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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (16)

Wussten Sie schon, …

dass Metallallergien beim Versagen von Metall/Metall-Endoprothesen des Hüftgelenks eine bisher noch zu wenig beachtete  Rolle spielen? An der Uni München nahmen 16 Patienten an einer Studie teil, bei denen nach einer Totalendoprothese einen Revisions-OP durchgeführt werden musste. Bei 13 von 16 Patienten konnte eine systemische Sensibilisierung gegen die eingesetzte Metall-Prothese nachgewiesen werden konnte (Allergietherapie News vom Februar 2009). Implantate aus Titan sind meist unbedenklich, denn Titan ist biokompatibel, d.h. es reagiert nicht mit der Schleimhaut und auch nicht mit anderen Materialien. Allerdings ist Titan recht anfällig und nicht immer komplett nickelfrei. Bei einer trotzdem auftretenden vermeintlichen Titanunverträglichkeit sollte auch nach versteckten anderen Metallen wie Nickel, Chrom oder Kobalt gesucht werden.

Im Fall einer Patientin mit einem Titan-Kleinfragment-Implantat im Sprunggelenk kam es zu einem lokalisierten Ekzem und einer Wundheilungsstörung. Nach Entfernen des Implantats heilte das Ekzem rasch ab. Wie sich im Test herausstellte, hatte die Patientin eine ausgeprägte Kontaktallergie gegen Nickel. Mittels Atomabsorptionsspektrometrie konnte nachgewiesen werden, dass die Titanplatte zwar kein Nickel abgab, wohl aber die verwendeten Unterlegscheiben und Schrauben. Diese versteckte Exposition konnte als Auslöser der Metallimplantatallergie dingfest gemacht (Allergo Journal 2011).

Ebenso biokompatibel und garantiert metallfrei ist Oxinium, es ist bruchsicher, aber trotzdem biegsam und besteht zu 97,5 % aus Zirkonium und 2,5 % Niob. Neu ist eine siebenfache Beschichtung des Implantats aus Zirkonnitrid (Diffusionsbarriere), allerdings gibt es noch keine Daten, ob die Beschichtung nicht im Laufe der Jahre absplittern kann (Allergy News 2010).

Oft wird vor dem Einsetzen einer Prothese (Ersatzgelenke, Stents, Zahnbehandlung) eine Allergietestung auf Nickel oder Chrom/Kobalt empfohlen. Das ist zwar in manchen Fällen hilfreich, es verhindert aber nicht das Entstehen einer Kontaktallergie nach der OP bzw. medizinischen Behandlung. Ist die z.B. nickelhaltige Prothese einmal eingesetzt und verursacht dann Probleme (z.B. Schwellungen, Entzündungen, Wundheilungsstörungen), hilft nur eine zweite OP zwecks Austausch der unverträglichen Prothese.

Nicht jedes Krankenhaus verfügt über einen individuell entsprechenden OP-Saal mit (haut)verträglicher Ausrüstung bzw. ist generell bereit, notwendige Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen. Oftmals wird der Patient als übertrieben vorsichtig angesehen. Und was soll` s, schließlich gibt es ja nach dem eventuellen Desaster Medikamente gegen die Anaphylaxie, Urtikaria oder was so passiert. Bei einer Medikamentenunverträglichkeit stehen natürlich geeignete Ersatzmedikamente zur Verfügung, aber was ist mit nickelfreien Prothesen oder latexfreien Wundschläuchen?
 
Doch wo lauern im Einzelnen die Gefahren beim Kontaktallergiker? Nehmen wir z.B. Nickel; Infusionslösungen, auch wenn sie lt. Inhaltsangabe nur aus einer Substanz bestehen, enthalten  immer als Katalysator Nickelverbindungen, sogenanntes „Wasser für Injektionszwecke“ oder „gereinigtes Wasser“. Eine Reaktion nach einer Impfung, Dauertropf, Sondenernährung oder Narkose muss also nicht zwangsläufig an dem verabreichten Medikament liegen. Auch besteht die Infusionsnadel sowie generell OP-Besteck an sich meist aus einem nickel- und/oder z.B. chromhaltigen Material. Heftige, z.T. anaphylaktische Reaktionen sind möglich. Bei einer Impfung gibt’s einen kurzen Kontakt mit der z.B. nickelhaltigen Nadel, aber wird ein Zugang gelegt, dann bleibt die Nadel u.U. einige Tage in der Haut.

