});

Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (14)

Wussten Sie schon, …

dass der Glaube Berge versetzen kann? Glauben heißt nicht wissen –aber wir wissen genau, was wir glauben! Wir glauben, was wir glauben wollen. Mangels tatsächlicher Bilder oder wissenschaftlich haltbarer Beweise machen wir uns ein eigenes Bild (das nennt man Phantasie, die oft weiterhilft, wenn wir an Grenzen stoßen). Dieses Bild wird aber oft von außen vorgegeben, z.B. durch sogenannte suggestive Handlungen.

Eine geschulte Person kann uns mit einstudierten, zunächst logisch klingenden suggestiven Worten, Mimik oder Gesten ein erwünschtes „Bild“ (z.B. Heilung) vorgeben. Im Endeffekt sind wir überzeugt, uns selbst „etwas Gutes“ angetan zu haben und u.U. unser eigener Heiler zu sein. So erklären sich z.B. viele Suggestivbehandlungen, die wissenschaftlich betrachtet Nonsens sind, niemals auch nur ansatzweise tatsächlich wirken (sonst hagelte es für die Anbieter Nobelpreise in den Kategorien Chemie, Biologie, Physik, Medizin, da revolutionär alle Gesetze außer Kraft gesetzt werden können), aber trotzdem gläubige Anhänger finden. Natürlich sind die Suggestivbehandler viel zu bescheiden, um diese Früchte ihrer Arbeit zu ernten, Dank und gute Einnahmen sind ihnen genug. Gott sei Dank geht es heute für Scharlatane glimpflicher ab als in grauer Vorzeit, da konnte schon mal ein Übeltäter geteert und gefedert werden, seinen Kopf verlieren oder bei Wasser und Brot im tiefen Kerker darben.

Suggestion hat also einen großen Wert in unserer Wahrnehmung von Geschehnissen. Dazu ein Beispiel aus der Psychologie:

Der Psychologe Richard Wiseman (GB) lud Personen zu einer Seance ein. Sie sollten mit Hilfe ihrer Geisteskraft einen Tisch bewegen. Der Tisch bewegte sich keineswegs, aber Wiseman feuerte seine Probanden suggestiv an: „So ist es gut, der Tisch hebt sich nun, so ist es gut.“ Am Ende der Sitzung glaubte fast jeder Dritte, der Tisch habe sich bewegt, ebenso viele waren sich nicht ganz sicher. Dann folgte die Gegenprobe: Mit Hilfe eines Tricks (ein langer Stock, den ein unsichtbarer Mitarbeiter benutzte) sorgte er dafür, dass sich eine kleine Tafel tatsächlich bewegte. Wiseman suggerierte den Teilnehmern:“ Es funktioniert nicht, macht nichts, seien Sie nicht enttäuscht.“  86 % der Teilnehmer waren am Ende fälschlicherweise überzeugt, die Tafel habe sich nicht bewegt. Quelle: Warum der Mensch glaubt, Martin Urban, Eichhorn Verlag.

Eine Nonne fährt nachts mit dem Auto durch eine einsame Gegend. Plötzlich geht ihr das Benzin aus. Zu Fuß wandert sie zur nächsten Tankstelle, vergisst aber in der Aufregung, einen Benzinkanister mitzunehmen. Auch der Tankstellenwart hat keine solchen Kanister. Er findet in seinen Räumen nur eine alten Pisspott. Den füllt er der Nonne mit Benzin. Sie geht damit fröhlich zu ihrem Auto zurück und beginnt, das Benzin einzufüllen. In diesem Augenblick kommt ein Auto vorbei. Der Fahrer hält an, kurbelt das Fenster herunter und sagt: „Ihren Glauben, Schwester, möchte ich haben.“

Hier wurde ein Mittel der Suggestion gezielt eingesetzt, der sogenannte Placebo- bzw. Nocebo-Effekt. Trotz besseren Wissens wurde das Auge getäuscht (oder das Gehirn abgeschaltet), allein aufgrund der eindringlichen Vorgabe. Die starke Konzentration auf das erwartete Ereignis ließ dieses auch tatsächlich vor dem inneren Auge entstehen. So kann auch der Hilfesuchende durch Suggestion „glauben“. Der erzielte Effekt ist allerdings weder dauerhaft noch ist die eigentliche Ursache damit behoben. Oft tritt bereits eine subjektive Besserung ein, weil sich jemand Zeit nimmt, zuhört, meine Bedenken aufgreift und in positive Richtungen leitet. Man bekommt die eigene Diagnose bzw. Ansichtsweise bestätigt, auch wenn man eigentlich damit völlig falsch liegt – aber das glaubt ja keiner.

