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Neurodermitsis und ADS/ADHS

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …


dass  AD(H)S eines der vielen Symptome bzw. Folgekrankheiten der Neurodermitis ist? Die Wissenschaft suggeriert gerne, dass es sich um eine psychisch bedingte Aufmerksamkeitsstörung handelt (und rechtfertigt damit die „Stilllegung“ der betroffenen Kinder mit Psychopharmaka), doch das trifft nicht in jedem Fall zu. Tatsächlich weiß man schon lange, dass AD(H)S auch viel mit Ernährung zu tun hat, dass ein großer Teil der betroffenen Kinder Allergiker sind und vor allem besonders viele davon Neurodermitis haben. In den meisten Fällen zeigt sich die Neurodermitis in den ersten Jahren als Ekzem, wird so erkannt und im günstigsten Fall auch entsprechend behandelt, z.B. durch Allergenkarenz. Fehlt dieses augenfällige Symptom (hier ist das zentrale bzw. vegetative Nervensystem der Ort des Geschehens), kann es passieren, dass trotz vorliegender Allergie von Seiten der Eltern bzw. des behandelnden Arztes nicht reagiert wird.

 

 

Etwa ab dem dritten Lebensjahr werden dann die Symptome der AD(H)S deutlich. Wer kennt nicht Kinder, die außer Rand und Band sind, mal überschäumend vor Kraft, mal aggressiv, mal depressiv, über Tische und Bänke gehend, unkonzentriert. Man bezeichnet dieses Verhalten auch als Hyperaktivität. Die Variante ohne Hyperaktivität (ADS) fällt durch besonders stille Kinder auf, die verträumt, weinerlich, durchaus auch zickig oder schnell beleidigt sind. Betroffen sind weltweit 1 % der Bevölkerung, in Deutschland ca. 1 Mio. Menschen, davon 400.000 Kinder im Alter von 6-12 Jahren, 90.000 Kinder von 13-18 Jahren und ca. 450.000 Erwachsene.

 

AD(H)S tritt oft familiär gehäuft auf (Sie wissen ja, Neurodermitis wird als solches vererbt). Dies bedeutet neuen neurologischen Erkenntnissen zufolge aber nicht, dass es sich um einen Gendefekt handelt. Im Gegenteil werden erlernte Verhaltensmuster jedweder Art im Alter von 0-6 Jahren angelegt und begleiten uns durchs Leben. Wie Atmen und Bewegung muss auch das Verhalten erlernt werden, dazu gehören Disziplin, Grenzen, gutes Vorbild, “maximale Herausforderung  bei maximaler Unterstützung”.

 

Professor Dr. G. Hüther, Autor des Buches „Neues vom Zappelphillip“, erklärt das so: Die Verhaltensmuster sind von Anfang an da, was nicht gebraucht oder nicht verwertet wird, geht weg (Hirnzellen sterben ab). Deshalb müssen Kinder “trainiert” werden, wer soziale Verhaltensmuster nicht vorlebt, kann auch nicht erwarten, dass sie plötzlich da sind. Kinder brauchen unbedingt Grenzen, sie wissen nicht von selbst, was sich gehört, was richtig ist, was sie tun oder lassen sollen. Sicher macht das Mühe, deshalb waren viele Menschen glücklich, als  Ritalin und Co. das Problem beseitigten. Ärzte waren glücklich, sie konnten etwas verschreiben und es herrschte Ruhe. Eltern waren glücklich, denn sie waren nicht schuld. Erzieher waren glücklich, denn es gab keine Unruhe mehr im Klassenraum, sie hatten also nicht versagt. Die Umwelt war glücklich (“Kinder soll man sehen, nicht hören”). Glücklich ist auch die Pharmaindustrie, denn sie verdient daran.

