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Weizenallergie – Aktuelle Erkenntnisse und Empfehlungen

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.
 

Wussten Sie schon, …

dass Wissenschaftler der MedUni Wien kürzlich das Weizeneiweißmolekül „Alpha Pirothionin“ als Auslöser schwerer allergischer Reaktionen bis hin zu Anaphylaxie haben nachweisen können? Das auch „Tri a 37“ genannte Molekül (sogenannte Lektine) dient ursprünglich dem Schutz der Pflanze vor Schädlingen und ist auch in Gerste und Roggen enthalten. Nicht enthalten ist es dagegen in Hafer, Reis, Soja, Dinkel und glutenfreien Mehlen. Mit der Entschlüsselung soll künftig gezielter getestet und falsch positive Reaktionen, z.B. als Kreuzreaktion auf Pollen, vermieden werden können. Diese waren trotz ausgeklügelter Testdiagnostik bisher nicht gänzlich zu vermeiden. 

Getreide (lat.: Triticum Vulgare), hier: Weizen ist ein Grundnahrungsmittel. Die am häufigsten verwendeten Weizenarten sind Triticum aestivum und Triticum durum für Nudeln. Weizenproteine setzen sich aus 5 % salzlöslichen Globulinen, 15 % wasserlöslichen Albuminen und 80 % wasser- und salzunlöslichem Gluten (Klebereiweiß) zusammen. Für Weizen sind zwei Hauptallergengruppen bekannt: Albumin-Globulin-Fraktion (sogenannte alpha-Amylase-Inhibitoren) sowie Glutenfraktion (Gliadine). Gliadine sind Pflanzenspeicherproteine und Risikomarker für Patienten mit schweren allergischen  Sofortreaktionen auf Weizeneiweiß. Dazu zählen besonders Kinder und Patienten mit weizenabhängiger, anstrengungsinduzierter Anaphylaxie. Der Auslöser ist hier das Omega 5-Gliadin, ein Glutenbestandteil. Die allergische Reaktion auf Gliadin ist nicht zu verwechseln mit der Zöliakie, eine stoffwechselbedingte Gluten-Unverdaulichkeit.

Lektine (Eiweißproteine) wurden von der Natur „geschaffen“, damit das Vieh (auch ein natürlicher Feind der Pflanzen) nicht das Getreide auffrisst, sozusagen ein natürlicher Fressschutz der Tiere vor unverträglicher Nahrung. Die Lektine sitzen in der Schale. Wird diese mitverzehrt (z.B. Vollkorn) kann es zu Abwehrreaktionen und Vergiftungssymptomen wie z.B. Verklumpen der roten Blutkörperchen, Erbrechen kommen, die Gefahr für Thrombosen und eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut ist eine weitere Folge. Vollkorn sollte grundsätzlich erst nach dem 2. Lebensjahr gegeben werden, da die Schalen vom noch unreifen Darm nicht verarbeitet werden können. Außerdem enthalten die Schalen neben dem Getreideallergen auch einen enorm hohen Nickelanteil, ca. 80-130 µg/100 g.

Die IgE-vermittelte allergische Reaktion vom Soforttyp weist als Symptome u.a. Magen-Darmbeschwerden (Durchfall, Erbrechen), Ekzeme, Asthma bis zu anaphylaktischen, d.h. lebensbedrohlichen Reaktionen auf. Diese Beschwerden beginnen innerhalb einer Stunde nach Verzehr. Die Weizenallergie kann auch Wachstums- und Konzentrationsstörungen, Blutarmut, sehr trockene „mehlige“ Haut (vor allem an den Beinen) und manchmal Über- oder Untergewicht auslösen. Im Verlauf der Allergie kommt es vereinzelt zu Anämie durch Zerstörung roter bzw. vermehrte Bildung weißer Blutkörperchen. Die Allergie entsteht im Kindesalter und ist selten noch im Erwachsenenalter akut. Bei einer Getreideallergie können die Unverträglichkeitsreaktionen nur auf ein spezielles Getreideeiweiß beschränkt sein, so dass meist nur das jeweilige Getreide gemieden werden muß. In den meisten Fällen ist dies der Weizen. Artverwandte Getreide wie CousCous, Bulgur, Hartweizen, Dinkel, Grünkern, Einkorn, Durum oder Kamut werden sehr wohl vertragen, selten treten gleichzeitig Reaktionen auf Roggen und Gerste auf. Weizenstärke z.B. spielt bei einer Weizeneiweißallergie im Gegenteil zu einer Zöliakie keine Rolle, da kann sowohl “Primastärke“ als auch “Sekundarstärke” verwendet werden.

