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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (23)

Wussten Sie schon, …

dass man bereits Anfang des 20. Jahrhunderts davon ausging, dass es im Blut von Allergikern eine Substanz gibt, die mit ihrem überempfindlichen Immunsystem in Zusammenhang steht. Um diesen Verdacht zu erhärten, unternahmen zwei deutsche Mediziner 1921 einen Selbstversuch: Dr. Carl Prausnitz ließ sich von seinem Kollegen Dr. Heinz Küstner, einem Fischallergiker, Blutserum in die Haut spritzen. Als Dr. Prausnitz sich am folgenden Tag an der selben Stelle einen Fischextrakt injizierte, entwickelte er an dieser Stelle eine allergische Reaktion, die erste seines Lebens. Damit war der Beweis erbracht, dass tatsächlich ein Bestandteil des Blutserums für die Bereitschaft des Menschen, allergisch zu reagieren, verantwortlich war.

Fisch (Gadus morhua) liefert viel Eiweiß und zahlreiche Vitamine und Spurenelemente in unterschiedlicher Menge. Im Fettgehalt sind die Fischarten extrem unterschiedlich, Schalen- und Krustentiere sind aber immer fettarm und eiweißreich. Dazu kommen mehr oder weniger starke Belastungen mit Schwermetallen (Blei, Cadmium, Nickel), die sich in den Organen ablagern. Fischkonserven im eigenen Saft sind daher sehr hoch belastet. Die durch die Umwelt aufgenommene Schadstoffmenge schwankt stark je nach Fischart oder Vorkommen (ältere oder große Fische aus Flussmündungen oder belasteten Meeren), Einsatz von Zusatzstoffen aus der Industrie (Räucherfisch oder Muscheln), Hilfsstoffe in der Fischzucht, Bakteriziden in der Transport-Eisschicht.

Grundsätzlich sind Allergien auf Salzwasserfische häufiger als solche auf Süßwasserfische. Auslöser der allergischen Reaktion ist das Muskelstrukturprotein Tropomyosin, das in sämtlichen Arthropoden (Gliederfüßler) und anderen Tieren vorkommt. Das Allergen ist hitzestabil, d.h. auch Kochen macht den Fisch nicht verträglicher. Im Gegenteil genügt bei einer echten Fischallergie oft schon Einatmen des Fischgeruchs, um Reaktionen auszulösen. Bei 40 % der Fischallergiker besteht eine Allergie nur auf eine bestimmte Fischart (meist Dorsch/Kabeljau), dann muss auch nur dieser gemieden werden. Da Fisch ein sehr histaminreiches Nahrungsmittel ist, ist manchmal nicht die Allergie, sondern die Histaminunverträglichkeit der Auslöser. Allerdings treten die Beschwerden dann erst nach einer bestimmten Verzehrmenge des Nahrungsmittels auf. Zur Diagnosestellung sollte auch immer ein Test auf Anisakis simplex-Wurm gehören (Differentialdiagnostik), dieser Fischparasit kommt besonders in Spanien vor und ist ein typisches „Urlaubsmitbringsel“. Er löst heftige Hautreaktionen mit starkem Juckreiz (Urtikaria) aus oder kann im Extremfall bei erneutem Kontakt einen Herzkreislaufschock auslösen.

Zu den Gliederfüßlern gehören auch Spinnentiere, Krebstiere, Tausendfüßler, Insekten und deren größte Gruppe, die Käfer.

Das weiße Muskelfleisch des Fisch enthält das potentiell allergen wirkende Eiweiß Parvalbumin, ein kalziumbindendes Protein, hierauf reagieren ca. 95 % der Fischallergiker. Japanische Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass Parvalbumin auch im dunklen Fischfleisch enthalten ist, aber in viel geringerer Menge. Somit ist das dunkle Fleisch theoretisch nicht so allergen. Neben Parvalbumin haben manche Fische auch andere Allergene, z.B. Gelatine. Die Makrelenart Seriola quinqueradiata enthält als einziger Fisch praktisch weder im weißen noch dunklen Fleisch Parvalbumin und wird meist auch von Patienten mit einer Fischallergie gut vertragen.

