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Neurodermitis und die Rolle von Stress und Psyche

 Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

dass Neurodermitis nicht aufgrund einer psychischen Erkrankung entsteht? Die Psyche mag im Verlauf der chronischen und oft nicht gänzlich behandelbaren Erkrankung Schaden nehmen, aber sie ist nicht der Auslöser.

Ein geschichtlicher Überblick über erstmalige Veröffentlichungen zeigt, dass die Neurodermitis schon lange die Gemüter beschäftigt: Beschrieben wurde die Neurodermitis erstmals im Jahre 1808 von Willan. Damals ging man davon aus, dass es sich um eine Nervenerkrankung handelt („Neuro“ = Psyche, „Dermis“ = Haut). 1844 wurde von Ferdinand Ritter von Hebra der Befall der großen Beugen mit Ekzemen berichtet. 1892 stellte der französische Dermatologe Ernest Besnier die primäre Rolle des Juckreizes heraus. Noch bis in die frühen 1920er Jahre wurde die Neurodermitis deshalb „Prurigo Besnier“ genannt. Besnier hat sich große Verdienste in der Erforschung der Hauterkrankung erworben, er stellte auch den Zusammenhang zwischen Neurodermitis und den Folgekrankheiten Heuschnupfen und Asthma her. 1933 erfolgte durch den Arzt Hill eine Einteilung in drei Phasen, seit 1973 gilt die offizielle Definition von Hauptmerkmalen und Minimalformen (Herzberg). Danach ist die Neurodermitis eine chronische, entzündliche, veranlagungsbedingte (d.h. vererbte) Erkrankung, die häufig mit starkem Juckreiz einhergeht und meist chronisch verläuft. Später kam der Begriff der atopischen Dermatitis (AD) bzw. des Atopischen Ekzemes (AE) auf.  Weitere Bezeichnungen sind: Milchschorf (früheste Form der Neurodermitis), Ekzem, endogenes Ekzem, atopisches Ekzem, Neurodermitis constitutionalis.  

Auslöser sowie Symptome der Erkrankung sind äußerst vielfältig und können sowohl allergischer als auch nichtallergischer Natur sein. Lediglich das Symptom der sehr trockenen Haut ist allen Neurodermitikern gemeinsam. Betroffen sind ca. 3 % der Gesamtbevölkerung, davon 40 % der Kinder bis 1 Jahr, 80 % davon bis zum Alter von 5 Jahre. Wiederum 40 % davon sind bis ins Erwachsenenalter betroffen. 60 % aller Neurodermitiker leiden unter Heuschnupfen, 30 % unter allergischem Asthma.

 

Wissenschaftler sind einem Gen auf der Spur (Filaggrin), das vermutlich als Auslöser sowohl für Neurodermitis als auch für die Fischschuppenkrankheit (Ichtyosis vulgaris) verantwortlich ist.

 

Die Behandlung der Neurodermitis setzt eine gründliche Vermeidung der wahrscheinlichen Auslöser voraus. Dann kann eine mehr oder weniger vollständige Symptomfreiheit erreicht werden, nie ein Ausheilen der Neurodermitis, diese ist anlagebedingt und bleibt ein Leben lang latent vorhanden. Versprechen einer Heilung sind also immer unmöglich auszuführen, wohl aber eine Beschwerdefreiheit durch Meiden der/des Auslösers. 