Naturlatex in der Medizin; der Einsatz von Naturlatex ist auch im medizinischen Bereich sehr zahlreich, so z.B. OP-Handschuh, Fingerlinge, OP-Hauben, OP-Schuhe, elastische Binden, Gummianteil in Kompressionstrümpfen, Gummiunterlagen, Gummibänder der OP-Masken, Wunddrainagen, Beatmungsmasken, Schläuche und Zubehör, Katheter und Blasenkatheter, Tuben, Amputations-Beutel, Urinbeutel, Trachealtuben, Injektionszubehör, Infusionsbestecke, Darmrohre, Zubehör für Cholon-Kontrastdarstellung, Gummianteile in Infusionsbestecken, Dental Darm (Kofferdam), Verbände und Pflaster, Dekubitusringe, Blutdruckmanschetten, Kieferorthopädische Spanngummis, Zahnkeile, Kompressionsbinden- und Strümpfe, Stethoskope und vieles mehr. Wie bei Nickelsulfat sind hier neben Urtikaria oder Ödemen auch heftige anaphylaktische Reaktionen zu erwarten. Weitreichende Karenzmaßnahmen sind bei einer Latexallergie (über)lebensnotwendig, da bereits Stäube von Latexproteinen Reaktionen auslösen können oder das Berühren einer Türklinke, die zuvor mit latexhaltigen Handschuhen angefasst wurde. Im Extremfall muss auch der Zimmergefährte latexfrei versorgt werden.
Infusionslösungen, Narkose etc.; Probleme bereiten auch Konservierungsmittel (z.B. Thiomersal), Wollwachsalkohol, Antibiotika, Duftstoffe oder für Nahrungsmittelallergiker Soja- oder Hühnereiweiß als Bestandteil von Nährlösungen in Infusionen, Dauertropf, Sondenernährung, Narkosemitteln, Medikamenten.

Die Auflistung könnte noch viel umfangreicher weitergeführt werden, aber Sie sehen auch so, dass man nicht blauäugig zur OP-Bank schreiten sollte. Sind Operationen vorhersehbar bzw. können zeitlich geplant werden, dann setzen Sie sich rechtzeitig mit dem gewünschten Krankenhaus bzw. der behandelnden Station in Verbindung und weisen auf Ihre spezielle Problematik hin. Auch wenn Sie auf Widerstand stoßen, eine gründliche Vorbereitung kann maßgeblich für das Gelingen einer OP sein. Hier in Deutschland tut man sich etwas schwer mit vorbeugenden Maßnahmen, andere Länder sind da weiter. Krankenhäuser in den USA verfügen z.B. verpflichtend über einen latexfreien OP-Saal, in der Schweiz z.B. ist eine nickelfreie OP-Ausrüstung selbstverständlich. Oder denken Sie an die Niederlande, dort ist der Krankenhauskeim MRSA praktisch ausgerottet.

Bei Verdacht auf Implantatunverträglichkeit finden Sie z.B. Hilfe unter www.allergie-centrum-ruhr.de  (Uni Bochum), Ludwigs-Maximillians-Universität München (Datenbank zu Patienten mit Implantatunverträglichkeit) sowie beim Deutschen Berufsverband der Umweltmediziner, www.dbu-online.de.

 „Nur keine Panik,“ beruhigt der Arzt den Patienten, „wir haben diese Operation schon 30mal gemacht, einmal muss sie ja klappen.“

In meinem Fall waren die zwei stärksten Komponenten zu berücksichtigen, Nickel und Latex. Das zuständige Krankenhaus war sofort bereit, alle notwendigen Instrumente, sonstige geeignete Gebrauchsgegenstände sowie eine nickelfreie Kniescheibe aus Oxinium zu bestellen. Der angedachte OP-Termin musste zwar etwas verschoben werden, um Zeit für die nötige Ausrüstung und die Vorbereitung des OP-Saales zu haben, aber das nimmt man dann ja in Kauf. Leider wurde trotz intensivem Vorbereitungsgespräch bei der Medikamentengabe versehentlich ein unverträgliches Medikament gegeben, weil die Info wohl nicht rechtzeitig auf der Station eintraf. Das kostete mich dann drei Monate Flush-Reaktionen. Dazu kam noch eine Urtikaria-Reaktion auf einen Drainageschlauch, der wohl doch nicht 100 % latexfrei war. Aber im großen und ganzen hat sich das Warten auf die sehr spezielle Kniescheibe gelohnt.

