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Neurodermitis mit Psychotherapie bekämpft – Interview mit Caro

Caro ist 28 Jahre alt und leidet erst an Neurodermitis, seit sie 20 ist. Im jucknix.de Interview berichtet sie vom Ausbruch der Krankheit, davon, welche Rolle die Psyche spielt und von ihrem Leidensweg der letzten acht Jahre.

Seit wann / wie lange hast Du Neurodermitis?
Die meisten Leute bekommen ja schon sehr früh Neurodermitis, bei mir war das anders. In meiner ganzen Familie gab es nie Fälle von Neurodermitis. Bei mir auch nicht. Bis ich ungefähr 20 Jahre alt war. Das heißt, ich lebe jetzt seit acht Jahren damit.

Wie fing die Krankheit an?

Mit einem Juckreiz an den Armen hat alles angefangen. Zuerst war mir gar nicht so klar, was das zu bedeuten hat. In den nächsten Wochen wurde das Jucken immer schlimmer, vor allem nachts. Ich ging zum Arzt, der wusste aber auch nicht so recht, woher das kam. Kurz darauf hatte ich dann, erst an den Armen, dann auch an den Beinen, Flecken, die aussahen, als hätte ich mich in die Brennnesseln geworfen . Ungefähr hat es sich auch so angefühlt! Ausschlag also. Und wieder zum Arzt. Der teilte mir dann mit, dass es wahrscheinlich Neurodermitis ist.

Wie hat sie sich dann weiter entwickelt?

Obwohl ich immer mal wieder kurz Ruhe hatte, als ich ein paar verschiedene Medikamente vom Arzt verschrieben bekommen habe, haben sich die Ekzeme über die Monate und Jahre in Schüben immer mehr ausgebreitet. Der Juckreiz wurde auch immer schlimmer, vor allem in den Phasen, wo ich viel Stress hatte.

Was glaubst Du, warum Deine Haut so plötzlich krank wurde?

Als ich 20 wurde, musste ich gerade eine ziemlich schlimme Zeit durchmachen. Das Verhältnis zu meiner Familie war am Ende, das ging einfach nicht mehr. Dazu muss man wissen, dass ich mir meine Kindheit wirklich anders gewünscht hätte… mein Vater war zwar meistens unterwegs wegen seinem Beruf als Regionalleiter von einer Gruppe von Tankstellen, aber wenn er dann da war, gab es wahnsinnig oft heftigen Streit, sowohl zwischen ihm und mir, als auch zwischen meinen Eltern. War keine Seltenheit, dass er meine Mutter oder mich geschlagen hat. Wobei es da die unterschiedlichsten “Grüne” gab, mal war ihm die Wohnung nicht genug aufgeräumt, mal hatten wir uns seiner Meinung nach zu wenig um unseren Hund gekümmert, während er weg war (was überhaupt nicht stimmte!). Das schlimmste für mich war aber, dass meine Mutter mir dann die Schuld gegeben hat, wenn mein Vater so ausgerastet ist. Sie stand überhaupt nicht hinter mir und hat mir Vorwürfe gemacht, dass ich ihn ja schließlich provoziert hätte. Mit 20 hatte ich jedenfalls noch zu Hause gewohnt, eine eigene Wohnung konnte ich mir bis dahin kaum leisten da ich noch in der Ausbildung zur Bürokauffrau war. Die Vorwürfe und Beschimpfungen meiner Mutter und meines Vaters wurden aber immer schlimmer. In dieser Zeit haben die Neurodermitis Symptome mit dem Juckreiz und den Ekzemen angefangen angefangen. Kurz darauf habe ich dann meine Ausbildung abgeschlossen und konnte ausziehen. Die Krankheit ist aber geblieben, auch wenn ich inzwischen kaum noch Kontakt habe zu meinen Eltern.

