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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (13)

Wussten Sie schon, …

dass bei Nahrungsmittelallergien von Kindern auf Mama und Papa kein Verlass ist? Zu diesem Ergebnis kam Dr. David M. Fleischer von der Klinik National Jewish Health in Denver, Colorado (Quelle: AllergoJournal 6/2012). Er hat mit seinem Team bei Kindern zwischen drei und fünfzehn Monaten über einen Zeitraum von drei Jahren 1.200 durch Nahrungsmittel ausgelöste allergische Reaktionen dokumentiert. Von den Probanden litten 331 an einer nachgewiesenen Milch- und/oder Ei-Allergie, ein anderer Teil war allergiegefährdet.

Nach Ablauf von drei Jahren hatten trotz Anleitung zu Allergenkarenz 367 Kinder eine allergische Reaktionen gezeigt, davon 269 mehr als eine Reaktion. Dem Team ist aufgefallen, dass in 90 % aller Fälle jemand geschludert hat: die Eltern hatten nicht gemerkt, was ihr Kind da verzehrt hat oder sie hatten die Inhaltsangabe der Nahrungsmittelverpackung missverstanden bzw. nicht gründlich gelesen. In der Hälfte der Fälle waren andere Personen, z.B. die Großeltern, beteiligt. Auch hatten die Eltern trotz gründlicher Schulung vielfach „vergessen“, dass ihr Kind auf ein bestimmtes Nahrungsmittel reagiert. In jedem 10. Fall wurde das Nahrungsmittel bewusst gegeben, um die Verträglichkeit ohne Rücksprache mit dem Arzt zu „testen“. Jede zehnte allergische Reaktion (134 Kinder) war eine Anaphylaxie. Doch nur bei einem Drittel wurde das lebensrettende Adrenalin verabreicht, vor allem, da die Gefahr nicht erkannt wurde. Dabei umfasste die Schulung neben mündlicher und schriftlicher Unterweisung auch den Umgang mit der Adrenalin-Spritze, falls ernste Beschwerden auftreten sollten.

Mit Abstand das häufigste Allergen in der Testgruppe war übrigens Kuhmilch, gefolgt von Hühnerei, dazu vereinzelt Reaktionen auf Erdnuss und andere Nahrungsmittel. Dem Schweizer  Symposium „Zauberberg 2012“ zufolge konnte über die letzten zehn Jahre eine Zunahme nahrungsmittelinduzierter Anaphylaxien von 200 % belegt werden, Spitzenreiter als Auslöser war Erdnuss (unabhängig vom Lebensalter). Einer aktuellen Erhebung nach sind in Deutschland 2-8 % aller Säuglinge im ersten Lebensjahr von den Symptomen einer Kuhmilch- oder Sojaeiweißallergie betroffen.

Hippokrates: „Wenn du nicht bereit bist, dein Leben zu ändern, kann dir nicht geholfen werden“.

Woran liegt es, wenn Eltern so unaufmerksam sind? Sind sie wirklich unaufmerksam oder einfach überfordert? – Ich denke, dass es in vielen Fällen schlicht „Informationsflucht“ ist. Hören sich Anweisungen zur Allergenkarenz, womöglich noch Anaphylaxierichtlinien, zunächst doch für den Laien (bis zum Ernstfall ist man das schließlich) recht bedrohlich an. Wie, Allergie? Hatte man doch früher nicht. Oder was ich immer mal wieder höre: Ach, das bisschen Jucken, da muss er/sie jetzt durch, man kann nicht auf alles Rücksicht nehmen, das hatte ich/…. als Kind auch, das geht schon wieder weg usw. Ich kann mir vorstellen (und bekomme das manchmal in Vorträgen bestätigt), dass viele Eltern ab einer gewissen Menge an Informationen gedanklich „abschalten“, da sie sich überfordert oder sogar bedrängt fühlen. Da kommt vielleicht die Wird-schon-gut-gehen-Haltung zum Tragen. Doch nur bei kontinuierlicher Information kann ich dem Kind und seiner individuellen Allergie gerecht werden. Das ist natürlich anstrengender als die Auswahl des nächsten Urlaubsziels.

Wenn ich als Elternteil mich in Allgemeinplätze rette, schont das mein Nervenkostüm und ich muss nicht aus meiner bequemen Haltung heraus. Gut – aber auch gut fürs Kind? Aus Studien weiß man, dass Kinder aus (man verzeihe mir die Worte) bildungsfernen Schichten seltener (oft gar nicht) einem Facharzt vorgestellt werden als Kinder aus gebildeten Schichten. Die einen wissen meist nichts oder nicht genug von der Allergieproblematik, die anderen wissen zuviel (und überschlagen sich in Therapieansätzen). Das richtige Maß zu finden ist das eigentliche Problem. Ärzte stellen zwar die Diagnose, aber wie geht’s weiter? Und wer kontrolliert die richtige Umsetzung? Nein, keine Angst, damit soll keine weitere staatliche Kontrolle angeregt werden (die fleißige Ulla – Frau von der Leyen – wird hier nicht benötigt). Man sieht jedoch -siehe oben- was passiert, wenn Eltern zwar informiert, dann aber sich selbst überlassen werden.

