Stressabbau gegen Neurodermitis – Interview mit simplify

Stress geht vielen Neurodermitikern sichtbar unter die Haut. Stress reibt auch auf, heißt es. Neue Schübe mit Ekzemen und verstärktem Juckreiz sind zunächst die Folge und anschließend Ursache von (weiterem) Stress. Was man gegen Stress im Alltag tun, das verrät Patrick Loos aus dem Team von Werner Tiki Küstenmacher, bekannt vom Langzeit-Bestseller „simplify your life“.

Lieber Herr Loos, zunächst vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für die jucknix-Community. Wir freuen uns sehr, Sie für das Interview gewonnen zu haben. Möchten Sie sich zunächst kurz vorstellen?

Ich bin Produktmanager beim Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG und verantwortlich für den Beratungsbrief „simplify your life“ und dem Internet-Ratgeberportal „www.simplify.de“. Von Hause aus bin ich Diplom-Sportwissenschaftler mit Managementschwerpunkt. Im Studium und in der Sportpraxis habe ich mich ausführlich mit dem Verhalten in Drucksituationen befasst. Die Erkenntnisse kann man auch prima in den Alltag einfließen lassen.

Stress wird als ein Teil der „veränderten Lebensbedingungen“ betrachtet. Diese Veränderungen werden verantwortlich gemacht für den massiven Anstieg in der Verbreitung von Neurodermitis in den letzten dreißig Jahren. Was bedeutet Stress überhaupt?

Das Wort „Stress“ hört man immer häufiger und hat einen negativen Klang. In Teilen wird er Begriff sogar instrumentalisiert. Zum Beispiel, wenn Führungskräfte das Ausmaß ihres Arbeitseinsatzes unterstreichen möchten. Stress ist dann Statussymbol.

Stress gehört zum Leben. Deshalb ist es wichtig ein gesundes Gleichgewicht zwischen Anspannung und

Entspannung

zu finden. Stress resultiert aus der subjektiven Bewertung einer bedeutungsvollen Situation, deren positives Eintreten nicht gesichert ist.

Ein Beispiel: Am Montagmorgen kommt der Chef ins Büro und beauftragt Sie doch spontan dem Vorstand am Nachmittag eine kleine Präsentation zu einem laufenden Projekt zu halten. Die Präsentation sei ja schon fertig. Bei vielen Menschen würde diese Situation vermutlich Stressgefühle auslösen.

Entscheidend für das Ausmaß oder auch das Ausbleiben einer Stress-Situation ist die Bewertung folgender Fragen:

 

  • 1. Empfinde ich die Situation als Herausforderung („Prima, die Präsentation ist ja schon fertig. Dann kann ich mich vor dem Vorstand mal wieder gut präsentieren.“) oder als Bedrohung („Ich bin im Thema nicht sicher. Bei Detailfragen bin ich aufgeschmissen.“)?
  • 2. Kann ich das Problem mit meinen Ressourcen bewältigen („Was ist zu tun? Kann ich es tun? Will ich es? Darf ich es?“)
  • 3. Wie hoch schätze ich die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Situation gut ausgehen wird? („erfolgreicher Vortrag“  vs. „peinlicher Auftritt“)

Mit den vorhandenen Ressourcen kann sich ein Mensch nun der Herausforderung stellen, ggf. die Situation anpassen oder sich der Aufgabe entziehen („Flucht“). Hierbei spielen Erfahrung und Selbstmanagementfähigkeiten eine große Rolle, insofern wenn man selbst Einfluss auf die Situation ausüben kann.

Was heißt „simplify“? Warum ist es wichtig? Und was hat „simplify“ mit Stress zu tun?

Unser Slogan lautet: „simplify steht für einen einfachen Weg zu einem bewussten und erfüllten Leben in einer komplexen Welt“. Und das nach dem „Prinzip der kleinen Schritte“. Wir sind überzeugt davon, dass eine erste kleinen Veränderung den Stein ins Rollen bringen kann, der bald größere positive Veränderungen bewirkt.

Dieser erste Schritt kann in einer unliebsamen Aufgabe wie dem Aufräumen, dem Konfliktlösen oder der Auseinandersetzung mit Geldangelegenheiten liegen. Viele unvermeidbare Situationen lösen auch Stress aus.

Wir meinen: Das Leben darf kompliziert sein. Aber es gibt Wege des „Entkomplizierens“, die dazu beitragen mit Situationen gelassener und souveräner umgehen zu können. Wer sein Leben einfach einmal durch die imaginäre „simplify-Brille“ betrachtet, macht gleichzeitig den ersten Schritt zum erfolgreichem Stressmanagement.

In „simplify your life“ ist die Rede von verschiedenen Stufen einer Lebenspyramide, von Anküpfungspunkten für eine Vereinfachung des Lebens. Um welche Stufen geht es? In welchen Bereichen laden sich die Menschen häufig den meisten Stress auf?