Nicht so fit war das Krankenhaus in Bezug auf die Ernährung (u.a. auch nickelhaltige sowie latexassoziierte Lebensmittel). Als der OP-Termin bekannt war, habe ich versucht, mich vorsorglich mit der Küche in Verbindung zu setzen. Wen ich auch ansprach, ich wurde stets weiterverbunden mit dem Spruch, „dafür ist die Station…/Schwester …/… oder sonst wer zuständig.“ Leicht genervt sagte man mir schließlich, es wäre ausreichend, bei der Aufnahme einen Zettel mit den wichtigsten Informationen abzugeben, dann würde sich schon jemand kümmern. Die Stationsschwester meinte „irgendwas finden wir schon, spätestens am zweiten oder dritten Tag bekommen Sie das Richtige.“ Da ich aber keine Lust auf Nulldiät hatte und „irgendwas“ nicht immer so das Richtige ist, habe ich trotzdem sowohl der Küche als auch der entsprechenden Abteilung die Info vorab zugefaxt und mir in weiser Voraussicht ein paar verträgliche Kekse eingesteckt. Bei meiner Aufnahme passierte, was zu erwarten war, ich musste alle Angaben noch mal machen, weil die Info nicht aufzufinden war. Ganz abgesehen davon, dass das Essen eine Katastrophe war und trotz genauer Anweisung lustig gekocht wurde, was der Koch sich so dachte, wollte man mich auch noch missionieren und empfahl eine „nährstoffreiche Vollwertkost“ mit vielen stark nickelhaltigen Ballaststoffen. Eine Mitarbeiterin wäre gern bereit, mich zu informieren. Ich habe dann recht frustriert und deutlich auf mein wissenschaftliches Sachbuch zur Nickelallergie hingewiesen und auf die Tatsache, dass ich schon 20 Jahre selbst Kurse zu allergiebedingten Diäten gebe und sicher mehr darüber weiß, als die (junge) Mitarbeiterin je noch lernen kann. Danach war staunende Ruhe, im Gegenteil, Chefarzt und Kollegen waren dann sehr interessiert und zumindest die medizinische Betreuung war optimal. Nur mit dem Essen haperte es nach wie vor, mir blieb nur, mich über 2 Wochen quasi von Brot und mitgebrachtem Aufstrich zu ernähren, da von jeder warmen Mahlzeit höchstens eine Komponente akzeptierbar war (mal die Kartoffeln, mal das Gemüse), grundsätzlich aber alles ohne Salz/Gewürz (Allergie gleich Schonkost oder wie?). Allerdings bekam ich direkt den Tee in einer Porzellankanne serviert statt in Edelstahl, das zumindest zeugte von Mitdenken.

Wie mangelhaft auch Mediziner über mögliche allergene Nahrungsmittelbestandteile in Medikamenten informiert sind, zeigt folgendes Beispiel: An einem Sonntag morgen recht früh klingelte das Telefon und es meldete sich ein Krankenhaus der Nachbarstadt. Sofort sortiert man für sich, wo sich die eigenen Kinder befinden und ahnt Schlimmes. Tatsächlich aber war ein kleiner Patient mit bekannter extremer Hühnereieiweißallergie notfallmäßig eingeliefert worden, der Blinddarm wollte raus. Die Ärztin wurde von den Eltern des kleinen Patienten auf die Allergie hingewiesen und dass Hühnereibestandteile auch in Medikamenten bzw. Impflösungen verarbeitet sein können. Da die Zeit drängte und die Ärztin zugeben musste, nicht allzu gut informiert zu sein, fragte sie nun auf Drängen der Eltern bei mir nach, worauf sie eventuell zu achten hätte. Nachdem das geklärt war, konnte der Patient vom Übeltäter befreit werden.

 

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke

 


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