Grundsätzlich ist Roggen das stärkere Allergen, aber Roggen wird länger gebacken, seine Eiweiße sind hitzelabil und werden dadurch zum größten Teil zerstört. Weizen wird nur kurz gebacken, die Allergene bleiben aktiv.

Eine schwere Sonderform ist die anstrengungsinduzierte Weizenallergie (AIWA), d.h. Weizenmehlverzehr unmittelbar vor oder nach intensiver körperlicher Bewegung. Selten, aber durchaus relevant kommt es zu allergischen Rektionen auf Weizen (Omega 5-Gliadin) in Verbindung mit Anstrengung. D.h. Weizen ist im Normalfall kein Problem, aber der Verzehr von Weizenmehl in Verbindung mit Anstrengung (Wandern, Essen während der Aufwärmphase beim Joggen, kurz vor oder nach dem Sport, Fahrradfahren, Alkoholgenuss, ASS-Einnahme) löst Reaktionen, z.B. in Form von Urtikaria oder auch anaphylaktischen lebensbedrohlichen Reaktionen aus.

Häufig wird im Zusammenhang mit Reaktionen auf Getreide von einer Glutenallergie gesprochen. Das ist oft nach einer fatalen Schnelldiagnose Anlass zu ausgedehnten, stark einschränkenden Diäten. Aber: Eine Glutenallergie gibt es nicht! Entweder liegt eine isolierte Getreideallergie vor, belegbar durch einen seriösen Allergietest, oder eine Zöliakie (Unvermögen der Verarbeitung des Kleberweißes Gluten), belegbar durch internistische Untersuchungen wie z.B. Darmspiegelung, positiver Antikörpertest auf Endomysium und Transglutaminase, Marsh-Kriterien usw. Eine glutenfreie Ernährung bei einer Weizenallergie ist nicht erforderlich, sogar unsinnig. Richtig ist, dass manchmal bei einer getreide- oder weizenfreien Ernährungsumstellung eine vorübergehende Besserung eintritt, das ist aber eine normale Reaktion des Organismus auf leichtere Kost und selten von Dauer. Das rechtfertigt aber nicht eine gluten- oder generell getreidefreie Ernährung und ist ausschließlich eine Ernährungsempfehlung ideologischer Gruppierungen.

Ihr Allergietest zeigt Reaktionen auf mehrere Getreideeiweiße gleichzeitig an (womöglich als Gruppenallergen alle glutenhaltigen Getreide)? Dann sind Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einem Scharlatan aufgesessen. Vielleicht haben Sie sich von sogenannten IgG4-Lebensmitteltests, eine ebenso unsinnige wie irreführende „Allergietestung“, oder Schnelltests, die zwar eine Allergieneigung anzeigen können, aber als Beweis einer echten Allergie genauso fehleranfällig sind, in die Irre leiten lassen. Shit happens – aber jetzt wird es Zeit für einen Facharzt/Allergologen.

Einige IgG4-Bluttests zeigen auch als „Allergen“ Triticale an. Das ist eine spezielle  Getreidezüchtung, die ausschließlich zur Viehfütterung eingesetzt wird (fast ausschließlich  in Osteuropa). Nun ist es natürlich möglich, dass der Landwirt aus Solidarität das gleiche Getreide verzehrt wie sein Vieh ….. oder wie sonst  ist dieses  Testergebnis zu erklären?

Die Wissenschaft ist sich sicher, dass eine Weizenallergie relativ schnell überwunden wird, man geht von etwa 6-12 Monaten Karenz aus, dann ist eine Provokation unter ärztlicher Aufsicht gerechtfertigt. Aber: Provokationen nach anaphylaktischen oder anstrengungs-induzierten Reaktionen sollten immer stationär durchgeführt werden! Selbst bei schweren Reaktionen kann eine orale Hyposensibilisierung unter klinischen Bedingungen beginnend mit 0,1 g des jeweiligen Mehles bis zu 40 g (ein Brötchen) durchaus wieder zu einer Toleranz von Weizen, Roggen etc. führen.
 
