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Wussten Sie schon, …? – Kolumne von Roswitha Stracke (10)

Wussten Sie schon, …

dass auch der Lieblingspulli eine Allergie auslösen kann? Bei der Herstellung von Textilien werden eine Vielzahl von chemischen Substanzen eingesetzt, die vereinzelt auch allergische Reaktionen auslösen können. Besonders risikoreich sind Substanzen, die nicht fest genug in das Gewebe eingearbeitet sind, sie können durch den natürlichen Abrieb beim Tragen oder während des Waschvorgangs freigesetzt werden. Diese sogenannte Textildermatitis ist geprägt von Spätreaktionen wie Rötungen, schuppiger Haut oder Ekzemen. Die Symptome  treten innerhalb weniger Stunden, manchmal auch erst nach Tagen vor allem an Körperstellen mit intensivem Hautkontakt auf, z.B. Achselhöhlen, Kniekehlen, Armbeugen etc.. Schweiß verstärkt im übrigen die Reaktionen.

In seltenen Fällen kann auch eine allergische Sofortreaktion auftreten, sie äußert sich  unmittelbar mit Quaddeln, heftigen Rötungen, Ausschlag oder Atemwegs- und Kreislaufbeschwerden bis hin zum anaphylaktischen Schock. In diesem Fall sollte das betreffende Kleidungsstück sofort (!) ausgezogen werden, danach die Haut bzw. Kontaktstellen gut gewaschen und ein Antihistaminikum eingenommen werden, im Bedarfsfall ist auch das Notfallset einzusetzen. Risikogruppen sind Neurodermitiker, besonders, wenn schon Nesselfieber aufgetreten ist sowie im Prinzip alle Allergiker und hautempfindlichen Personen. Aber auch bei Personen mit empfindlichen Atemwegen (Asthmatiker,  Duftstoffallergiker- bzw. Duftstoffempfindliche) kann es durch Atemwegsreizungen (Gerüche, Düfte, chemische Ausdünstungen) zu einer womöglich dramatischen Verengung der Atemwege kommen.

Was ist also zu tun? Leider gestaltet es sich sehr schwierig, den tatsächlichen Auslöser zu finden, da eine Vielzahl an Farbstoffen, Harzen oder andere Hilfsmittel in der Textilindustrie eingesetzt werden. Der Allergologe kann zwar verschiedene wahrscheinliche Auslöser testen, aber auch Etiketten offenbaren nicht die vollständige Deklaration. Übrigens wird auch  Ökoware mit diesen Hilfsmitteln hergestellt (außer Formaldehyd), nur ist hier der Anteil niedriger bzw. kontrollierter, aber dennoch vorhanden. Allergische Reaktionen auf z.B. Naturfarben sind nicht automatisch ausgeschlossen, lediglich ungefärbte Stoffe sind eine wirkliche Alternative. Helle Farben sind weniger belastet als dunkle wie z.B. Rot oder Schwarz (vor allem Jeans). Kleidungsstücke sollten deshalb immer vor dem ersten Tragen mindestens 1x gewaschen werden, dadurch verringert sich der chemische Cocktail. Sie können das Risiko einer allergischen Reaktion niedrig halten, wenn Sie auf Begriffe wie „bügelfrei“. „formstabil“ oder schmutzabweisend“ achten, diese Textilien sind das nicht von Natur aus! Soll ein Textil „separat“ gewaschen werden, so weist der Hersteller indirekt bereits darauf hin, das Farbstoffe freigesetzt werden können. Prüfzeichen wie „Toxproof“ oder „Öko-Tex Standard 100“ bieten zwar eine gewisse Sicherheit, aber das Prüfsiegel der Fördergemeinschaft körperverträgliche Textilien bewertet z.B. nur die Wirkung des Textils auf die Haut, nicht die allergenen Inhaltsstoffe in den geprüften Textilien. Außerdem steht schlicht und einfach nicht genügend Rohmaterial aus kontrolliertem Anbau zur Verfügung, um den wachsenden Bedarf komplett zu decken. Und wenn ein Ökounternehmen wie z.B. Hess Naturwaren verkauft (aufgekauft) wird (siehe Tagespresse), dann stehen womöglich andere Interessen als „Natur“ im Vordergrund.

Aber auch Naturfasern an sich können Reaktionen auslösen, so kann Schurwolle (Tierhaare, raue Oberfläche) oder Kunstfasern wie z.B. Polyester die empfindliche Haut von Neurodermitikern überstark reizen bzw. durch statische Aufladung Juckreiz und damit Ekzeme auslösen. Hautverträglicher sind meist Baumwolle, Leinen, Seide, Hanf, Bambus oder Viskose. Nicht zu vergessen: Auch Waschmittel sollten ebenso sorgfältig ausgewählt werden, am besten farb- und duftstofffreie Ware. So wird z.B. gern als Naturprodukt Waschnuss (Frucht des Seifenbaumgewächses) empfohlen. Die in der Waschnuss enthaltenen Saponine haben antimikrobielle Wirkung, was für die Haut sicher ein Vorteil ist. Leider haben die Saponine aber auch eine große Reizwirkung auf die Schleimhäute (Atemwege, Augen, Nase). Rückstände können beim Waschen nur durch zusätzliche Spülgänge entfernt werden. Wasser sparen kann für den Neurodermitiker also von Nachteil sein. Gebrauchte (Kinder)Kleidung ist übrigens durch vorherige Mehrfachwaschgänge unbedenklich. Manchmal kann man sich so durch Stöbern in Second-Hand-Läden oder privaten Tauschaktionen behelfen.

Wenn es mal unumgänglich ist, ein Kleidungsstück chemisch reinigen zu lassen, dann lassen Sie diese Kleidung nach der Reinigung erst einige Tage in einem Kellerraum oder auf dem Balkon auslüften, bevor Sie das gute Stück in den Schrank räumen. Im übrigen empfiehlt es sich natürlich, generell selbst waschbare Kleidung kaufen. 

Umweltschützer Maier-Dorsch lässt sich im Kaufhaus einen Anzug zeigen. Nach einem kritischen Blick auf das Etikett blickt er den Verkäufer strafend an und sagt: „Ich möchte ja nicht wissen, wie viele Polyester dafür wieder umgebracht wurden!“

Therapieresistent

Aufgrund ihrer stark ausgeprägten Neurodermitis wurde eine Patientin vom behandelnden Arzt zu mir geschickt, um nach eingehender Beratung die bekannten und wahrscheinlichen Auslöser der Neurodermitis und einiger weiterer Allergien effektiv meiden zu können. Im Laufe des Gesprächs habe ich auch geraten, den Wollpulli, den sie trug und sich dabei permanent die Arme und Hände kratzte, doch möglichst zu verbannen. Darauf meinte sie ganz empört, das wäre ein guter Schafwollepulli aus Wolle von kontrolliert biologischer Tierhaltung! Ach echt? Wäre mir gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich wurde das Schäfchen handgekrault und jedes Härchen einzeln versponnen. Dann meinte sie noch, davon hätte sie ganz viele und die könnte man ja nicht alle aussortieren (ich habe auch manchmal Ideen!). Klar juckten die Arme, aber das nähme sie in Kauf, schließlich sei Naturwolle in ihrem ökologisch orientierten Leben unverzichtbar! Was soll man da noch sagen?
 

 

Unser herzlicher Dank für den Artikel und ihre Unterstützung geht an:

Autorin:
Roswitha Stracke
allergieberatung-stracke.de


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