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Wenn die Haut zum Feind wird – Interview mit Gabriela

Gabriela ist Autorin eines Buches, in dem sie von den sieben Jahren berichtet, in denen ihre Haut ihr Feind war. Im Interview erzählt sie der jucknix-Redaktion, wie sie die Neurodermitis erlebt – und überwunden – hat.  

Gabriela, vielen Dank , dass Du Dir die Zeit nimmst für die jucknix-Community. Magst Du Dich zunächst kurz vorstellen?

Gern. Ich bin 53, verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern (die übrigens beide meine Haut geerbt haben) und zwei Enkelkindern und lebe in Wien. Ich habe mein ganzes Leben lang immer was mit Medizin gemacht, zuerst Medizin studiert, dann Masseur gelernt, Heilpraktiker, schon seit 25 Jahren eine eigenen Praxis, und in den letzten Jahren leite ich ein Seminarzentrum in Wien, wo ich Menschen in diversen Gesundheitsberufen aus- und weiterbilde. Und daneben treibe ich mich viel in Afrika herum, weil ich dort eine Schule gebaut habe. Ganz viele Infos zu meiner Person stehen auch auf meiner Homepage www.vonwald.at.

In welchem Alter hat Dich die Neurodermitis heimgesucht? Woran hast Du erkannt, dass es nicht einfach ein paar Symptome sind, die bestimmt bald wieder von selbst weggehen? Und wodurch, vermutest Du, wurde die Hautkrankheit bei Dir ausgelöst?

Ich war schon 37, daher hab ich an Neurodermitis zuerst gar nicht gedacht, die meisten halten es ja für eine reine Kinderkrankheit.

Es fing mit einer kleinen offenen Stelle an, die nicht zuheilen wollte, immer wieder Bläschen bildete und furchtbar juckte. Aus dieser kleinen Stelle wurde dann im Laufe der nächsten Wochen beide Hände, Finger, Ellenbeuge, Unterarme. Die endgültige Diagnose hat dann ein Hautarzt gestellt. 

 

Ich glaube, dass ich in dieser Zeit gerade furchtbare Existenzängste hatte. Ich bin selbständig, mein Mann war arbeitslos, die Kinder klein, Kredite zurück zu zahlen und ich maßlos mit allem überfordert. Und die Anlage liegt bei uns in der Familie.

Welche Symptome oder Umstände waren für Dich am schlimmsten an der  Neurodermitis? Wie bist Du mit dem Juckreiz umgegangen? Welche Wege zum Umgang mit dem Juckreiz haben sich als unschädlich und lindernd erwiesen?

Natürlich war der Juckreiz am schlimmsten, einfach die Vorhölle. Aber ich habe mich auch so geniert, weil meine Hände einfach furchtbar ausgesehen haben. Am liebsten hätte ich sie nur versteckt. Und dass mein ganzes Leben sich 24 Stunden am Tag um das Thema „es juckt“ drehte.

Was mir geholfen hat, zumindest immer kurzfristig, waren Bäder in Kaliumpermanganat, keine großen Temperaturschwankungen, keine Hitze, keine Kälte und dann schließlich die Aloe Vera.

Wie haben sich psychische Belastungen und Stress auf Deine Haut ausgewirkt?

Jeder unerwartete Zahlschein hat einen neuen Schub ausgelöst. Wenn die Kinder laut waren oder mich gefordert haben, wenn ich Streit mit meinem Mann hatte, sofort ging es der Haut schlechter.

Welche Therapien hast Du zuerst ausprobiert und mit welchem Erfolg?

Zuerst mal alles, was die Schulmedizin einem verpasst, vor allem auch Cortison. Zwei Jahre lang war ich regelrecht abhängig. Dazu Salzbäder, Urlaube am Meer, Bioresonanz, Entspannungstechniken, Ernährungsumstellung.

Welche Rolle spielen Schuldgefühle beim Ausbruch der Neurodermitis und den Behandlungen aus Deiner Sicht?

Ich weiß nicht, ob es bei mir Schuldgefühle waren. Ich habe inzwischen durch mein Buch unglaublich viele Menschen kennengelernt mit Neurodermitis, die Gemeinsamkeit von allen war sicher, dass alle diese Menschen mehr gegeben haben als zurück bekommen.

Diesen Ansatz bearbeite ich heute auch bei meinen Klienten in Homöopathie und Bachblüten.

Schuldig fühlt man sich aber, wenn man vielleicht doch nicht alles ausprobiert, was einem so empfohlen wird. Und dass man über Juckreiz jammert, wo es auch Menschen gibt, die an Krebs sterben. Viele Mitmenschen sehen das ja noch immer nicht als echte Krankheit, das bisschen Juckreiz.