Der Placebo-Effekt („“Es wird mir gefallen“) hängt auch von äußeren „Hilfsmitteln“ ab: man weiß, dass der Patient sich erst richtig behandelt fühlt, wenn er z.B.  eine besonders große oder bittere Pille bekommt, auch Medikamenten-Farben spielen eine Rolle. Die Wirkung wird durch großzügige Gesten, Nennbeispiele angeblicher Heilungen, heiße Steine etc. forciert. Der Nocebo-Effekt (lat. Nocere = Schaden) bewirkt eine negative Grundhaltung („ich werde schaden“). Findige Heiler können so die bisherige Behandlung als unwirksam darstellen und die Unsicherheit des Patienten zu eigenem Zweck nutzen („böse Schulmedizin“).

Nehmen wir als anderes Beispiel eine der alternativen Heilmethoden, die Bioresonanz; wir sollen glauben, dass mittels einer Apparatur ein physikalisches Gesetz außer Kraft gesetzt wird. So sollen ultraschwache Schwingungen (in Medizin und Physik nicht bekannt) gemessen werden, die aber medizinisch nicht nachweisbar sind. Fakt ist: der menschliche Körper sendet definitiv keine messbaren Schwingungen aus, es sei denn man misst den Atem oder die Luftzirkulation im Darm. Hier ist das Hilfsmittel eine Maschine („BICOM“), andere Behandlungen setzen auf Hände, Pendel o.ä.. Das Bioresonanzgerät (übrigens eine Weiter- bzw. Tarnentwicklung der Dianetik) kann angeblich Gut von Böse (Schwingungen, Gedanken, Verhalten, Organstörungen etc.) durch Einsatz eines mechanischen Instruments/Hilfsmittel erkennen. Die Bioresonanzmedizin wirbt mit zu eigenen Zwecken umgewandelter Quantenphysik; Wenn ich davon ausgehe, dass meine Moleküle sich selbstständig entfernen und anders wieder zusammensetzen können, so kommt das der angewandten Quantenphysik gleich, in der ich an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Das kann auch rein technisch funktionieren, ich muss mich nur schnell genug bewegen (etwa 18 hoch 1000x schneller als das Licht) – also üben, üben, üben. Lt. Bioresonanz kein Problem, denn schließlich werden im Bruchteil von Nanosekunden krankmachende Moleküle erkannt, unschädlichgemacht und dem Körper als gesunder Wirkstoff wieder zugeführt.

Binnenkonsens: Heilverfahren ohne wissenschaftlichen Nachweis, aber lt. Anbietern 100 % wirksam, werden auch unter diesem Beispiel deutlich: TÜV- Kontrollen  nicht mehr durch Fachkräfte, sondern durch eine Fachgruppe, z.B. Taxifahrer (als Experten für Taxis): sie überprüfen ihre Wagen gegenseitig und erklären sie als fahrtüchtig. So die Alternativmedizin, es müssen nur genügend Leute davon überzeugt sein, dann sind haltbare Nach-/Beweise nicht mehr nötig.

Wer sich näher für dieses Thema interessiert, dem empfehle ich „Alternative Methoden in der Allergologie“, Herr Prof. Dr. Martin Lambeck, Berlin (nachzulesen und anzufordern auch im Internet, „Die Zeit Wissen“, Artikel Dr. Martin Lambeck vom 27.6.2006, Copyright: Ruth Viebrock, viebrock@zeit.de). Siehe auch „Die Skeptiker“, www.skeptiker.de

Den Placebo- Effekt macht sich aber auch die Medizin zunutze. Die Wirkungsweise kann z.B.  genutzt werden, um schwierige Heilungsverläufe positiv zu beeinflussen bzw. Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Die Wirkung, die der Arzt oder Therapeut durch seine Haltung angibt (ablehnend oder wohlwollend) wird vom Patienten unbewusst übernommen. So kann sich der Patient gesund/besser fühlen, weil der Erfolg mittels der Worte „Das find ich toll, machen Sie das mal“ vorgegeben wird. Umgekehrt kann der Nocebo-Effekt dazu führen, dass sich Beschwerden entwickeln bzw. verstärken, weil der Arzt oder Therapeut ablehnend darüber spricht: „Sie können das ja mal probieren, aber..“. Interessant ist, dass auch Placebos Nebenwirkungen haben können, das gereicht von Hautproblemen bis zu Übelkeit und Erbrechen. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung!
Placebos in Form von eigentlich wirkungslosen Medikamenten oder Behandlungen (Scheinoperationen) werden normalerweise eingesetzt, wenn aus besonderen Gründen andere bzw. stärkere Mittel nicht oder nicht in ausreichendem Maße möglich sind. Da ist es schon mal von Vorteil, den Patienten mit einer Scheinbehandlung „in Sicherheit“ zu wiegen und ihm trotzdem das Gefühl zu geben, man habe alles für ihn getan.

