});

Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (17)

Wussten Sie schon, …

dass Märchen schon immer in Sinnbildern den Zeitgeist widergespiegelt haben? Mord und Totschlag verloren in einer Erzählung mit „Happy End“ seinen Schrecken, dienten aber gleichzeitig als Abschreckung oder Warnung. Anders als im richtigen Leben wurde der Böse immer entlarvt und bestraft. Das geschah mitunter auch recht drastisch, wie das Beispiel der bösen Stiefmutter in Schneewittchen zeigt, die in glühenden Schuhen in den Tod tanzen musste, doch dem Gerechtigkeitssinn wurde damit Genüge getan. Auf die Situation eines Allergikers gemünzt entspricht das wohl der Genugtuung, wenn eine schwere allergische Reaktion einen bisher Ungläubigen trifft: Sprüche wie: „Jetzt stell dich mal nicht so an“ wird derjenige so schnell nicht wieder von sich geben.

Aber auch ernsthafte Themen fanden sich versteckt in manch einer „Gute-Nacht-Geschichte“. Was schon die Gebrüder Grimm und andere Märchenerzähler z.B. über Neurodermitis (Schneewittchen, Prinzessin auf der Erbse), Heuschnupfen, (Kreuz)-Allergien (Schneewittchen, Zwerg Nase) oder AD(H)S (Zappelphilipp, Hans guck in die Luft, Suppenkasper), u.v.m. wussten und wie damit umgegangen wurde, soll Ihnen dieser Beitrag nahe bringen. Da es zu diesem Thema eine Fülle an Beispielen gibt, erlaube ich mir, heute einige Märchen humoristisch zu „beleuchten“ und in einer weiteren Kolumne dann auf einzelne Beispiele näher einzugehen.

Der Mythos Märchen setzt sich zusammen aus mehreren Arten von Erzählungen; (Helden)-Sagen, Märchen, Legenden (christliche Glaubenserzählungen) oder landestypische Mythologie. Märchen entstanden z.B. oft aus einem Misch diverser Mythologien. Sie sind deshalb schwer von anderen Mythen abzugrenzen. Meist wurden überlieferte Geschichten bzw. Versionen eines Märchens gekürzt oder regionalgeprägt verändert. So gibt es aus den Jahrhunderten zu verschiedenen Märchen auch unzählige Abwandlungen und Deutungen, siehe Schneewittchen oder Rotkäppchen (über die Jahrhunderte von unverhohlen erotisch über frivol bis sittsam brav). Die Geschichten wurden erzählt, um vor allem das Volksgut zu bewahren, Tratsch und Klatsch in moralisch unbedenkliche Bahnen zu lenken, aber auch um uralte Ängste der Kinder anzusprechen und zu bändigen. Lange Abende bei Kerzenlicht (es gab ein Leben vor der Erfindung des Stroms) eigneten sich dazu besonders, der Erzähler sorgte für Kurzweil bei notwendigen Arbeiten wie Wolle spinnen oder Stick-, Strick- und Häkelarbeiten. Durch die Brüder Grimm wurden diese (deutschen) Erzählungen erstmals gesammelt und allgemein zugänglich gemacht.

Die folgenden Märchenbeispiele entstammen bis auf „Die Prinzessin auf der Erbse“ (Hans Christian Andersen, 1837) alle der ersten Edition von Grimms` Märchen aus dem Jahr 1812. Den Text habe ich in den 80er Jahren mal in einer DAAB- Ausgabe gefunden und wo es passte, leicht abgewandelt bzw. ergänzt, er stammt laut Quellenangabe ursprünglich von Frau Dr. med. Dürthen Geißler, Berlin.

Warum Hans im Glück mit leeren Händen nach Hause kam
- Märchen allergisch betrachtet -

„Es war einmal, „ so erzählte der gestiefelte Kater, „ein Müllerssohn. Der sollte nach seines Vaters Willen eigentlich mein neuer Besitzer und Herr sein, aber leider war dieser Müllerssohn allergisch gegen Katzen. Er hat mir zwar auf meinen Wunsch noch ein Paar Lederstiefel fertigen lassen, aber dann mussten sich unsere Wege trennen: seine Unterhaltung bestand nur noch aus „Hatschi“, Naseschneutzen und Husten. Und so stiefelte ich wohlgemut in die Welt hinaus und ließ den Müllerssohn erleichtert zurück.“

