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Neurodermitis und die Psyche – Interview mit Randolf

Nach dem Lesen seiner bewegenden persönlichen Geschichte auf der Website www.randolftreutler.de haben wir Randolf um ein Interview gebeten. Im Gespräch mit jucknix erzählt er von seinen Erfahrungen mit der Krankheit und dem Zusammenspiel von Haut und Psyche.

Hallo Randolf, vielen Dank für Deine Bereitschaft, einen Teil Deiner Erfahrungen mit den jucknix-Lesern zu teilen. Möchtest Du Dich kurz vorstellen?

Ich heiße Randolf Treutler, bin 52 Jahre jung, staatl. anerk. Dipl-Sozialpädagoge von Beruf, mit dem Studienschwerpunkt Suchterkrankungen bei Jugendlichen als Thema meiner Diplomarbeit und im öffentlichen Dienst tätig.

Wann fing die Neurodermitis bei Dir an? Wie hat sie sich geäußert? Und hast Du einen Verdacht, was die Krankheit bei Dir ausgelöst haben könnte?

Erzählungen meiner Eltern haben mich darüber informiert, dass ich Neurodermitis mit ca. 1 Jahr bekommen habe, meine Eltern erzählten mir, dass ich mich ihrer Meinung nach bei einem hautkrankem Hausbewohner angesteckt habe. Die Krankheit äußerte sich dadurch, dass ich starken Juckreiz in den Ellbogen und Kniekehlen hatte und diesen durch ständiges Jucken zu lindern versuchte, was dazu führte, dass mein kompletter Körper irgendwann völlig zerkratzt war.

Zu dieser Zeit können viele Dinge für das Ausbrechen der Krankheit Ursache gewesen sein, die Nahrung, die Kleidung (es wurde viel synthetische Kleidung getragen), die Waschmittel, die Verwendung fanden. Es können auch seelische Gründe eine Ursache gewesen sein, als ich 1. Jahr alt wurde bekam ich ein Geschwister, meine leider schon 1988 verstorbene Schwester Sabine. Es kann sein, dass ich mich vernachlässigt fühlte und deshalb die Krankheit ausbrach, aber das ist eine Hypothese.

Mit welchen Mitteln wollten die Ärzte Dir zunächst ambulant helfen? Und was hat den Grund geliefert, Dich ins Krankenhaus zu bringen?

Mir wurde von unserem Hautarzt speziell eine Kortisonhaltige Hautcreme angefertigt und mir wurden kleine Handschuhe aus Baumwolle angezogen, um das kratzen zu lindern. Ins Krankenhaus wurde ich gebracht, weil alle Maßnahmen nicht halfen und meine Eltern auch total überfordert waren, die zerkratzten Hautpartien schmerzten, dies führte dazu, dass ich nachts nicht durchschlief. Durch intensive Behandlung im Krankenhaus sollte der Heilungsprozeß beschleunigt werden.

Haben Deine Eltern Dir erzählt, was Du im Krankenhaus erlebt hast?

Nach Aussage meiner Eltern wurde ich an Händen und Füssen im Krankenhaus fixiert um ein Weiterkratzen zu verhindern. Salben wurden auf die betroffenen Stellen aufgetragen, um zum einen Linderung des Juckreizes zu erzielen und den Heilungsprozeß einzuleiten.

Hat sich Deine Haut nach der ersten stationären Behandlung ein bisschen stabilisiert oder wurden im Folgenden weitere Krankenhausaufenthalte verordnet? Mit welchen Therapien wurde versucht, Dir zu helfen und mit welchem Erfolg?

Ich muss aus heutiger Sicht sagen, dass mir nicht die Aufmerksamkeit zuteil wurde und die Therapie Anwendung fand, die nötig war, um den Heilungsprozeß zu beschleunigen und die Krankheit in den Griff zu bekommen. Wenn es sehr schlimm war, ging meine Mutter mit mir zum Hautarzt, mir wurden Hautcremes verordnet, nachts musste ich Baumwollhandschuhe tragen und es wurde auf die Ernährung geachtet, ich durfte keine Zitrusfrüchte mehr essen, wegen der in Ihnen enthaltenen Säuren, sondern nur Bananen.