Eine Fischallergie (immer IgE-vermittelt) bleibt meist lebenslang erhalten und die Reaktionen auf Fischallergene sind oft schwer. Extrem empfindliche Patienten reagieren auch auf Reste bzw. Spuren von Fisch in Bratöl oder Frittierfett, auf schlecht gespültem Kochgeschirr oder andere, bisher nicht näher untersuchte bzw. individuell allergene Fischarten- oder Eiweißbestandteile.

Allergie-Prävention: Neuesten Studien zufolge kann das Zufüttern von Fisch bereits ab dem 6. Monat  positive Effekte auf die Allergentoleranz haben. Im Gegenteil zu bisherigen Empfehlungen soll Fisch nun zumindest vor dem 9. Monat erstmalig gefüttert werden.

Reaktionen können vielfältig und individuell auftreten. Ist das Nervensystem betroffen, treten Kopfschmerzen/Migräne, Übelkeit, Unruhezustände, Migräne, Depressionen oder auch
Nervenentzündungen auf. Das Herz-Kreislauf-System reagiert mit Herzrhythmusstörungen, Herzrasen, Kollaps, Kreislaufversagen bzw. anaphylaktischem Schock. Im Verdauungstrakt
kommt es zu Magen-Darmstörungen bis zum schweren Durchfall, Sodbrennen, Darmentzündungen, Gastritis oder starkem analen Juckreiz. In der Mundhöhle, dem Hals oder Rachen treten Zungenbrennen, Juckreiz, Taubheitsgefühl, Aphtenbildung oder Zahnfleischentzündungen auf. Die Augen reagieren mit Rötung, Tränenfluss und geschwollenen Augenlidern, die Nase mit Schnupfen, Niesattacken, chronischen Nebenhöhlenerkrankungen und Schleimhautschwellungen. Juckreiz, Rötung, herpesähnlicher Ausschlag, Akne oder trockene und rissige Haut an den Ohren können einen Hinweis geben. Bei Reaktionen über die Atemwege überwiegen Atemnot, Asthma und chronischer Husten. Die Haut zeigt Reaktionen in Form von Nesselsucht, Quinke-Ödem und chronische Urtikaria.

Vorsicht ist geboten, wenn Fisch in versteckter Form eingesetzt wird. Das kann z.B. Fischgelatine oder Hausenblase des Fisches als Klärmittel in Bier, Wein und Apfelwein sein. Fischgelatine findet sich als Trägerstoff für Aroma und Vitamine in Vitaminpräparaten, aber auch z.B. in Fanta (außer in Fanta Lemon) oder koscheren Marshmellows. Hier ist die eingesetzte Menge oft so gering, dass nicht deklariert werden muss. Fischgelatine wird allerdings meist gut vertragen, Reaktionen wurden auch bei nachgewiesener IgE- Beteiligung
nur selten beobachtet. Fischleim wird als Klebstoff auf Briefmarken (alternativ selbstklebende Briefmarken) und in der Buchbinderei eingesetzt (Bücher, druckfrische Zeitungen, Broschüren). Weitere versteckte Einsätze (Fischmehl, Surimi, Fisch- bzw. Lachsöl) in Würzmitteln (z.B. in Chips („Oriental“), indische oder chinesische Küche, Futtermitteln (Hühner, Angelsport, Aquarium), Suppenextrakten/Brühwürfel, Pökelfleisch, Nahrungsergänzungsmitteln (z.B. bei Arthrose), Tabletten zur Hyposensibilisierung, Omega 3- bzw. Omega 5-Produkte.