„Du hast es besser getroffen als ich,“ sagte Schneewittchen. „Du konntest weglaufen. Ich bin auf Äpfel allergisch, was ich bis dahin nicht wusste. Als nun diese alte Frau mir einen halben Apfel zu essen gab, blieb mir die Luft weg. Die sieben Zwerge weinten und legten mich in einen gläsernen Sarg. Zum Glück stolperte ein schusseliger Prinz über mich.“

„Ich wurde auch bestraft, weil ich allergisch bin,“ mischte sich die Pechmarie ein. „Alle meinen, ich bin faul. Das ist das übliche Vorurteil. Niemand will wahrhaben, dass ich auf Federbetten und Hausstaubmilbe allergisch bin und deshalb Frau Holles Betten nicht aufschütteln konnte. Nach drei Tagen bekam ich einen Asthmaanfall und Frau Holle jagte mich davon. Allergisch zu sein ist doch schon Pech genug…!“

„Das habt ihr davon,“ stichelte das Rumpelstilzchen. „Die Müllerstochter war allergisch auf Schimmelpilze im Stroh. Deshalb konnte sie es nicht anfassen und zu Gold spinnen – und ich musste dann diese Arbeit machen. Und dann wurde ich noch um meinen Lohn geprellt!“

„Oh weh, arbeiten“, seufzt Aschenputtel und betrachtet ihre zierlichen Füße. „Gut, dass mir die Tauben geholfen haben, die Linsen aus der Asche zu picken. Ich mit meiner Allergie auf Linsen hätte es nie geschafft. Und verschnupft wollte ich auch nicht auf den Ball gehen. Wer weiß, was für eine großfüßige Frau mein Prinz sonst geheiratet hätte!“

„Ja, ja,“ brummt Hans im Glück. „Wenn ich nicht allergisch gewesen wäre, dann…! Erst wurde ich allergisch auf das Pferd, dann auf die Kuh, auf das Schwein und zuletzt auf die Gänsefedern. Was Wunder, dass ich ein Tier nach dem anderen weggeben musste. Schließlich wollte ich wohlbehalten bei der Mutter zu Hause ankommen und nicht unterwegs ersticken! Aber das Ungerechte daran ist: Alle meinen, ich sei dumm gewesen. Dabei bin ich doch nur allergisch!“

„Mir geht es ähnlich,“ pflichtet ihm die Prinzessin auf der Erbse bei. „Alle sagen, ich sei eine verzogene Göre, weil sie denken, die Erbse unter der Matratze habe mich gepiekst. Alles Unsinn, ich musste niesen und husten – wie immer bei Hülsenfrüchten! Allergisch sein ist ein großes Pech!“

„Oder großes Glück!“ widerspricht der Junge, der ausgezogen war, das Fürchten zu lernen. „wenn´ s mir nur gruselte, – das war mein sehnlichster Wunsch. Und er ging in Erfüllung, weil ich eine Fischallergie habe. Das merkte ich aber erst, als in der Hochzeitsnacht ein Wassereimer mit Gründlingen über mich gekippt wurde.“

„Dir hat die Allergie geholfen, aber mir brachte sie viel Angst,“ meinte das Rotkäppchen. „Als ich die Wiesenblumen für die Großmutter pflückte, tränten und juckten meine Augen so sehr, dass ich darüber gar nicht den Wolf bemerkte. Glaubt mir, ich wäre sonst schnell davon gelaufen. Zu schlimm, so ein Heuschnupfen!“

„Wie gut, dass du nicht allergisch bist,“ lächelt Dornröschen ihren Prinzen an, „sonst würde ich immer noch schlafen.“ – „Da irrst du dich, „ entgegnet der Prinz von der Dornenhecke, „ich bin auch allergisch, aber ich tue etwas dagegen!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch beschwerdefrei trotz Allergie!

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke

 


Das könnte Dich auch interessieren:

  1. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (18) Wussten Sie schon, … dass der Märchendichter Hans Christian Andersen...
  2. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (9) Wussten Sie schon, … dass die Kreuzallergie auf Apfel auch...
  3. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (5) Wussten Sie schon, dass es in Deutschland noch keine Richtlinien...
  4. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (21) Wussten Sie schon, … dass eine Urlaubsreise für Allergiker gut...
  5. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (13) Wussten Sie schon, … dass bei Nahrungsmittelallergien von Kindern auf...

Kommentare sind geschlossen.