Leider sind auch Ärzte nur Menschen und verhalten sich therapiekonform, indem sie voreilig Diagnosen erstellen bzw. dem Patienten nicht ausreichend genug zuhören und/oder seine Beschwerden nicht ernst nehmen. Im Medizinstudium wird deshalb mittlerweile mit „getürkten“ Patienten das richtige Verhalten geprobt. Doch kann es auch passieren, dass trotz umfangreicher Anamnese ein Beschwerdebild übrig bleibt. Sicher hat jeder seine eigenen Erfahrungen damit, wie ein Arzt reagieren kann, wenn seine Kompetenz in Frage gestellt wird oder, noch schlimmer, der Patient eigene Vorschläge zur Diagnose hat. Manchmal lohnt es sich aber, hartnäckig zu bleiben, denn es gibt Erkrankungen, die sich in diversen Symptombildern „maskieren“ und deren Diagnosestellung nicht automatisch zum üblichen Testverfahren gehört.
 
Aus der Beratungspraxis: Frau B. litt seit Jahren an einer Vielzahl an allergischen Erkrankungen, die z.T. durch Tests nachgewiesen werden konnten. Trotz weitestmöglicher Karenz waren die Probleme aber nicht behoben und traten immer wieder unerklärlicherweise auf. Da sie extrem hohe Entzündungswerte sowie einen beachtlichen IgE-Spiegel im Blut hatte, wurde sie stationär in eine Fachklinik aufgenommen. Dort konnten die verbliebenen Beschwerden aber trotz ausgeklügelter Diagnostik keinem speziellen Allergen zugeordnet werden und gaben dem Facharzt Rätsel auf. Dieser rettete sich schließlich in einen sehr unfreundlich gehaltenen Arztbericht für den Hausarzt, in dem Frau B. unterstellt wurde, Opfer des sogenannten Placebo- bzw. Nocebo-Effekts zu sein. Sie sei eine Querulantin, die alles unnötig hinterfrage. Mit anderen Worten: sie bilde sich alles nur ein!

Wie dem auch sei, durch Zufall hatte ich gerade einen Artikel aus einer Fachzeitung zu Mastozytose vorliegen (Deutsches Ärzteblatt, Jg. 102, Heft 24, 17.6.2005). Unter Mastozytose versteht man eine abnorm vermehrte Bildung von Mastzellen (Leukozyten). Mastzellen sind für die Gefahrenabwehr im Organismus zuständig und bilden sich z.B. bei allergenem Kontakt. Sie wandern ins Gewebe und sind deshalb nicht bei der Allergietestung mittels Bluttests zu erkennen. Betroffen sind die Haut und innere Organe, bei Kindern meist nur die Haut. Die Symptome decken alle Bereiche allergischer Erkrankungen ab. Das erklärt, warum manche Tests trotz vorhandener typischer Symptome negativ ausfallen.

Die in dem Artikel beschriebenen Symptome glichen denen von Frau B. verblüffend. Daraufhin setzte sich Frau B. auf mein Anraten mit dem Facharzt des Artikels bzw. seiner Klinik (Uni-Klinik Bonn-Bad Godesberg) in Verbindung, überstand weitere nervenraubende Untersuchungen und konnte mit der tatsächlich erstellten Diagnose Mastozytose erfolgreich behandelt werden. Da nahezu alle Organe betroffen sind und die Beschwerden massive Auswirkungen haben, erhielt Frau B. einen Notfallausweis.
 

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke


Das könnte Dich auch interessieren:

  1. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (19) Wussten Sie schon, … dass von der belgischen Skeptikerorganisation SKEPP...
  2. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (12) Wussten Sie schon, … dass nicht jede Empfindlichkeit auch tatsächlich...
  3. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (15) Wussten Sie schon, … dass hinter der Werbung „Wir kochen...
  4. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (2) Wussten Sie schon, dass bereits im Jahre 1906 der Begriff...
  5. Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (3) Wussten Sie schon, dass auch Tannen- bzw. Weihnachtsbäumebäume allergische Reaktionen...

Kommentare sind geschlossen.