Nun hat es sich nicht nur bei Ärzten eingebürgert, dass alle Befindlichkeiten, die nicht sofort einem bestimmten Krankheitsbild zuzuordnen sind, einer psychischen Störung/Belastung zugeschrieben werden. Das hat u.a. den Vorteil, dass der Patient aufhört zu „nerven“, denn wer will schon auf die Psychoschiene geschoben werden? Zum anderen zeigt es aber auch die Ohnmacht des Arztes, der (vorschnell?) mit seinem Latein am Ende ist. Unbestritten ist aber, dass manche körperliche oder seelische Störung mit einer psychischen Belastung bzw. einer psychosomatischen Beeinflussbarkeit einhergeht. Das kann bewusst genutzt werden, indem der Allergiker (vor allem Kinder) seine Umwelt mit Kratzattacken als Druckmittel steuert. Unbewusst kann eine Opferhaltung („ich armer Allergiker“) auch Aggressionen schüren („nun reiß dich mal zusammen“). Dazu kommt oft noch die Stigmatisierung und Diskriminierung durch Klischees und Vorurteile („Du ernährst dich falsch…“, „Irgendwas machst du falsch…“, Bei dir muss … in der Kindheit vorgefallen sein, dein Hautleiden ist psychosomatisch…“, „Ihh, ist das ansteckend?“). Um aus einem solchen Teufelskreis herauszukommen, bietet eine Psychotherapie durchaus Chancen, eventuelle Gefühle von Isolation oder soziale Konflikte zu verarbeiten. Insbesondere sollte eine Indikation zur Psychotherapie dann gestellt werden, wenn schwerwiegende Beziehungskonflikte diagnostiziert werden, unabhängig davon, ob diese als Bedingung oder Folge einer allergischen Erkrankung angesehen werden.

 

Der Ungebildete glaubt, was ihm passt. Ludovico Ariosta (ital. Humanist, 1474-1533)

 

Gerade die Neurodermitis bildet den idealen Nährboden, alles, was nicht lehrbuchkonform ist, als psychische Störung abzutun. Da ist eine Erkrankung, die sich bei jedem Betroffenen anders äußert. Wie oben schon erwähnt, ist allen der extreme Juckreiz aufgrund der im Prinzip zu trockenen Haut zu Eigen. Dann gibt es aber auch Betroffene mit nässenden Ekzemen, andere ohne Ekzeme, aber mit auffällig weißen Hautflecken, wieder andere mit ausgeprägten Lidfalten. Beim Armbruch weiß man, wo die Ursache zu suchen ist, aber bei der Neurodermitis? Ist es da ein Wunder, dass sich auf diesem Gebiet alles tummelt, was durch Küchenpsychologie Reibach machen will? Durch Leidensdruck und Gutgläubigkeit verfällt so mancher z.B. den rhetorisch geschulten Pseudopsychologen der Heilpraktiker- und Geistheilergilde. Wartet man auf einen Termin bei einem anerkannten Psychologen oder Psychotherapeuten oft Monate oder Jahre, so geht das beim Heilpraktiker nebenan recht schnell. Und hat der nicht schon beim Arbeitskollegen rausbekommen, dass dessen Neurodermitis davon kommt, dass die dominante Mutter ihm früher immer den Nachtisch gestrichen hat, wenn er mit schmutzigen Hosen nach Hause kam? Um vieles schlimmer sind Ärzte, die Müttern einreden, ihre Kinder müssen die Konflikte der eigenen Kindheit jetzt stellvertretend erleiden und dann auch noch versuchen, Mutter und Kind zu trennen, um das Kind dadurch zu heilen. Sie glauben, so was kann nicht passieren? Leider doch, man denke da nur an den berüchtigten Dr. Stemmann, dessen pseudomedizinische Ratschläge („Trennungstraining“) schon viele Kinderseelen zerstört haben mag (siehe dazu auch Der Spiegel 10/2005 „Galilei von Gelsenkirchen“ sowie die Internetlinks zu Dr. Stemmann, Stemmann-Schüler Dr. Hamer („5 Regeln des Krebses/der Neurodermitis“), Germanische Neue Medizin („braunes“ Gedankengut wörtlich von Dr. Stemmann übernommen („Neurodermitis ist heilbar"), auch antisemitisches Logo usw., Meta-Medizin, Gelsenkirchener Modell u.v.m., siehe in diesem Zusammenhang auch Allergie- und umweltkrankes Kind e.V..).  Bei Stemmann und Hamer hat der Mensch selbst verursacht, dass er an Krebs oder Neurodermitis erkrankt, denn irgendetwas hat er bestimmt getan, um diese Strafe verdient zu haben. Auf diese Art der Menschenverachtung gehe ich später noch mal ein, denn da gibt es noch ausreichend Beispiele.