Insgesamt aber wurde nicht so sehr darauf geachtet, wie es erforderlich gewesen wäre, wobei nicht zu vergessen ist, das ich der Erstgeborene von insgesamt vier Kindern war, nach meiner Geburt brachte meine Mutter noch drei Geschwister zur Welt, alles Mädchen. Insofern ließ verständlicherweise irgendwann auch die Ausmerksamkeit nach, weil meine Mutter mit meinen jüngeren Geschwistern befasst war.

Welche Erfahrungen musstest Du als Kind mit Neurodermitis machen, im Kindergarten und in der Schule? Wie bist Du und wie sind die anderen Kinder damit umgangen?

Sehr schlimme und sehr dramatische Erfahrungen habe ich als Kind und als Jugendlicher mit der Krankheit Neurodermitis gemacht, diese haben mein Selbstwertgefühl nachhaltig beschädigt und meine Menschenscheu verstärkt.

Ich litt sehr unter diesem starken Juckreiz, der mich permanent quälte, ich litt sehr unter der aufgekratzten, für ALLE sichtbaren Haut. Damals, aus Unkenntnis über die Krankheit Neurodermitis hielt man das Jucken für Krätze und das führte dazu, dass Kinder mich mieden und nicht mit mir spielen wollten. Sie und möglicherweise auch ihre Eltern befürchteten Ansteckung und so wurde Körperkontakt vermieden, worunter ich sehr litt. Weil ich darüber hinaus auch noch hyperaktiv war, hatte ich sehr große Schwierigkeiten, während meiner gesamten Kind- und Jugendzeit, sozial integriert zu werden.

Die Ablehnung der Anderen führte letztlich dazu, dass ich mich selbst ablehnte und verachtete. Als Jugendlicher flüchtete ich dann in die Scheinwelt des Rausches indem ich Alkohol, Tabletten und auch Drogen konsumierte, was letztlich in die Abhängkeit führte. Ich wurde ein Polytoxykomane, ein Mehrfachabhängiger und ich bin erst im Jahre 1982, mit fast 24 Jahren aus der Suchtmittelabhängigkeit ausgestiegen und lebe seitdem völlig abstinent, am 28.05.2011 waren es 29 Jahre, die ich mittlerweile völlig Drogenfrei, d.h. völlig ohne Einnahme von bewußtseinsverändernden Drogen und Medikamenten sowie Alkohol lebe. Ich bin sehr dankbar, den Weg aus dieser Hölle der Abhängigkeit geschafft zu haben.

Glaubst Du, dass diese Erfahrungen damals die Krankheit weiter verstärkt haben?

Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Erfahrungen die Neurodermitis verstärkt haben, ich habe auch oft aus Selbsthass, als Bestrafung gekratzt, weil ich mich leidenschaftlich gehasst habe. Ablehnung durch Andere führt bei Heranwachsenden nicht dazu, dass sie sich selbst besser akzeptieren können.

Hast Du im Laufe der Schulzeit irgendwann mehr Anschluss und in ein ausgeglichenes Sozialleben gefunden?

Nein, ich bin während der gesamten Schulzeit mehr oder minder ein Einzelgänger geblieben, zu prägend waren die verletzenden Erfahrungen aus der Kindheit.

Wie kamst Du mit Deiner Familie aus? Und wie ging es Deinen Eltern mit Deiner  Neurodermitis – wie sind sie damit umgegangen? Manchmal fühlen Eltern sich ja schuldig für die Krankheiten ihres Kindes – unabhängig davon, ob sie wirklich zu deren Entstehung beigetragen haben.