Weizen ist auch als nicht deklarationspflichtige versteckte Zutat in einigen Lebensmitteln enthalten, dazu zählen Glukosesirup einschl. Dextrose sowie Maltodextrin auf Weizenbasis und in Destillaten für Spirituosen verwendetes Getreide. Weizensirup spielt aber keine Rolle bei Weizenallergie, da hier nur der Zucker, aber kein Eiweiß verarbeitet wird. Weizenproteine sind auch in Leim, Klebern und als Zutat bei Zuschnitten von Textilien sowie eine mögliche Zutat in Salben, Medikamenten und Kosmetik. Hier ist Weizen bzw. Weizenstärke deklariert als Vitalkleber, (modifizierte) Stärke oder Bindemittel. Gluten (und somit Weizen) ist auch in einigen aus Getreide hergestellten Lebensmitteln enthalten und bildet z.B. den Hauptbestandteil von Seitan (Fleischersatz). Zudem haben Getreidepollenallergiker ein Risiko von etwa 40 %, auch auf Soja, ein Kreuzallergen, zu reagieren. Weitere Kreuzallergene auf Weizen sind Gräser, Kiwi, Nüsse und Hülsenfrüchte allgemein, Reis, Sesam, Mohn, Paprika.

Achtung: Eine zu frühe Gabe von Getreide vor dem 6. Lebensmonat, vor allem Vollkornprodukten vor dem 12. Monat kann Zöliakie auslösen! Dies geschieht lt. Wissenschaftsstudien zur Entstehung von Zöliakie häufiger als bisher vermutet (Allergo- Journal, Januar 2008). Der noch nicht ausgereifte kindliche Darm wird durch unverdauliche Getreidehülsen dauerhaft geschädigt. Deshalb bitte Finger weg von Müsli- oder Vollkorngetreide-Breien im ersten Lebensjahr!!

Muht die Kuh laut im Getreide – war ein Loch im Zaun der Weide.

Wie vielseitig und auch irreführend Allergiesymptome sein können, zeigt sich am Beispiel eines kleinen Mädchens. Sie wurde wegen bekannter Allergien der Mutter (u.a. Nickel) und des Vaters (Pollen) präventiv mit einer H.A.-Nahrung ernährt. Trotzdem traten von Beginn an extreme Darmprobleme auf, im Verlaufe der ersten Lebensmonate dann offene Ekzeme, verursacht u.a. durch eine Nickelkontaktallergie. Dieses dominierende Symptom wurde auch behandelt. Mit drei Jahren war sie auffällig übergewichtig trotz bewusst kalorienarmer Ernährung. Die Mutter achtete sehr auf die Ernährung und „Süßes“ war im Haushalt tabu. Sie bekam vom Kinderarzt trotzdem heftige Vorwürfe über die angeblich falsche (womöglich  versteckt) kalorienreiche Ernährung, selbst ein Ernährungsprotokoll ließ ihn an der Wahrhaftigkeit der mütterlichen Angaben zweifeln. Ein Selbsttest mit einer in meiner Beratung genau abgesprochenen Weizenkarenz über einen Zeitraum von 3 Wochen ließ bei der Kleinen die Pfunde purzeln, nach Wiederaufnahme der weizenhaltigen Ernährung kam es erneut zu Gewichtszunahme. Auf eigene Faust und ob des Verhaltens des Kinderarztes verzweifelt bestand die Familie auf Aufnahme in einer Fachklinik, dort wurde dann von kompetenter Seite tatsächlich eine Weizenallergie als Auslöser der Gewichtsprobleme bestätigt. Lesen Sie in diesem Zusammenhang gern noch mal die Kolumne Nr. 22, in der auch von unseren ach so kompetenten Kinderärzten die Rede ist.

Aber auch das kann Weizenallergikern passieren: Hostien müssen laut dem „Sakrament zur Erlösung“ (Redemptionis sacramentum, Papst Johannes Paul II., April 2004) zwingend aus Weizen und ungesäuert hergestellt werden. Alle anderen Zubereitungsarten sind laut kirchlicher Doktrin „schwerer Missbrauch“. Die Beachtung dieser Regeln ist ein Zeichen der „Disziplin……mit der die Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringt“. US-Bischof John Smith (Diözese Trenton) erklärte als Ausdruck seiner Disziplin die Erstkommunion eines 8jährigen Mädchens für ungültig. Grund: Das Kind leidet an Zöliakie und darf deshalb keine Weizenhostien zu sich nehmen. Deshalb gab ein menschenfreundlicher Priester dem Mädchen eine Hostie aus Reis. Dies sei aber durch das Kirchenrecht nicht gedeckt, die Kommunion deshalb ungültig, entschied der Kirchenfürst (aus: Warum der Mensch glaubt, Martin Urban, Eichborn Verlag 2005).

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de


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