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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (18)

Wussten Sie schon, …

dass der Märchendichter Hans Christian Andersen jeden Abend einen Zettel neben sein Bett legte? Der Dichter hatte einen tiefen und reglosen Schlaf. Ihn quälte daher die Vorstellung, lebendig begraben zu werden. Der Zettel sollte dies  verhindern, darauf stand: „Ich bin nicht tot, ich schlafe nur.“ Vielleicht hat er, sozusagen als Therapie, deshalb seine Ängste im Märchen vom „Sterntaler“ verarbeitet.

Im Märchen der Brüder Grimm wird mehrfach die uns als Neurodermitis bekannte Überempfindlichkeit aufgegriffen, so z.B. bei Schneewittchen oder Der Prinzessin auf der Erbse. Der Begriff Neurodermitis wurde 1844 geprägt. Damals glaubte man noch, sie wird durch eine Nervenerkrankung ausgelöst („Neuro“). Später kam der Begriff der atopischen Dermatitis („Derma“) auf. Frei übersetzt: eine krankhaft veränderte Haut, deren Ursache weitgehend unbekannt ist. 1973 wurde dann die allgemein gültige Definition übernommen, d.h. ein überempfindlicher Hautzustand, der auf diverse Reize überreagiert.Auch den Herren Grimm muss also die damals geltende Begriffsbestimmung geläufig gewesen sein.

Die Psychologie sieht in dem gläsernen Sarg ein Synonym für Neurodermitis, das sogenannte „Schneewittchensyndrom“. Der Mensch fühlt sich wie in einem Sarg eingeschlossen, immer sichtbar (z.B. durch die auffälligen Ekzeme), aber für die Umgebung nicht zu erreichen. Er/Sie verharrt „wie tot“. Der Prinz öffnet diesen „Sarg“ und rettet Schneewittchen mit einem Kuss (eine direkte Berührung der tabuisierten bzw. als „abstoßend“ empfundenen Haut). Diese liebevolle Tat soll uns sagen, man muss auch Hilfe annehmen können und sich nicht abkapseln. Und: Liebe sieht über alles hinweg.

Ein Gast in Nöten: „Hilfe! Hier ist eine ganz eklige Haut auf meinem Kakao!.“ Ruft ein weiterer Gast: „Lassen Sie mich durch, ich bin Dermatologe.“
Oder:
Der Gast kratzt sich ausgiebig. Kommt der Ober: „Juckreiz? Dann probieren Sie doch mal unsere Reibekuchen.“

Der Begriff „Glassarg“ entspricht dem heidnischen Wort für Glasberg, er befindet sich im Raum Kassel/Hanau, dem Heimatort der Brüder Grimm. Mit Glasberg wurde die Totenstätte bezeichnet, ein für Beisetzungen benutzter Berg. Der vergiftete Apfel ist ein Hinweis auf die zeittypische Art des Mordes, nämlich Vergiftung durch Arsen. Andere Deutungen sehen in dem Apfel aber auch eine Kreuzallergie auf  Pollen und das Ersticken als anaphylaktische Reaktion.

So hat auch die Prinzessein auf der Erbse ihr Kreuz zu tragen, sie ist so hautempfindlich, das sie den „Fremdkörper“ durch mehrere Schichten Decken spürt. Zudem ist die Erbse (und die Linsen bei Aschenputtel) als Hülsenfrucht ein Kreuzallergen zu Gräserpollen. Litt die Prinzessin etwa an Heuschnupfen? Als typische Folgeerkrankung der Neurodermitis wäre das nicht verwunderlich. So könnte die Reaktion (Niesen, Husten, nächtliche Schlafstörung) unter die typischen Symptome eines Heuschnupfens eingeordnet werden.