Aus unterschiedlichen Gründen war es für meine Geschwister und Eltern sehr belastend mit mir zu leben, zumeEinen die Neurodermitis, dann meine Hyperaktivität, meine später sich entwickelnde Suchterkrankung waren für Geschwister und Eltern sehr belastend und traumatisierend.

Sie haben durch mich einen Teil ihrer Kindheit eingebüßt, sie war zumindest weniger unbeschwert als bei anderen Kindern, denn meine Krankheiten führten zu häufigen Konflikten, auch zwischen den Eltern, die sich mitschuldig fühlten dafür, was mit mir geschah.

Auf Deiner Website berichtest Du davon, dass Du zu Alkohol und anderen Drogen gegriffen hast. Wann hat das angefangen? Wie ging es mit den Drogen weiter?

Ich bin sehr früh in die Abhängigkeit von Alkohol, später kamen noch Tabletten und Drogen dazu, geraten. Wir waren damals eine sehr große Clique die sich aus Jugendlichen beiderlei Geschlechts unterschiedlichen Alters zusammensetzte, 12 – 13 jährige bis hin zu 18 jährigen, die teilweise schon in der Berufsausbildung waren oder ungelernten Tätigkeiten nachgingen und infolgedessen über wesentlich mehr Geld verfügten als wir Jüngeren. Sie hatten Freude daran, uns Jüngere betrunken zu machen, am Anfang mit 12, 13 Jahren reichte eine oder zwei Flaschen Bier aus. Da ich aufgrund meiner gesundheitlichen Defizite sehr selbstunsicher war fühlte ich mich berauscht sehr stark, nicht so verletzlich und war von Anfang an fasziniert von der Wirkung des Alkohols, für mich stand schnell fest, so wollte ich mich häufiger wenn nicht sogar täglich fühlen.

Also nutzte ich jede Gelegenheit, um zu trinken..meine Eltern schimpften zwar, straften mich auch, doch dachten sie, dass es sich um eine vorüergehende pubertäre Phase handeln würde, die bald enden würde. Da irrten sie bedauerlicherweise sehr, denn meine Suchtmittelabhängigkeit nahm sehr dramatische Formen an, es kamen später noch Tabletten und Drogen dazu.

Das führte dazu, dass ich vorzeitig die Realschule verlassen musste, weil ich durch den Alkohol- und Drogenkonsum nicht mehr zu unterrichten war, dass ich im Anschluß eine von mir begonnene Tischlerlehre nach drei Jahren kurz vor der Gesellenprüfung abbrach, weil ich nicht mehr in der Lage war, die für das Gesellenstück notwendige Zeichnung anzufertigen, ich konnte mich nicht konzentrieren, die zunächst psychische Abhängigkeit war in eine körperliche Abhängigkeit übergegangen.

Zwischendurch immer wieder Entgiftungen in Krankenhäusern, meist in der psychiatrischen Abteilung, nach der Entlassung folgte der Rückfall.

Diesen verhängnisvollen Weg setzte ich bis in die Obdachlosigkeit fort, mehrmals war ich dem Tode sehr nah, nur eine rechtzeitige Einlieferung ins Krankenhaus rettete mir das Leben.

Nach mehreren ergebnislosen Ausstiegsversuchen durch Therapien gelang mir nach einer Entgiftung der endgültige Ausstieg aus der Suchtmittelabhängigkeit am 28.05.1982. Seitdem lebe ich clean and dry.

Du bist also inzwischen seit vielen Jahren weg vom Alkohol und den anderen Drogen. Wie hast Du das geschafft, was hast Du über Dich gelernt?

Den Ausstieg aus der Suchtmittelabhängigkeit habe ich geschafft, weil es für mich nur noch eine Wahl gab, entweder leben oder sterben.

Ich wollte leben und hatte das unverschämte Glück, die für mich richtige Therapieeinrichtung zu finden, damals eine reine Selbsthilfeeinrichtung mit dem Namen "Die Fähre" in Essen, gegründet von Fred Kollorz, selbst Suchtmittelabhängiger, der mit genesenen Freunden diese Einrichtung in einem ehemaligen Genesungsheim der Firma Krupp aufbaute.