 

Die Beratungsstelle Sekten-Info NRW in Essen warnt in ihrem Jahresbericht 2013 vor esoterischen Wunderheilern und Lebenshilfegurus. In fast jedem der 458 Beratungsfälle hätten Betroffene oder Angehörige Hilfe bei Problemen mit Esoterik-Heilern und Psychogurus mit fragwürdigen Methoden gesucht. Viele medizinisch oder therapeutisch nicht ausgebildete Geistheiler behaupten, auch schwerwiegende Erkrankungen kurieren zu können, dadurch werde schwer kranken Patienten u.U. medizinische Behandlung vorenthalten.

 

Bekannt ist, dass ein nichtallergischer Trigger (etwas wirkt symptomverstärkend) der Neurodermitis Stress sein kann. Negativer, aber auch positiver Stress setzt dieselben Mediatoren frei, die auch für allergische Reaktionen nachzuweisen sind. Es kommt zu einer vermehrten Histaminausschüttung, das führt zu Juckreizattacken und da wären wir wieder im Hamsterrad. Interessant ist, dass Verliebte weniger anfällig für Stress bzw. den daraus resultierenden Histaminüberschuss sind („das juckt/kratzt mich nicht“), der Körper ist wohl durch die herumschwirrenden Hormone abgelenkt. Seelisch weniger gefestigten bzw. empfindlich reagierenden Menschen geht dagegen alles „unter die Haut“. Nun können wir dem Stress nicht gänzlich entgehen, aber wir können Strategien entwickeln, diesen nicht so nah an uns heran zu lassen. Mir hilft immer ein gedanklicher Spaziergang am Nordseestrand, ich lausche den Wellen, betrachte die Möwen, schaue über die Mole aufs Meer…. Vielleicht hilft Ihnen, öfter bis 10 zu zählen oder sich vor den geöffneten Kühlschrank zu stellen, bevor Sie Ihre Haut malträtieren oder Ihre Nerven ruinieren? 

 

Dann wären da noch die „paradoxen Ratschläge für Psychosomatiker“ von Prof. Dr. Rainer Sachse, der in seinem Buch „Schwarz ärgern – aber richtig“ die Gesetze der Psychosomatik (Soma: Körper, Psycho: Seele) auf den Kopf stellt. Danach sollte man sich fragen: „Was muss/kann ich selbst tun, um meine chronische Hauterkrankung noch zu verschlechtern?“ Wenn Ihnen jetzt auf Anhieb mehrere Dinge einfallen, die Sie garantiert nicht tun wollen, weil das Juck, Schmerz… nach sich zieht, dann haben Sie schon richtig erkannt, was Ihnen nicht gut tut, warum das also nicht dauerhaft ändern?

 

Stress (psychischen Druck) machen wir uns aber auch selbst. Sicher muss nicht jede Minute des Tages durchgeplant sein, auch Kinder ohne Musikunterricht und Reiten und Ballett und… kommen im Leben weiter. Schaffen Sie sich/Ihren Kindern Freiräume. Das kann z.B. ein spontaner Spaziergang am Waldrand sein, Seifenblasen pusten, ein Nachmittag in der Bücherei beim Stöbern nach Allergie- oder anderer Literatur usw. Es ist zwar modern, Stress zu haben, doch wollen wir wirklich den Leuten nacheifern, die ihre eigene Wichtigkeit mit Jammern über deren Stress unterstreichen? Oder müssen wir uns nur mehr Mühe geben, um auch unbedingt so gestresst zu sein wie Kreti und Pleti? Das beste Mittel gegen Stress ist – gelebte Langeweile!