Allergien vom Typ I mit zum Teil anaphylaktischen Reaktionen verschwinden nicht durch „Aussitzen“. Sie bleiben meist ein Leben lang bestehen, d.h. auch die Karenz muss weiter eingehalten werden. Nur ein geringer Prozentsatz ist nach Jahren der „Abstinenz“ beim individuellen Allergenkontakt beschwerdefrei. Reaktionen auf z.B. Nüsse, Erdnuss, Nickel, Latex, oft auch Sellerie, bleiben immer bestehen, alles andere kann, muss aber nicht „verschwinden“. Das erfordert natürlich von Eltern und sonstigen Kontaktpersonen ein Langzeitgedächtnis (schwierig in Zeiten dauernder Werbeunterbrechungen), notwendige Karenzmaßnahmen müssen sozusagen in Fleisch und Blut übergehen. Nun hat Amerika sicher ähnliche Anforderungen an Schulungsmaßnahmen wie wir, wonach Eltern nach einer solchen Schulung erst mal fit sein sollten für den Umgang mit der Allergie bzw. einer lebensbedrohlichen Situation. Da wir Gelerntes aber auch schnell mal wieder vergessen, sind Eltern aufgefordert, sich permanent weiterzubilden, und zwar auch ohne Aufforderung von außen. Wie ich in meiner Kolumne Nr. 5 schon anschaulich erläutert habe, scheitert die Fortbildung manchmal auch an „Sturköpfen“, die meinen, Infos durch den behandelnden Arzt müssten ausreichend sein. Kein Wunder, wenn Eltern in den Irrglauben verfallen, durch eine kurze Schulung alles zu wissen und ab jetzt dem Leben seinen Lauf lassen zu können.

Nun ist aber auch nicht jede Fortbildung oder Beratung seriös und hilfreich. Zum einen kann man schnell an Scharlatane geraten, zum andern werden solche Schulungen/Beratungen nicht immer von der Krankenkasse finanziert (in finanzschwachen Zeiten grenzt das die Möglichkeiten schnell ein). Unseriös ist Beratung immer dann, wenn sie produkt- oder personenorientiert ist. Eine vernünftige Beratung soll die Umsetzung der speziell notwendigen Karenz ermöglichen, setzt das erlernte Wissen der Schulung in die tägliche Praxis um (Karenz im Alltag, Kindergarten, Schule etc.) und hilft bei Unsicherheiten. Nur so bleibt das Erlernte auch im Gedächtnis und wird sinnvoll zum Wohle des Kindes eingesetzt. Tipp: Wenn Sie z.B. in der Nähe einer Allergie-, Uni- oder Kinderklinik leben und diese Elternschulungen anbietet, dann nehmen Sie das Angebot auch wahr, diese Kosten trägt meist die Krankenkasse. Fragen Sie aber vorher nach, welchen Schwerpunkt die Klinik setzt. Die Schulung könnte z.B. statt praktischer Tipps und Alltagshilfe auch nur salben- und medikamentenorientiert sein (so z.B. bei Neurodermitis). Sehr hilfreich sind die Schulungsangebote z.B. bei Asthma.

Beim Arzt: „Herr Doktor, was fehlt mir?“ – „Nichts, Sie haben schon alles!“

Vor einigen Jahren war ich beratendes Mitglied im Sozial- und Gesundheitsausschuss des Kreises Olpe. Beratende Mitglieder aus verschiedenen Fachrichtungen werden in Ausschüsse berufen, um spezifische Fragen zu beantworten, Hintergrundinformationen und Problemlösungen anzubieten usw., die es dem Ausschuss ermöglichen, sinnvoll entscheiden zu können. Eines Tages bot sich für mich die Möglichkeit, kleinen Allergikern Starthilfe zu geben. Ein Tagesordnungspunkt war die Früherkennungspraxis der Caritas. Sie bietet in der Früherkennung die Möglichkeit, körperliche Auffälligkeiten früh zu erkennen und mittels geeigneter Therapeuten zu behandeln, um dem Kind Haltungs- oder sonstige Folgeschäden zu ersparen. Auf meinen Vorschlag, doch Allergieprävention und eventuell Beratungsangebote als Teil der Früherkennung bei Säuglingen und Kleinkindern mit ins Programm aufzunehmen, meinte ein anwesender Arzt: „Das lohnt nicht, Allergiker sind doch nur eine Randgruppe“!!!
 

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke

 

 


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