Was ist für Dich das unangenehmste an der Neurodermitis?
Ganz klar, das Jucken, die aufgekratzten Stellen an meinen Armen und Beinen, die Nächte, in denen ich nicht durchschlafen kann. Und das Unverständnis meines Umfelds. “Mein Gott so schlimm kann es doch nicht sein, jetzt hab Dich nicht so!”, solche Sätze machen mich am meisten fertig. Oder wenn jemand sagt, dass ich selber schuld sei, weil ich mich immer wieder kratze. Solche Vorwürfe erinnern mich einfach so an mein Elternhaus.

Was war Deine schlimmste Situation mit dem “atopischen Ekzem” Caro?
Ich lag zu Hause in meiner eigenen Wohnung, die ich kurz zuvor eingezogen war, nach der Arbeit im Bett. An einem Sommerabend, der für andere Leute bestimmt schön war. Meine Arme sahen ganz schlimm aus, die Ekzeme waren blutig und aufgekratzt, haben genässt und gejuckt und weh getan dass mir die Tränen kamen. Da ich wusste, dass ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit muss, wollte ich trotzdem versuchen, bald einzuschlafen. Aber es ging einfach nicht. Nach meiner Ausbildung war ich umgezogen, in eine andere Stadt, wo ich kaum jemanden. Zu meinen Eltern hatte ich so gut wie keinen Kontakt mehr. Am meisten hab ich mir damals gewünscht, dass einfach jemand zu mir kommt und mich in den Arm nimmt, und für mich da ist. Draußen sind lauter Leute vorbeigezogen, denen es gut ging, die Spaß hatte und gemeinsam irgendwohin unterwegs waren. Und ich lag da im Bett, hab geheult und war einfach nur verzweifelt und einsam.

Was hat Dir durch die Krankheit gefehlt, gibt es Dinge, auf die Du verzichten musst?

Früher hab ich sehr gern Badminton gespielt. Das ging dann aber nicht mehr. Denn immer wenn ich geschwitzt habe ist der Schweiß in die Wunden gelaufen und hat gebrannt und gejuckt. Geschwommen bin ich auch oft, es gab ein Schwimmbad bei mir um die Ecke. Aber zum einen das Chlorwasser, davon kann ich nur abraten! Zum anderen habe ich mich auch lange geschämt für meine Haut, ich hatte Angst die Leute würden nur auf meine Stellen an den Armen und Beinen schauen und sich vor mir ekeln.

Du sagst, Stress und die Psyche sind wichtige Neurodermitis Ursachen bei Dir. Was haben Deine Ärzte dazu gesagt?

Der erste Arzt, bei dem ich war, hat das eher abgestritten und mir u.a. Cortison verschrieben. Cortison zum Beispiel hat eine ganze Zeit lang recht gut geholfen, die Ekzeme im Griff zu halten. Aber irgendwann traten auch dann wieder mehr Schübe auf und ich musste die Dosis erhöhen. Insgesamt hab ich aber bestimmt so sechs oder sieben Medikamente ausprobiert. Bei diesem Arzt bin ich dann jedenfalls irgendwann nicht mehr geblieben, ich hab mir einen anderen gesucht (leider viel zu spät!), der mich besser versteht – schließlich hatte ich ja die ganze Zeit irgendwie gemerkt, wie stark meine Haut mit neuen und wiederkehrenden Ekzemen auf Stress reagiert. Ich wusste nur nicht so recht, was ich dagegen tun soll.

Wie geht’s Dir heute?
Inzwischen hab ich ja nun acht Jahre mit Neurodermitis hinter mir, und seit dem Sommer letzten Jahres geht es mir besser. Klar, ab und zu juckt es mal heftig, ich muss natürlich auch jeden Tag Acht geben auf meine Haut. Aber insgesamt sind die Schübe seltener geworden und wenn sie mal kommen, sind sie auch meistens nicht mehr so stark.