 

 

Hyperkinetische Kinder (ohne adäquate Behandlung) sind in 60 % auch als Jugendliche bzw. Erwachsene auffällig, dann nimmt die Hyperaktivität ab und die Aufmerksamkeitsstörungen nehmen zu. Diese machen sich bemerkbar z.B. durch häufigen Arbeitsplatzwechsel, schneller Wechsel der Interessen/Hobbys, „Zappen“ am Fernseher usw. Überaktivität schlägt auch oft in Inaktivität um („Ist-mir-egal-Stimmung“). Studien über 25 Jahre Laufzeit haben ergeben, dass oft als Folge psychosomatische Störungen, dissoziales Verhalten, leider auch Kriminalität, Drogenmissbrauch (die Drogenrate ist deutlich höher), berufliche Schwierigkeiten, häufige Autounfälle wegen Unaufmerksamkeit sowie generell deutlich höhere Unfallneigung in dieser Gruppe besonders häufig auftreten.

 

Die Zahl der diagnostizierten Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen stieg laut dem Arztreport 2013 der Barmer GEK von 2006 bis 2011 bei den unter 19jährigen um 42 % (!), rund 620 000 Kinder und Jugendliche hatten 2011 laut ärztlicher Diagnose das Zappelphilipp-Syndrom, davon waren 427 000 Jungen. Mit den betroffenen Erwachsenen waren es insgesamt 750 000. Allein in der Altersgruppe der 11jährigen bekamen rund 7 % der Jungen und 2 % der Mädchen Ritalin. Insgesamt erhielten 2011 336 000 Patienten Ritalin, ein Anstieg von 39% binnen 5 Jahren! Die gute Nachricht: Laut Bundesinstitut für Arzneimittel ging der Verbrauch von Ritalin 2013 erstmals leicht um 2 % zurück. Gründe hierfür könnten sein: besseres Diagnoseverfahren, Fehl- und Übertherapie in der Vergangenheit, schärfere Vorgaben für die Verschreibung von Ritalin.

 

Nun ist aber nicht jedes lebhafte Kind von AD(H)S betroffen, Eltern sollten sich deshalb hüten, beim Auftreten einzelner Symptome sofort eine Hyperaktivität zu vermuten. Fällt das Kind aber wegen seines extremen Verhaltens ständig unangenehm in Kindergarten oder Schule auf und verliert dadurch Freunde o.ä., dann allerdings ist es an der Zeit, einen Fachmann aufzusuchen. Einen ersten Verdacht wird der Arzt/Kinderarzt stellen. Diesen Verdacht sollte er zwingend durch einen unabhängigen Arzt bestätigen lassen. Die mögliche Diagnose sowie Therapie wird dann durch einen speziell ausgebildeten Arzt (Neurologe, Allergologe) und/oder Psychologen durchgeführt und überwacht.

 

Warum diese Umständlichkeiten, fragen Sie sich? Ganz einfach, kein seriöser Arzt wird in diesem komplexen und komplizierten Krankheitsbild die alleinige Verantwortung auf sich nehmen wollen (dazu sind die möglichen Ursachen/Auslöser zu vielfältig), ein leichtfertiger Arzt schon… Nicht jeder Kinderarzt ist vom Studium her dafür ausgebildet, außerdem verlangt eine eventuelle neurologische Beeinträchtigung unbedingt einen Facharzt, sprich Psychologen, Neurologen oder wer noch notwendig ist. Oft kommt es vor, dass Ärzte/Kinderärzte allzu schnell mit Psychopharmaka zur Hand sind, obwohl das Krankheitsbild dafür nicht ausgeprägt genug ist oder, noch schlimmer, die Symptome zwar AD(H)S ähneln, aber eine völlig andere Ursache haben. So kann z.B. eine Sehbehinderung oder ein gestörtes Hörvermögen zu auffälligem Verhalten führen, Grimassen schneiden kann auch ein Anzeichen für das Tourette-Syndroms sein usw. Vielleicht ist das Kind auch einfach nur überfordert mit überzogener Erwartungshaltung der Eltern.