 

Sagt der Ehemann: „Ich in die Klinik? Weg von zu Hause? Nie!“ Meint der Arzt: „Aber raus aus der häuslichen Umgebung kann hilfreich sein für die Therapie!“ Murmelt die Ehefrau: „… und für die Ehe und den Haushalt und meine Gesundheit und mein Leben und den Appetit und die Laune und den Garten und die Nachbarn und die Umgebung und das Klima und überhaupt…“

 

Vor einigen Monaten kam eine junge Frau nach einer langen Odyssee zu mir in die Beratung. Sie litt seit vielen Jahren an diversen Allergien, u.a. Neurodermitis mit zeitweise großflächigen Ekzemen im Gesicht und einem hartnäckigen Handekzem. Sie hatte ständig geschwollene Augenlider, häufige Bindehautentzündungen und reagierte mit Quinke-Ödemen (vor allem Gesichtsschwellungen) auf Fisch, Rot- und Weißwein sowie mit Kreislaufabfall und Übelkeit auf Xusal und Milchprodukte. Ihr Asthma wurde bislang nur mit einem bronchienerweiternden Spray behandelt, weil der Arzt keinen Bedarf für einen Pneumologen sah. Seiner Meinung nach nahm sich die junge Frau zu wichtig, denn die beschriebenen Reaktionen wären kein Hinweis auf eine Allergie und schon gar nicht ein Symptom für eine Anaphylaxie! Er sah die Ursache der Beschwerden in „Lebensängsten“ und empfahl ihr neben verschiedenen stimmungsaufhellenden Medikamenten und einer Haaranalyse (600,- €) auch eine  zuckerfreie Ernährung! Da reichte es ihr und sie fand den Weg zu einem Facharzt, der mittels Allergiediagnostik reichlich fündig wurde.

Ähnlich lange dauerte es bei einer 10jährigen, bis die richtige Diagnose gestellt wurde. Das Mädchen reagierte schon als Säugling mit Neurodermitis (großflächig). Der Kinderarzt verwies auf die Psyche, da könnte man nichts machen. Dazu kamen auffällige Verschleimungen im Rachen und immer wieder Lymphschwellungen. Im Laufe der Zeit (das Mädchen war mittlerweile 8 Jahre) trat auch Luftnot auf und vermehrt das Gefühl eines „Fremdkörpers“ im Hals, dazu dauernde Magenschmerzen und Übergewicht. Die Kinderarztpraxis sowie die hinzugezogene  Kinderklinik sahen keinen Grund zu Untersuchungen und verwiesen die Eltern nach weiteren 2 Jahren „Herumdokterns“ an die Uniklinik Köln zur weiteren Abklärung (wie in einem gut geführten Büro, erst mal weiterleiten, vieles erledigt sich dann von selbst). Nach einer Luftröhrenuntersuchung ohne Befund wurde auch hier ein Psychologe empfohlen, der wiederum zunächst eine Kernspinto-Aufnahme veranlasste. Vorher wurde nochmals die Luftröhre untersucht, nun konnte eine leichte Rötung festgestellt werden, eine darauf folgende Magenspiegelung ließ ein akutes Magengeschwür erkennen! Die Kinderärzte sahen weiterhin wegen der Grunderkrankung Neurodermitis keinen Handlungsbedarf und wollten auch dem Psychologen nicht vorgreifen (der Termin stand in Kürze bevor). Zufällig wurden die Eltern gleichzeitig im Fernsehen auf eine Sendung zum Thema Allergien aufmerksam und stellten nun die Tochter einer Allergologin vor. Der längst fällige Test wies dann diverse Allergien nach, unter anderem IgE-vermittelt auf Weizen. Die weizenfreie Ernährung ließ recht schnell 15 kg purzeln, auch die sonstigen Symptome gingen dank Karenz zurück und das Hautbild verbesserte sich rapide.

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 

 


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