Weißt Du, woher die Linderung kommt?
Ja, ich hab vor zwei Jahren eine Psychotherapie begonnen. Nicht extra wegen der Neurodermitis, sondern weil es mir insgesamt häufig schlecht ging, schon auch wegen der Haut, aber ich hatte insgesamt ein sehr “dünnes Fell” und schnell am Boden, wenn mal irgendwas nicht so geklappt hat, wie ich es mir gewünscht habe zum Beispiel. Durch die Therapie hab ich gelernt, wann ich eine Auszeit brauche und mehr für mich selbst da sein muss. Und dass es nicht an mir liegt, wie meine Eltern mich oft behandelt haben. Zwar bin ich jetzt nicht den ganzen Tag entspannt. Ich ruhe aber schon viel mehr in mir als früher. Und wenn ein Tag mal besonders stressig ist, dann versuche ich darauf zu achten, dass ich mir immer mal wieder zwischendurch eine kleine Auszeit gönne, wenn auch nur ein paar Minuten. Abends gibt’s dann zum Beispiel ein schönes Bad oder einen Spaziergang.

Welche Tips hast Du für Neurodermitiker, welche für Eltern von Kindern mit Neurodermitis?
Ich glaube, dass bei Neurodermitis die Psyche schon eine wichtige Rolle spielt, nicht nur bei mir. Es ist wichtig, jemanden zu haben, mit dem man wirklich reden kann. Der zuhört, wenn’s einem schlecht geht. Und sich bewusst zu sein, dass belastende Beziehungen (wie bei mir mit meinen Eltern) sich ganz negativ auf die eigene Gesundheit auswirken können. Manchmal ist es dann wirklich besser, zu gehen. Eltern neurodermitiskranker Kinder würde ich empfehlen, ganz viel Verständnis zu zeigen für ihr Kind und Situation, in der es ist. Ihm einfach zu glauben, wenn es sagt, dass es juckt und wehtut, auch wenn man das selbst nicht hundertprozentig nachempfinden kann.

Wie können sich Leser an Dich wenden, wenn Sie noch Fragen haben?
Am besten ihr hinterlasst hier einen Kommentar, ich schaue regelmäßig vorbei :) .

Vielen Dank Caro!

Linktipps:

Bei Familienkonflikten kann auch eine Mediation helfen, siehe:  Vergleich und Überblick Mediatorenausbildung Mediation
 

 


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4 Antworten zu “Neurodermitis mit Psychotherapie bekämpft – Interview mit Caro”

  1. Randolf Treutler sagt:

    Danke Caro..sehr ehrliche und für mich hilfreiche Schilderung deiner Neurodermitiserkrankung. Deinen Empfehlungen schließe ich mich ganz und gar an. Danke Randolf

  2. Jan sagt:

    hallo caro ich leide auch an neuro dermitis und wollte dich fragen welchen beruf du ausübst ??? danke jetzt schon mal im vor raus

  3. mejo sagt:

    sie hat doch mehrmals geschrieben, dass sie Buerokauffrau ist!!!! mannn !!! naja,jedenfalls ist es nicht bloss eine Vermutung, dass STress bzw phychischer Stress eine Ursache von Neurodermitis ist. denn schliesslich sind die nerven vom gehirn. direkt mit der haut verbunden. Zb. wird man bei Nervositaet rot im Gesicht oder schwitzt. oder gaensehaut

  4. Dajana sagt:

    Hallo,
    Mein Freund hat Neurodermitis/Psorijasis auf dem
    Kopf und er zerkratzt regelrecht seinen ganzen Kopf, bis es blutet. Er hat mit mindestens 20 verschiedenen methoden versucht das Jucken zu lindern, von Cortison bis Eigenutin, aber nichts hat geholfen, wir haben jetzt überlegt, ob er mal nicht zu einer Psychotherapie gehen soll, denn immer wenn er Stress hat bekommt er einen stärkeren Juckreiz auf dem Kopf und kratzt somit, wie gesagt, die ganze kopfhaut auf. Kann uns jemand helfen und paar Tipps geben? Oder mir sagen, zu was für einem “Therapeuten” man gehen sollte ?

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