 

Einige wesentliche Merkmale sollten Eltern bzw. den behandelnden Arzt aufhorchen lassen, Dazu gehören unbedingt Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, sie sind ein Hauptmerkmal der AD(H)S.  Aber auch ein auffällig anderes Verhalten als Gleichaltrige oder die mangelnde Einsicht oder Einschätzung für Gefahren und Risiken (das Kind stürzt sich ohne nachzudenken kopfüber in jede Gefahrensituation), eine gestörte Feinmotorik, das Anhäufen von Fehlern nach den ersten 2-3 fehlerfreien Sätzen (Kinder werden oft als Legastheniker fehleingeschätzt), auffällige Ticks (Grimassen schneiden, Zähneknirschen, nervöses Blinzeln), Wahrnehmungsstörungen, Kälte-, Hitze-oder Schmerzunempfindlichkeit, manchmal auch Migräneattacken, nächtliches Einnässen, Depressionen oder chronische Schmerzsyndrome. Manche Kinder haben Schlafstörungen, sprechen sehr hastig, haben Wutanfälle mit Zerstörungswut oder ziehen sich komplett zurück, sind weinerlich oder zickig.

 

Trotz dieser auffälligen Symptome fallen AD(H)S-Kinder oft auf durch ihre Offenheit, durch Charme, Humor, Spontanität, Hilfsbereitschaft. Sie sind meist sehr kreativ, praktisch veranlagt, vielseitig interessiert und oft schauspielerisch begabt. Die größten Entdecker der Weltgeschichte gelten aus heutiger Sicht als hyperaktiv, sonst hätten sie sich nicht furchtlos aufgemacht, die Welt zu entdecken, ohne Angst vor unbekannten Gefahren.

 

Heute stürzen zu viele Reize auf Kinder ein (Fernsehen, Computer, Handy, Technik etc.). Wer nicht darauf trainiert wird, damit verantwortungsvoll umzugehen, wird überflutet, das Frontalhirn schaltet auf Sparflamme und wartet erst mal ab. Hat das Kind nicht gelernt, Reize zu sortieren und einzuordnen (damit sind Kinder allein generell überfordert), kommt es zum Frontalhirndefekt, der Mensch rastet aus oder erstarrt innerlich. Bei Jungen überwiegt dann die Hyperaktivität incl. Aggressivität, Mädchen ziehen sich zurück. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder sehr wohl wahre Meister am Computer sein können (und werden dann auch noch dafür gelobt), aber Computerspiele bzw. Computerwelten sind nicht alltagstauglich. Was das Kind fürs Leben lernen sollte, fehlt dann völlig. Unsere computerisierte Welt schafft lebensuntüchtige Menschen, die sich zudem vor harmlosen Dingen, Personen, Situationen ängstigen, denn sie haben nicht gelernt, damit umzugehen.

 

Deshalb ist der Reifungsprozess ungeheuer wichtig, diese Aufgabe kann kein Computer, kein Erzieher übernehmen. Kinder müssen Gelegenheiten haben, richtiges Verhalten zu lernen, sich in andere hineinzuversetzen, Mitgefühl zu entwickeln und Alltagssituationen immer wieder auf die gleiche Weise kennen zu lernen. Dazu gehören geregelte Tageszeiten für Schlaf, essen, spielen, lernen. Ein Nein muss ein Nein bleiben, das Kind muss noch nicht jedes Mal den Sinn verstehen, es darf auch z.B. nicht selbst entscheiden, ob es ins Bett will oder nicht. Eltern sind das Vorbild, sie geben die weitere Entwicklung vor. Man muss das Kind hinter dem ADHS- Kind sehen, in jedem schlummern ungeheure Möglichkeiten, aber die müssen auch geboten werden.

 

Der o.g. Arztreport gibt Hinweise darauf, dass Diagnosen auch von den Eltern abhängen. So sinke mit steigendem Ausbildungsniveau der Eltern die Wahrscheinlichkeit einer AD(H)S-Diagnose und damit meist die Ritalin-Gabe an die Kinder. Kinder mit jungen Eltern (unter 25 Jahren) haben ein rund 50-prozentig höheres Risiko als andere Kinder (Eltern zwischen 30-35 Jahre), auch die Kinder von Arbeitslosen seien prozentual häufiger betroffen. Dagegen wird die Aufmerksamkeitsstörung bei Kindern von Gutverdienenden seltener diagnostiziert.