Ein anderes Opfer des Heuschnupfens wurde Zwerg Nase (Wilhelm Hauff 1826). Er wird mittels des Krautes Nieswurz „verzaubert“ und ändert seine Gestalt. Nieswurz ist die uns bekannte Christrose, auch Schnee- oder Lenzrose genannt. Sie gehört als Hahnenfußgewächs zu den Frühblühern. Durch die allergische Reaktion auf dieses Pollenallergen ändert er sein Auftreten/Erscheinungsbild. Er fühlt sich entstellt (durch Schleimhautschwellungen unklare Gesichtszüge) und wird im Haus vor den Blicken anderer  „verborgen“. Erst die Zuneigung eines anderen ebenfalls „verzauberten“ Wesens (die arme Gans hatte wohl auch eine Allergie) erlöst ihn und er kann in seiner ursprünglichen Gestalt/ seinem eigentlichen Wesen, glücklich werden.

Die politische Bedeutung dieses Märchens kann unter dem Stichwort „Kräuterkrieg“ gegoogelt werden. Streitigkeiten zwischen Regierung und Stadtregenten werden in dem Märchen mittels phantasievoller Rezepte und Gewürze auf die Schippe genommen, ohne dass der Urheber rechtlich belangt werden konnte.

Oder nehmen wir den Zappelphilipp: Heinrich Hoffmann (1809-1894) hat in seinem „Struwwelpeter“ von 1845 das Phänomen AD(H)S auf den Punkt gebracht. Er war Leiter der „Anstalt für Irre und Epileptische“ und hat eigentlich für seinen 3jährigen Sohn die Geschichte des Zappelphilipp geschrieben. Er stellte aber fest, dass die Kinder der Kinderabteilung, die sonst nur herzzerreißend schreien, nach der Mama weinen oder den Kopf gegen die Wand schlagen beim Vorlesen der Geschichte ruhig und aufmerksam waren, kurz gesagt: glücklich. Zu der Zeit war es allgemein üblich, dass Kinder still und unauffällig zu sein hatten, da fiel ein Unruhiges natürlich unangenehm auf. Die Art der Unruhe (zappelig, unaufmerksam, herumkaspern, Stuhl wippen etc., verträumt) ist aber kein „modernes“ Erscheinungsbild, wie auch seine Geschichte vom „Hans guck in die Luft“ (ADS ohne Hyperaktivität) zeigt.

So kann auch der Suppenkasper zum einen als hyperaktiv gesehen werden, aber auch als Nahrungsmittelallergiker, der sich weigert, eine unverträgliche Mahlzeit zu verzehren (Sellerie in der Suppe?). Er ist aber vor allem wohl als erster Patient mit nervöser Anorexie (Magersucht, Essstörung) bekannt worden oder schlicht Opfer eines Diätwahns.

Apropos Diät
„Wenn ich weiterhin die von Ihnen verordnete Diät befolge, Herr Doktor, werde ich eines Tages ins Gras beißen!“ „Das schadet nicht. Gras hat nur sechs Kalorien“.

Die allergiebezogene Deutung der Märchen spricht einige weitere Allergene an. Lassen Sie mich auch dazu kurz etwas sagen (in weiteren Kolumnen werde ich je nach Thema näher darauf eingehen):

Der Begriff Allergie wurde vom Österreicher Clemens von Pirquet geprägt. Sein erster Artikel zu „Allergie“ erschien im Münchner Medizinischen Wochenblatt am 24.7.1906.

Eine Hieroglyphenschrift aus dem Jahre 2641 vor Christus deutet darauf hin, dass Pharao Menes von Ägypten am Ufer des Nil von einer großen Wespe („Kheb“) gestochen wurde und an den Folgen starb. Damit war er wohl der erste Allergiker der Weltgeschichte. 1699 n. Chr. beschreibt der Mönch Ulrich Staudigl (Benediktinerkloster Andechs) ausgiebig die „merkwürdigen Symptome nach Bienenstichen“. In den Jahren 1799-1900 erscheinen weltweit weitere Veröffentlichungen zu Bienen- bzw. Wespenstichen.