Als ich im Mai 1982 aus der Entgiftung dort zum Aufnahmegespräch ankam, wurde ich nach dem Aufnahmegespräch sofort aufgenommen, nicht zuletzt deshalb, weil ich keine eigene Wohnung mehr hatte. Wo gibt es so etwas heute noch? Spontane Hilfe gleich und sofort…das hat mir das Leben gerettet…dafür bin ich dankbar bis heute…Der Gründer der Fähre, Fred Kollorz lebt leider nicht mehr und die Fähre ist mittlerweile keine Selbsthilfeeinrichtung mehr sondern eine klassische Therapieeinrichtiung. Selbsthilfe heißt,  genesene Betroffene helfen noch nicht genesenen Betroffenen. 

Denn: "Nur Du allein kannst Dich verändern, doch Du kannst es nicht allein." Und: "Menschen denen wir Stütze sind, geben unserem Leben halt."

Heute versuche ich jeden Tag auf Neue Ja zum Leben zu sagen, Ja zu einem abstinenten suchtmittelfreien Leben, nur für HEUTE, denn das gestern ist Vergangenheit und nicht mehr zu  ändern und das Morgen noch nicht da..also konzentriere ich meine Kraft auf das Hier und Jetzt. Und 24 Stunden suchtmittelfrei zu leben ist vorstellbar und macht nicht soviel Angst, als wenn ich mir ständig vorstellen würde, so das ganze Leben leben zu müssen.

Wie geht es Dir heute? Und was macht die Neurodermitis?

Momentan bin ich an einer Depression erkrankt, befinde mich deshalb auch in  psychotherapeutischer Behandlung. Manchmal führen die Herausforderungen des Lebens dazu, dass wir erkranken…dann sollten wir…wie ich es tue…fremde Hilfe in Anspruch nehmen…Besser als sich im Kreis zu drehen. So ergeben sich neue Lösungsansätze und Perspektiven. Es ist keine Schande krank zu sein, es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun.

Meine Neurodermitis ist zwar nicht gänzlich verschwunden, aber ich gehe heute anders mit mir und der Krankheit um. Ich benutze spezielle Pflegemittel wie Shampoos und Bade- und Duschzusätze, achte auf kurze möglichst gut gefeilte Fingernägel, damit ich möglichst wenig Schaden anrichte, wenn ich dennoch mal kratze, versuche ein ausgeglichenes von ungesundem Stress, der krank macht, befreites Leben zu führen und gehe möglichst achtsam mit mir und meiner Umwelt um.

Möchtest Du den Lesern noch etwas mit auf den Weg geben? Und können sie sich an Dich wenden, wenn sie noch weitere Fragen haben – wenn ja, wie?

Ich wünsche allen von Neurodermitis Betroffenen Geduld im Umgang mit der Krankheit und im Umgang mit sich selbst. Ich hoffe, dass Sie an ihre eigene innere Kraft glauben oder glauben lernen und so die Herausforderungen des Lebens meistern.

Der Weg ist das Ziel und die längste Reise beginnt mit dem erstem Schritt.

Wer Kontakt zu mir aufnehmen möchte kann dies über meine E-Mail tun: Randolf1958@gmx.net oder mich mobil erreichen unter: 0175-9253362.

Herzliche Grüße, Randolf Treutler

Lieber Randolf, wir danken Dir im Namen aller Leser für Deine Offenheit und das sehr hilfreiche Interview und wünschen Dir weiterhin alles Gute!

 

 

Linktipps:

Ein Forum für Suchterkrankungen und psychische Probleme findet ihr auf www.suchtundselbsthilfe.de. Hilfe für alkoholkranke Menschen gibt es auch unter www.forum-alkoholiker.de.


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