});

Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (15)

Wussten Sie schon, …

dass hinter der Werbung „Wir kochen für Allergiker“ oft ein Etikettenschwindel steckt? Sicher ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass mittlerweile Restaurants, Hotels,  Tourismus-organisationen oder auch der Bäcker nebenan Produkte für Allergiker anbieten, die z.B. laut Werbung laktose- und glutenfrei sind. Das ist ja sehr löblich, nur haben weder die Laktoseintoleranz noch die Zöliakie etwas mit Allergien zu tun.

Das sind, wie der Name schon sagt, Intoleranzen und unterliegen als Verdauungs- und Verarbeitungsstörungen gänzlich anderen Kriterien als Allergien. Doch nicht nur in der Gastronomie sind seltsame Auswüchse zu beobachten, sondern auch an normalen Orten wie der Käsetheke im Supermarkt. Dort kann man unter zahlreichen glutenfreien Käsesorten wählen! Seit wann enthält Kuhmilch Getreide? Bei Salatdressings kann ich die werbewirksame Bezeichnung verstehen, denn servierfertige Salatsaucen enthalten oft Getreideanteile, aber wer will im Lokal – bei den Preisen! – schon mit Fertigsauce abgespeist werden?

Es gibt übrigens auch keine Glutenallergie oder Glutenempfindlichkeit (trotz werbewirksamer Bangemacherei diverser Gruppierungen). Manche der Symptome einer Zöliakie können durchaus mit einer Getreideallergie verwechselt werden. Aber dazu haben wir Fachärzte, die den Unterschied zweifelsfrei diagnostizieren können und somit unnötige Diäten bzw. massive Ernährungseinschränkungen verhindern.

Die Aussage „Allergikerfreundlich“ ist eine Selbstauskunft der Gastronomie und Unterkünfte, aber geprüfte und tatsächlich zertifizierte Unterkünfte sind kaum zu finden. So gilt ein Zimmer oder Ferienwohnung schon als Allergikerfreundlich, wenn der Boden feucht wischbar ist oder freundlicherweise die Federbetten vor Zimmer-Bezug entfernt werden. Aber auch Zimmer mit abgenutztem und eklig fleckigem Teppich sind Allergikerfreundlich, wenn die Bettausrüstung aus waschbarem Material ist oder Haustiere nicht zugelassen sind. Die Regelung mit den Tieren ist jedoch flexibel, aus eigenem Erleben weiß ich, dass da gerne gelogen (upps, sagen wir kreativ geantwortet) wird. In Gaststätten stößt man an Grenzen, wenn Personal nicht richtig zuhört oder der Koch eigene Vorstellungen von dem Stellenwert der Allergie hat. So ist mir mal nach meiner Bitte, den Salat wegen der Milcheiweißallergie ohne Sahnedressing zu servieren, der Salat in einer Joghurtsauce angerichtet worden!

Die ECARF-Stiftung bietet derzeit das einzige verbindliche Gütesiegel (auch für andere Allergikerprodukte, siehe www.ecarf.de ). 2008 wurden z.B. in Baabe auf Rügen 180 Betten in Ferienhäusern und drei Hotels damit ausgezeichnet, 2011 auch Betriebe in Bad Hindelang. Hier finden Nahrungsmittelallergiker seither in Restaurants, Lebensmittelläden, Bäckereien oder Cafes Produkte ohne Zusatz von z.B. Milch, Ei, Nüssen, Gluten usw. Das Team des Allergie-Zentrums der Charite überwacht die Mitarbeiterschulungen und führt mit den Bürgern, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen Informations- und Aufklärungs-gespräche. Die Angebote vor Ort finden sich unter dem Hinweis „Wir machen mit – Hier gibt es …..z.B. ohne Milch hergestelltes Eis“. Übrigens: Falls jemand von Ihnen diesen Service tatsächlich vor Ort in Anspruch genommen hat, sind die Leser sicher an Erfahrungsberichten interessiert. Der DAAB e.V. nennt Mitgliedern auf Anfrage auch weitere geeignete Unterkünfte und spezielle Vergünstigungen.