Die Pyramide ist Sinnbild für eine „Reise vom Äußeren zum Inneren“. Von der Sache zur eigenen  Person. Der Weg beginnt mit dem Aufräumen und Vereinfachen des Schreibtisches, der Organisation der Zeit und dem Erledigen von Geldangelegenheiten, sowie dem Entwickeln eines gesunden Verhältnisses zu den eigenen Finanzen.

Die eigene Gesundheit, soziale Beziehungen und Partnerschaft folgen. Schließlich führt der simplify-Weg zum Selbst. Hier geht es um Lebensziele und dem Erleben von Lebenssinn. Auf welcher Stufe man beginnt, ist ohne Bedeutung. Am leichtesten fällt der Einstieg erfahrungsgemäß beim Thema Sachen. Hierbei sammelt man schnell Erfolgserlebnisse.

Den meisten Stress empfinden die Menschen sicherlich bei existenziellen Themen wie Arbeitsbeanspruchung, Konflikte in der Partnerschaft oder Geldsorgen. 

Personen mit Neurodermitis haben oft – wortwörtlich – eine sehr dünne Haut. Sie lassen viele Ereignisse zu sehr an sich ran, haben Schwierigkeiten, sich von ihren Mitmenschen abzugrenzen. Dadurch steigt der Stresspegel schnell an. Was kann man den Betroffenen empfehlen? Welche Schritte sind nötig, um das zwischenmenschliche Leben zu vereinfachen?

Dafür haben wir keine Patentlösung. Um grundsätzlich Problemen auf den Grund zu gehen, hat sich das Anwenden dieser 7 einfachen Werkzeuge bewährt. Das kostet Zeit, aber die Mühe lohnt sich:

  • 1. Der Problem-Finder: Was ist? Stellen Sie nicht nur fest, dass Sie etwas stresst (z. B. die Launen Ihres Chefs), sondern haken Sie nach: Was stört mich daran? Was fehlt mir? Was macht mir Sorgen? Was ist mir lästig?
  • 2. Die Lupe: Was genau? Beantworten Sie sich die klassischen W-Fragen: wann, wo, wer, was? Dazu gehört auch: Was hilft Ihnen derzeit dabei, das Problem auszuhalten?
  • 3. Der Analysator: Warum? Dabei geht es nicht darum, einen „Schuldigen“ auszumachen – auch nicht sich selbst! Fragen Sie sich sachlich: Was habe ich zu dem Problem beigetragen? Hat die Situation auch einen Nutzen, eine gute Seite für mich?
  • 4. Der Ziel-Finder: Wie soll es sein? Schließen Sie die Augen, und stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn das Problem zu 100 % gelöst wäre. Wie fühlen Sie sich? Was sehen Sie? Was riechen Sie? Was hören Sie? Wenn eine Kamera Sie filmen würde: Was wäre anders an Ihnen? Definieren Sie Ihr Ziel und wie viel Energie Sie investieren möchten.
  • 5. Der Ressourcen-Sammler: Was ist schon da? Notieren Sie sich alles, was Ihnen bei der Problembewältigung helfen kann: Ihre Erfahrungen, Kenntnisse, Charakter- und körperlichen Eigenschaften, finanziellen Möglichkeiten, Beziehungen.
  • 6. Der Prüfer: Passt es? Formulieren Sie alle Bedenken gegen Ihre Problemlösungsstrategie – unter Umständen müssen Sie Ihr Ziel oder Ihre Strategie noch einmal anpassen.
  • 7. Der Organisator: Plan und los! Legen Sie fest, wann Sie anfangen werden. Welches ist Ihr erster Schritt? Was benötigen Sie noch an Material oder Hilfe?

Wie schafft man es, die Ideen der Vereinfachung dauerhaft in seinem Leben zu etablieren, also auch über die aus Neujahrs-„Zielen“ bekannte, leider meist viel zu schnell abflachende Anfangsmotivation hinaus? Wie kann man Entkomplizierung und den resultierenden Stressabbau zur Gewohnheit machen? Und wieviel sollte man sich auf einmal vornehmen, um die größte Chance auf echte Veränderung zu haben?

Wichtig ist herauszufinden, was wir wirklich mit unserer Veränderung bezwecken wollen und was unsere Ziele sind. Folgende Vorgehensweise kann hilfreich sein:

  • Setzen Sie sich Ziele, formulieren Sie diese schriftlich und hinterfragen Sie, ob das Ziel für Sie wirklich lohnenswert und erstrebenswert ist.
  • Machen Sie sich klar, was das große Ganze hinter dem Ziel für Sie ist.
  • Gehen Sie große Vorhaben als Projekt an. Setzen Sie sich Meilensteine vom Projektanfang bis zum Projektende und feiern Sie die einzelnen Schritte zum Ziel.
  • Verzeihen Sie sich Rückfälle. Nehmen Sie es als Planänderung. Niemand ist unfehlbar; auch Sie nicht! Also seien Sie auch bei Rückschlägen gut zu sich selbst.
  • Nehmen Sie das Geschaffte vorne weg! Betrachten Sie das erreichte Ziel oder einen Meilenstein vor Ihrem inneren geistigen Auge. Visualisieren Sie, wie Sie das erreichte Vorhaben geschafft haben. Malen Sie es sich in den schönsten Farben aus und erleben Sie das Gefühl, das Sie danach motiviert an die Arbeit gehen lässt.
  • Machen Sie sich einen Zeitplan. Innerhalb dieses Zeitplanes zu agieren schafft ein gutes Gefühl und einen extra Schub an Motivation weiterzumachen.
  • So banal es klingt: Tun Sie’s! Schritt für Schritt.

Das Thema Veränderung hat viele Facetten. Viele Kniffe für unterschiedliche Situationen finden Sie unter http://www.simplify.de/die-themen/

Können Sie dem Leser eine kleine Aufgabe geben, mit der er jetzt sofort anfangen kann, sein Leben zu vereinfachen und seinen Stress zu senken?

Ein unreflektierter Umgang mit unserer Zeit führt oft in Stress-Situationen. Deshalb empfehle ich ihren Lesern einmal diese Aufgaben – zumindest eine – im Alltag zu erproben:

1. Rüsten Sie Ihre Sprache ab: Es geht nicht darum die Zeit „zu beherrschen“ oder „Zeitfresser zu eliminieren“. Sprechen Sie stattdessen freundlich von der Zeit, die „Ihnen geschenkt ist“, die Sie „anderen zur Verfügung stellen“ oder „weiterschenken“. Blicken Sie jeden Morgen dankbar auf Ihren Kalender, und sagen Sie sich: „Das ist mein Tag. Gut, dass ich ihn erleben darf. Ich will jede Minute davon genießen.“

2. Schaffen Sie sich gute Erlebnisse durch bewusstes Zeiterleben. Reisen Sie an schöne Orte, an die Sie sich später gern erinnern werden. Gönnen Sie sich „Zeitinseln“, in denen Sie ohne Uhr, Handy und Terminplan leben, etwa den Sonntag oder einen abendlichen Spaziergang.

3. Analysieren Sie ehrlich, was Sie wirklich gern tun und wofür Sie immer Zeit haben: mit Freunden treffen, anderen helfen, lesen, im Internet surfen oder Musik hören etc. Setzen Sie sich mit diesen „Ablenkungen“ in Gedanken an einen Tisch, und sehen Sie sie an: Das sind nicht Ihre Feinde, sondern die Liebhabereien, die Ihr Leben lebenswert machen. Verhandeln Sie über eine gesunde Kooperation, z. B.: Wie viel Zeit möchten Sie abends entspannt mit einem Buch verbringen, und wie viel Zeit damit, Ihren Haushalt auf Vordermann zu bringen? Sie werden sehen: Sobald Sie Ihre „Zeitfresser“ nicht mehr als Gegner betrachten, lässt es sich in der Regel ganz prima mit ihnen auskommen.

4. Tun Sie nichts, nur weil es „effizient“ ist. Das gilt besonders für alles, was Sie gerne tun: Wenn Sie während des Telefonats mit Ihrer Freundin bügeln, können Sie das Gespräch weniger genießen, als wenn Sie dabei relaxed auf dem Sofa sitzen. Gönnen Sie sich Qualitätszeit, in der Sie sich mit Hingabe einer einzigen Aufgabe widmen, die Sie erfüllt. Alle Menschen, die etwas Großes in ihrem Beruf, ihrem Hobby oder ihrer Familie leisten, erlauben sich solchen Zeitluxus.

5. Ein halber Tag ist in etwa das Zeitmaß, das ein Mensch wirklich überblicken kann. Teilen Sie größere Arbeiten vorab auf in Einheiten von höchstens 4 Stunden. Legen Sie fest, was Sie am Ende so einer Arbeitseinheit erreicht haben wollen. Haben Sie die Tendenz, Jobs gern vor sich herzuschieben? Dann bitten Sie jemanden (z. B. einen vertrauten Kollegen), den Fortschritt Ihrer Arbeit regelmäßig abzufragen, am besten 2-mal pro Tag. Dadurch entsteht ein – gesunder – Druck. Denn eigentlich entspricht es uns Menschen, dass wir nicht allein vor uns hin schaffen, sondern uns dabei von anderen begleiten lassen.

Vielen Dank für das interessante Interview, Herr Loos! Wohin können sich die Leser wenden, wenn Sie mehr über Ihre Arbeit erfahren möchten?

Wir freuen uns, wenn ihre Leser zum Stöbern bei www.simplify.de vorbeischauen. Viele nützliche und kostenlose Informationen sowie Mitmachinhalte finden sie auch auf unserer Facebook-Fanseite unter www.facebook.com/simplify.de
 


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