 

 

Treffen sich zwei Schulkameraden. Sagt der eine: „Mann, du ziehst vielleicht ein Gesicht. Was ist los?“ Meint der andere: „Ich habe ADS.“ Antwortet der eine: „Mensch, du hast es gut. Ich bin bloß schlecht erzogen!“

 

 

M. war schon immer ein wissbegieriges Kind, sehr aktiv, aber grundsätzlich von ruhigem Charakter. Dann kamen die ersten Schlafstörungen, er wirkt zunehmend unkonzentriert, der Notenspiegel reicht von 1-6. Er spielt den „Klassenclown“ und stört den Unterricht. Wegen der Berufstätigkeit seiner selbständigen Eltern besucht er eine Ganztagsschule, hat nachmittags so gut wie keine Zeit für Hobby oder Freunde, ist daher sehr isoliert. Als Kind hatte er Neurodermitis, angeblich ohne allergische Komponente, ein Allergietest wurde trotz familiärer Belastung nicht gemacht. Auf gezieltes Nachfragen stellte sich dann eine Pollenallergie heraus, die aber nur symptomatisch behandelt wird, d.h. bei Bedarf wird ein Mittelchen gegeben, „was grad so vorhanden ist“. Da M. sich durchaus auch mal konzentrieren kann (wenn er nicht abgelenkt wird), sieht die Familie seine Clownereien als witzigen Ausdruck seiner Persönlichkeit. Erst durch ständige Hinweise der Lehrer auf eine mögliche AD(H)S-Erkrankung und seine ihn selbst belastende mittlerweile völlige Isolation gegenüber seinen Schulkameraden und Freunden wird durch den Kinderarzt als erste Maßnahme ein Speicheltest veranlasst. Der auffällig hohe Ph-Wert lässt nun auch hier erste Vermutungen zu ADHS aufkommen, die weitere gezielte Behandlung konnte damit anlaufen.

 

Ein schönes Beispiel für Vererbung sieht man hier: der kleine Junge wurde lange voll gestillt (dabei immer wieder Erbrechen, leichte Ekzeme), mit Beginn des Zufütterns wurde er auffällig unruhig, er war absolutes Schreikind. Nachdem ein Allergietest eine Kuhmilchallergie nachweisen konnte, brachte eine vorübergehende  Milchkarenz eine deutliche Besserung. Aber im weiteren Verlauf entwickelt er eine Vorliebe für Kakao (Nickel!), wird überwiegend mit Vollkornprodukten (Nickel!) ernährt (Mutter schrotet selbst), trinkt gern und viel Malzbier (Phosphat). Der Kleine wird nun wieder sehr unruhig, z.T. aggressiv, kann sich nicht konzentrieren. Nachdem die Diagnose AD(H)S im Raum steht, will die Familie mit mir gemeinsam die weitere Ernährung bzw. das weitere Vorgehen absprechen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass auch der Vater seit langem die Diagnose ADHS hat (aber im Prinzip nie behandelt wurde). Durch Alter und Beruf war er etwas ruhiger geworden, empfindet rückblickend gesehen  seine Jugend als sehr stressig. Auch jetzt ist er immer noch deutlich auffällig, kann nicht still sitzen, zappt nach eigenen Angaben beim Fernsehen ständig, steht während der Mahlzeiten oder ähnlichem 5x auf usw. Er hat wie Sohnemann ein gestörtes Essverhalten, beide sind auf wenige Lebensmittel fixiert. Einen Anlass zu einer gründlichen Untersuchung bzw. therapeutischer Behandlung sieht die Familie aber nicht, denn nachdem der jüngst geborene Säugling mit den gleichen Symptomen (Erbrechen etc.) wie Junior reagierte, wurde ein Osteopath befragt und der sieht eine Verspannung bei der Geburt als Ursache! Die weitere „Karriere“ ist da bereits abzusehen.

 

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de



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