Wie stehst Du heute zu Cortison? In Deinem Buch sprichst Du von einer Abhängigkeit von dem Wirkstoff, was meinst Du damit? Und gibt es Fälle, in denen Du Cortison trotzdem gutheißt?

Ich bin überhaupt kein Gegner von Cortison, im Gegenteil. Wenn der ganze Körper eine einzige offene juckende Fläche ist, dann bin ich unbedingt für Cortison. Aber man muss damit umgehen können, sich immer wieder sagen, das darf nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Meine Abhängigkeit war vor allem auch eine mentale. Allein die Vorstellung, einen Tag ohne meine Creme meistern zu müssen, hat schlimme Krisen ausgelöst. Ich wurde richtig hysterisch, wenn ich die Tube zuhause vergessen hatte.

Welche Alternativen zur Schulmedizin hast Du ausprobiert? Welche mit gutem Erfolg, welche ohnen? Gibt es eine alternativmedizinische Behandlungsform, die aus Deiner Sicht den anderen überlegen ist?

Ich glaube, ich hab in den 7 Jahren so ziemlich alles ausprobiert, inklusive eigenen Urin trinken. Von Bioresonanz hatte ich mir viel versprochen, bei mir hat das aber nicht gewirkt, bei anderen schon. Auch die Homöopathie allein, deren erklärter Fan ich eigentlich bin, hat allein nicht geholfen.

Ich habe in meiner Ernährung umgestellt auf mehr Eiweiß als Kohlehydrate, habe Omega-3-Fettsäuren in Kapselform hoch dosiert genommen, dazu B12 und Vitamin D.

Alle fetthaltigen Cremen hab ich gleich mal entsorgt. Und mein ganzes Leben von außen und innen auf Aloe Vera umgestellt. Hilft vielleicht nicht bei jedem, aber bei mir war es der Durchbruch.

Woran erkennt man einen seriösen Heilpraktiker? Und bei welchen Hinweisen sollten die Alarmglocken läuten?

Dass er einem nicht einfach nur was verkaufen will, dass er Grenzen akzeptiert, seine eigenen und die der Methode, dass er nicht auf seinem Standpunkt beharrt und gut zuhört. Dass er einen anfasst und nicht über einen 1,5 Meter breiten Schreibtisch heilt. Dass er einen eventuell an einen Kollegen weiter gibt, wenn er selbst ansteht. Dass er die Schulmedizin nicht verteufelt und nicht nur auf Ärzte schimpft. Außerdem gemäßigte Preise. Ich bin der Meinung, mit dem Leiden eines Menschen das große Geschäft machen zu wollen, ist schäbig.

Was hat für Dich den Anlass gegeben, „Wenn die Haut zum Feind wird“ zu schreiben, und was können Leser aus dem Buch lernen? Und kann Schreiben zur eigenen Heilung beitragen?

Zu meiner sicher, und ich ermutige Menschen auch seither, Tagebuch zu führen. Oft erkennt man aus dem Abstand des Schreibens erst Zusammenhänge in seinem Leben. Bei mir war es so, dass ich auch noch nach Jahren immer wieder nachgeschaut habe, ob sich irgendwo eine Blase bildet. Schon ein Mückenstich im Sommer hat mich ganz irre gemacht und ich kann bis heute nur schwer damit umgehen, wenn etwas juckt.

Und ich wollte einfach diese Krankheit mal aus der Sicht von jemandem schildern, der einerseits zwar beruflich aus dem Gesundheitsbereich kommt, der aber gleichzeitig betroffen ist oder war. Das Feedback auf das Buch war auch durchwegs nicht so sehr auf den rein theoretischen Teil bezogen, sondern viele Menschen haben mir geschrieben „Endlich versteht da jemand, was ich durchmache“.

Was würdest Du Betroffenen und Eltern neurodermitiskranker Kinder noch gern mit auf den Weg geben?

So schwer es ist, die eigene Angst zurück stellen, das Kind nicht unter einen Glassturz setzen, es nicht krank beten. Und auf keinen Fall die blöden Ermahnungen, nicht zu kratzen. In einer Juckkrise muss das Kind die Möglichkeit haben, unbeobachtet kratzen zu dürfen, ohne dass man ihm ein schlechtes Gewissen macht. Nicht zu warm anziehen, das ist die Hölle für Neurodermitiker. Wenn ich sehe, wie Neurodermitisbabys in Schlafsäcke verpackt werden, könnte ich heulen.

Vielen Dank Gabriela für das Interview, mit dem Du sicher vielen Lesern weiterhilfst. Können sich Menschen, die noch weitere Fragen haben, an Dich wenden – und wenn ja, wie?

Sehr gern, am Besten per Email gabriela@vonwald.at

 


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