet“. Der eine Teil bekam gesunde vitalstoffreiche Vollwertkost (die laut Bruker auch vor AIDS schützt), der andere Teil die „normale“ Gefangenenkost, also praktisch Luft und Wasser. Nun gediehen die vollwertig ernährten Gefangenen insgesamt  besser als ihre Leidensgenossen. Das war dann der Beweis, wie gesund sich diese Art der Ernährung auswirkt! Seine wie auch Brukers Ernährungskonzepte und „Erkenntnisse“ sind heute wissenschaftlich nicht mehr haltbar bzw. längst widerlegt, werden aber immer noch von „Jüngern“ angewandt.

Nebenbei bemerkt: Kollath war seit Mai 1933 neben vielen anderen „Posten“ im NS-Getriebe offiziell Mitglied der NSDAP, zudem förderndes Mitglied der SS. 1942 veröffentlichte er sein Hauptwerk „Die Ordnung unserer Nahrung“, das Datum der Veröffentlichung zeigt, dass dieses Buch vom NS-Staat als „kriegswichtig“ im Sinne der NS-Propaganda  angesehen wurde. 1948 kam eine Überarbeitung des 1937 erstmals veröffentlichten „Hygienelehrbuchs“ heraus, das sprachlich „angepasst“ wurde. So tauschte er die Begriffe Rassenhygiene gegen Sozialhygiene, Goebbels gegen Goethe und strich Passagen über Hitler, Zwangssterilisation, Auslese und Erbmasse.



 


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