Übrigens sind Omega 3-Fettsäuren laut einer Datenveröffentlichung des „British Medical Journal“ nicht gesünder als schnödes Schweineschmalz. Die vermeintlich heilsame Wirkung beruht allein auf Täuschung, wie Mediziner der Universität Norwich feststellten. Im Gegenteil kann der gehäufte Verzehr schneller zum Tod führen, besonders bei Personen mit Vorschäden des Herzens. Alternativ gibt es Omega-3-Fettsäuren aus Meeresalgen: zu erkennen unter Bezeichnung “enthält DHA-reiches Öl aus der Mikroalge Schizochytrum Sp.” oder “Ulkenia Sp.”. Am Rande: Der Arbeitskreis Ernährungs- und Vitamin-Information (evi) hat vor einigen Jahren den großflächigen Einsatz von Omega 3-Ölkapseln vorangetrieben mit dem Hinweis, dass die Evolution erst vorwärts gekommen ist, nachdem der Mensch Fisch in seine Ernährung aufgenommen habe. Dazu sollte man wissen, dass evi vom holländischen Pharmaunternehmen DSM finanziert wird, einem der größten Hersteller von Omega 3-Produkten. Kann Werbung besser eingesetzt werden?

Insulin: Zur Herstellung wird Human-Rinder- oder Schweine-Insulin verwendet.  Reaktionen können gegen diesen Stoff, meist aber gegen den Begleitstoff Protamin, ein Lachsextrakt,  auftreten. Typ II-Diabetiker entwickeln zumeist deshalb im Laufe der Behandlung eine Fischallergie.

Kreuzreaktionen können auftreten bei der Milben-, Hausstaub- oder Vorratsmilbenallergie, Küchenschabenallergie, Krustazeen (Hummer, Fluss- und Taschenkrebse, Krabbe, Languste, Auster, Shrimps), Schnecken (milbenverwandt), Hühnereiallergie (gefüttertes Fischmehl reichert sich im Eigelb an) und Lichen ruber (Jodunverträglichkeit).

„Unser Bruno studiert jetzt Anglistik!“ – „Ach? Ich dachte immer, er hasst Fisch?“

Vor einigen Jahren kam eine junge Frau wegen diverser Allergien, unter anderem auf Fisch,  in die Beratung. Sie hatte zu der Zeit krankheitsbedingt ihren Beruf aufgeben müssen und begann gerade eine Umschulung. Zum Thema Umschulung sage ich so zu ihr: „Da sollten Sie aber aufpassen, dass Sie demnächst nicht beruflich mit Büchern zu tun haben.“. Sie schaut mich entgeistert an und sagt: „Ich bin Buchhändlerin“. Immer wenn sie ihren Arbeitsplatz betrat, setzten Atemprobleme, Reizhusten, Juckreiz und bleierne Müdigkeit ein. Den Arbeitstag überstand sie nur mit starken Antihistaminika. Im Urlaub oder während der zwangsläufig häufigen Krankmeldungen hatte sie keine Beschwerden. Als sie dann von mir erfuhr, dass Bücher z.B. mit Fischleim gebunden werden, wurde ihr auch die Ursache der Beschwerden klar. Weder der Betriebsarzt noch Gutachter hatten während des langen Anerkennungsverfahrens zur Berufsunfähigkeit auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

Kurioses am Rande oder „Das Fischstäbchen im Aquarium“:
Das London Sea Life Aquarium führte im Jahre 2012 eine Umfrage unter ca. 100 siebenjährigen Kindern durch, sie wurden nach ihnen bekannten Fischarten gefragt. Zu den drei meistgenannten Fischen gehörten der Gold- sowie der Clownfisch und das Fischstäbchen. Darauf machte sich das LSLA den Spaß und startete eine Aktion: in einem eigenen kleinen Aquarium wurde eine besondere Fischfamilie angesiedelt. Der Rumpf der Fische bestand aus Fischstäbchen, Kopf und Flossen wurden aus echten Fischen „montiert“. Mehrere Wochen lang konnten große und kleine Besucher nun die Fischstäbchen-Familie bewundern. Unglaubliche bzw. traurige Bilanz: Nicht nur viele Kinder, sondern auch Erwachsene hielten die Attrappen für echte Fische!


 


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