Wie gut ein Lokal informiert ist (oder auch nicht), können Sie also direkt bei der Bestellung feststellen, wenn Ihnen versichert wird, das ein Produkt laktosefrei ist, obwohl Sie sich als Kuhmilcheiweißallergiker geoutet haben. Das vorgenannte Modell ist sicher verlässlich in Schulung und aktuellem Wissensstand, aber oft werden ideologisch geschulte Berater von z.B. Bäckereien, Restaurants usw. in Anspruch genommen, die dann gerne mal Sahne als grundsätzlich für jeden Kuhmilcheiweiß-Allergiker verträglich propagieren und zur Verwendung von laktosefreier Milch raten (siehe oben). Oder Kuhmilch und Laktose werden in einen Topf geschmissen, obwohl der „normale“ Kuhmilchallergiker kein Problem mit Laktose hat. So fallen oft Lebensmittel aus dem Speiseplan, weil in der Deklaration nicht eindeutig ersichtlich ist, ob nun Kuhmilcheiweiß oder „nur“ Laktose im Produkt enthalten sind, denn es findet sich oft die allgemeine Bezeichnung Kuhmilch/Laktose in der Liste. Auf Wunsch nenne ich Ihnen gern Restauranttipps sowie Adressen für z.B. Ferienwohnungen mit nickelarmer Ausrüstung und ähnliches. Schauen Sie auch noch einmal in die Kolumne Nr. 4 rein.

In einer Taverne: Der Gast wird von dem zum Lokal gehörenden Ziegenbock zu Boden gestoßen. Darauf der Wirt: „Vielleicht haben Sie zuviel an unserem Ziegenkäse kritisiert?“

Im Frühjahr 2012 war ich mit einer VdK-Gruppe in einem Gasthof in Rickenbach („Hotzenwald“). Das war ein Erlebnis der besonderen Art und so noch nie vorgekommen. Trotz vorheriger detaillierter Information per E-Mail war das Lokal nicht in der Lage, mir ein einigermaßen akzeptables Essen zu servieren. Ich musste mich (mit einer Ausnahme) stets mit zwei Stückchen Gemüse, rappeltrockenen Kartoffeln (aus dem Glas, in der Mikrowelle erwärmt) und geschmackslosem Fleisch (allerdings gegrillt, leider ohne Fettzusatz) begnügen, erst am dritten Tag stand eine milchfreie Margarine auf dem Büffet. Bis dahin gab` s die Brötchen trocken, später dann mit Pflaumenmus, anderes stand nicht zur Verfügung. Natürlich kam der Wirt bzw. Koch auch mal an den Tisch und fragte nach meinen Wünschen, die wurden aber ignoriert oder konnten so nicht erfüllt werden, weil die Zutaten fehlten (!?, Reis und Salat waren ein Problem). Ich wurde nämlich immer erst gefragt (im Voraus zu bestellen war offenbar nicht möglich), als das Büffet für die übrigen Reisenden schon parat stand. Der letzte Tag war der Gipfel, da wurde mir abends patzig beschieden, dass man heute nicht auf Sonderwünsche eingehen könnte (als hätte man das bisher in ausreichender Weise getan), man hätte eine Hochzeit (italienisch, daher laut) im Haus und der Koch deshalb keine Zeit! Das für mich einzig mögliche Lebensmittel auf dem Büffet war Sauerkraut und ein paar welke Paprikastücke. Ausgezeichnet, wenn am nächsten Tag eine achtstündige Heimfahrt ansteht! Einzig der Nachtisch war nie ein Problem, jeden Tag gab es einen Suppenteller voll eingemachter Pflaumen (die mussten wohl weg). Da hat man 20 Jahre Erfahrung als Kochkursleiterin, veröffentlicht Rezeptsammlungen und steht dann machtlos vor soviel hotzenwaldischer Ignoranz. Ein Lichtblick war aber die Ruhebank hoch oben im Baumwipfel sowie der unvergessliche Fußballabend mit einheimischen Fans beim Spiel Dortmund-Bayern (natürlich hat Dortmund gewonnen)!

Ähnlich ist es mir mal in einem hiesigen Lokal gegangen, als ich das Steak ohne Kräuterbutter bestellte. Natürlich lag ein großer Klecks Butter auf dem Fleisch. Auf meinen Hinweis meinte die Serviererin, ich könnte die Butter doch beiseite schieben. Ich bat sie darauf hin, doch schon mal den Notarzt zu rufen, denn bis ich das Fleisch gegessen hätte, bräuchte ich den dringend und dann wäre er hoffentlich rechtzeitig da. In der Zwischenzeit hat das Lokal dazugelernt und Essen trotz Allergie ist dort kein Problem mehr.
 

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke

 

 


Das könnte Dich auch interessieren:

  1. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (4) Wussten Sie schon, dass Bezeichnungen wie „Allergen- bzw. Allergiefrei“ oder...
  2. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (19) Wussten Sie schon, … dass von der belgischen Skeptikerorganisation SKEPP...
  3. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (11) Wussten Sie schon, … dass sich die Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind...
  4. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (12) Wussten Sie schon, … dass nicht jede Empfindlichkeit auch tatsächlich...
  5. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (13) Wussten Sie schon, … dass bei Nahrungsmittelallergien von Kindern auf...

Kommentare sind geschlossen.