Schimmelpilze, sprich Hefebakterien, produzieren Enzyme, mittels derer Bier, Brot, Wein und Medikamente hergestellt werden können. Eine über 4000 Jahre alte Steintafel, die in Ägypten gefunden wurde, zeigt Menschen beim Brotbacken und Bierbrauen. Heute wissen wir, dass der Hefepilz Saccharomyces cerevisiae diese Wunderwerke vollbrachte. Vor mehr als 100 Jahren (1870) beschrieb der Arzt Charles Blackley, London, bereits die erste Allergie gegen Schimmelpilze bzw. Schimmelpilzsporen im Rahmen der Studien zu Heuschnupfen.

Britannicus (41 nach Christus), Sohn von Kaiser Claudius und seiner dritten Ehefrau Messalina, reagierte nach jeder Reitübung mit brandrotem Ausschlag im Gesicht. Damit ist er der erste bekannte Pferde- bzw. Tierhaarallergiker in der Geschichte der Allergologie. 1550 konnte der Mailänder Arzt Gerolamon den Erzbischof John Hamilton (1511-1571) erfolgreich behandeln. Der gute Erzbischof hatte immer nachts heftige Anfälle mit Atemnot und Husten. Nach 40tägiger Beobachtung des Patienten ließ er das mit Federn gefüllte Bettzeug gegen ein mit Seide und Leinen, gefüllt mit Stroh, austauschen und die Anfälle verschwanden.

Bereits 1570 wurde von Pietro Andrea Mattioli über Reaktionen auf Katzenhaare berichtet. Er schildert, wie ein Mensch starke Beschwerden entwickelte, wenn er in einem Raum mit einer Katze war. Der Mediziner machte nach längerer Beobachtung schließlich die Katzenhaare für die Reaktionen verantwortlich.

Erste „Heufieber“beobachtungen wurden 1862 von Philip Phoebus als Rundbriefe herausgegeben, er erfasste Fälle aus ganz Europa tabellarisch. Bereits 1883 äußerte der Londoner Arzt John Elliotson (1791-1868) nach Beobachtung seiner Patienten die Vermutung, dass Gräserpollen (Kreuzallergene u.a. Erbsen, Linsen) Auslöser für eine Krankheit sein könnten. 1874 wurde der erste Heuschnupfenauslöser von Charles Harrison Blackley diagnostiziert, er gilt als Begründer der Heuschnupfen- und Pollenforschung. Der „Große Brockhaus“ berichtet 1880 erstmals über „Heufieber“.

Der Londoner Arzt John Bostock publizierte 1565 seine Beobachtungen, dass in der Nähe von Rosen auffällig häufig Katarrh und Asthma auftraten. Er nannte diese Symptome „Rosenschnupfen“. Überlieferungen zufolge sind bereits vor 1000 Jahren Einwohner Persiens immer im Frühjahr am sogenannten „Rosenschnupfen“ erkrankt, eine allergische Reaktion auf Rosen bzw. deren duftende ätherischen Öle. Seneca, Philosoph und Erzieher Neros (4 v. Christus-65 n. Christus), gilt als der erste bekannte Asthmatiker der Geschichte.

Die erste „erfolgreiche“ Provokation mit Fischserum wurde 1921 von zwei deutschen Medizinern im Selbstversuch erbracht: Dr. Carl Prausnitz ließ sich von seinem Kollegen Dr. Heinz Küstner, einem Fischallergiker, Blutserum in die Haut spritzen. Als Dr. Prausnitz sich am folgenden Tag an der selben Stelle einen Fischextrakt injizierte, entwickelte er an dieser Stelle eine allergische Reaktion, die erste seines Lebens.

Sie sehen, die Zivilisationskrankheit „Allergie“ ist keine neuzeitliche Erscheinung, es ist alles schon mal da gewesen, die Mode genauso wie Allergien. Und: Allergien müssen auch nicht immer streng wissenschaftlich abgehandelt werden, manchmal ergeben sich neue Möglichkeiten, mit ernsten Erkrankungen heiter bzw. wenigstens gelassener umzugehen. Lachen ist die beste Medizin. Im übrigen sollten wir nicht die Menschen beneiden, die bisher von Allergien verschont blieben, denn wie schon Dr. med. Eckart von Hirschhausen sagt:

„Es gibt keine gesunden Menschen – nur Patienten, die nicht gründlich untersucht wurden“

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 


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