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Naturkosmetik und Allergien


Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

 

dass Naturkosmetik nicht automatisch vor einer Kontaktallergie schützt? Ausgehend von der Werbung, die gemäß dem Zeitgeist verschwenderisch mit dem Begriff „Natur“ umgeht („nur natürliche Zutaten“, „das Beste aus der Natur“), besteht weitläufig die Annahme, dass alles, was natürlich ist, nicht schädlich sein kann. Wie schon in der Kolumne Nr. 46 angesprochen, erfreut sich die Naturkosmetik zunehmender Beliebtheit. Doch  inwieweit spielen pflanzliche Inhaltsstoffe oder eventuell andere Zutaten eine Rolle?

 

Eine italienische Studie der Universität Ferrara aus dem Jahr 2013 zeigte, dass jeder zehnte Patient mit allergischen Vorerkrankungen auf pflanzliche Cremes und Tinkturen mit Hauterscheinungen reagiert. Für die Studie wurden 2661 Patienten in ambulanten Therapiezentren für Hauterkrankungen befragt, 48 % gaben sich an Anwender pflanzlicher Kosmetik zu erkennen. Etwa 1/3 hatte der Pflanzenkosmetik den Vorzug vor „synthetischen“ Pflegeprodukten gegeben, weil die Sicherheit bei pflanzlichen alternativen als besser eingeschätzt wurde. Die Patienten verwendeten besonders häufig pflanzliche Körperlotionen, Gesichtscremes, Haarshampoos, Parfums, dekorative Kosmetik sowie pflanzliche Produkte gegen Akne und z.B. Feigwarzen im Genitalbereich. Dieses sogenannte anogenitale Leiden tritt besonders bei Patienten mit Psoriasis auf, wobei die entzündlichen Hautrisse ein Eindringen der Allergene begünstigen. Die darin enthaltenen pflanzlichen Extrakte sind vor allem Aloe vera, Kamille, Ringelblume, Arnika und Propolis. 

 

11 % Patienten berichteten trotz der positiven Einschätzung der Naturprodukte über Hautreaktionen auf die pflanzlichen Produkte. Diese äußerten sich als Verschlechterung der bestehenden Hauterkrankung oder im erstmaligen Auftreten von Jucken, Brennen, Erythemen oder Schwellungen. Nur knapp die Hälfte der Patienten suchte fachärztlichen Rat, etwa ein Drittel setzte die pflanzlichen Produkte ab, ein weiteres Drittel behandelte die Hautreizungen mit einem cortisonhaltigen Mittel. Zu der Erhebung der Studiendaten gehörte auch ein Epikutantest mit den in Italien üblichen Basisallergenen im Bereich Kosmetika und Wirkstoffsalben. 22 % der Patienten reagierten positiv auf  die darin typischerweise vorkommenden Allergene wie Fragance-Mix I, (Chlor)Methylisothiazolon, Formaldehyd, Paraben-Mix und Lanolinalkohol. Bei dem gleichzeitig durchgeführten (in Italien üblichen) Patch-Test auf pflanzliche Allergene reagierten 16 % der Patienten positiv. 22 % reagierten, soweit nachprüfbar, bei einer Provokation auf das in Verdacht stehende pflanzliche Pflegeprodukt, die auslösenden Kontaktallergene hierbei waren Propolis, Teebaumöl und Korbblütler. Das zeigt laut den Studienautoren um Monica Corazza, dass ein relevanter Anteil an Hautreaktionen nicht durch die pflanzlichen Wirkstoffe, sondern vielmehr auch durch andere Inhaltsstoffe der Kosmetika ausgelöst wird. Corazza: „Eine mögliche Kontaktallergie gegen pflanzliche Bestandteile besteht nach unseren Daten bei etwa 15 % der Patienten, die über eine Hautreaktion auf Naturprodukte berichten.“ Ihr Fazit: die Mehrzahl der durch pflanzliche Hautprodukte ausgelösten Kontaktallergien könnten daher entdeckt werden, wenn die Basis-Epikutantestung mit Tests auf Propolis, Extrakte von Korbblütlern und Teebaumöl kombiniert werde.

 

Diesem guten Grundgedanken steht hierzulande gegenüber, dass zugelassene Fertigallergenlösungen zur Hauttestung nicht mehr hergestellt und vertrieben werden. Der letzte verbliebene Zulassungsinhaber Allergopharma hat die Zulassung bereits im September 2014 zurückgegeben und die Produktion zum Jahresende 2014 eingestellt (verbleibende Restbestände dürfen nach Erlöschen der Zulassung noch zwei Jahre vertrieben werden). Zum Vergleich: 2011 zugelassene Testlösungen: 208, 2015: 0. Der Grund ist nachvollziehbar, aber gleichzeitig für den Allergiker sehr nachteilig. Diese Diagnose- und Testmittel sind rein rechtlich bereits seit langer Zeit ein Arzneimittel. Mit der Umsetzung europäischer Direktiven in nationales Recht und damit verbunden einer Änderung von Begriffsbestimmungen wurden sie zu Fertigarzneimitteln und bedürfen nun generell einer neuen Zulassung (§ 141 IV AMG) für den Vertrieb in Deutschland. Im Ergebnis dieser höheren Anforderungen sind die Unternehmen verpflichtet, umfangreiche Untersuchungen zur Qualität ihrer Produkte durchzuführen. Der hohe, nicht nur finanzielle Aufwand für den Erwerb und Erhalt dieser Zulassungen hat nun unwiderruflich dazu geführt, dass seit mehr als 20 Jahren in Deutschland keine Fertigallergenlösungen zur Intrakutantestung mehr neu zugelassen wurden und die bestehenden Lizenzen ausgelaufen sind.

 

Ein Ausweg aus dieser Misere wäre, die Aufnahme von Diagnostikallergenen (Testlösungen für Prick,- Intrakutan- und Provokationstestungen sowie Epikutantestmaterialien) in die regionalen Sprechstunden-bedarfsvereinbarungen (SSB) aufzunehmen. Die SSB sind gedacht als Grundausstattung der Arztpraxis (wie Verbandmaterial, Spritzen etc.). Die Grundvoraussetzung, dass sie nicht nur für einen einzelnen Patienten (z.B. Privatpatient oder spezieller Einzelpersonenkreis), sondern für viele verwendet werden können, ist gegeben. Ein weiterer Vorteil: die Kosten würden von den Arzthonoraren entkoppelt, Ärzte könnten ohne wirtschaftliche Zwänge rein zum Wohl der allergischen Patienten umfassende Diagnostik betreiben. Die Klärung dieser Erwägungen bleibt spannend.

 

Manche dieser durch pflanzliche Komponenten ausgelösten Kontaktallergien wären vermeidbar, wenn die (gesundheits-)politische Grundhaltung nicht so lax wäre. Das fängt bei der Herstellung besagter Testlösungen an (bzw. den vom Gesetzgeber gewollten erschwerenden Umständen) und hört bei der Zusammensetzung von Wasch- und Pflegemitteln auf. Trotz zunehmender Sensibilisierung durch Methylisothiazolinon (ein Konservierungsstoff) wird der Stoff weiterhin zugesetzt in z.B. Klarspüler, Flüssigseifen, Haut- und Haarpflegemitteln, Sonnenschutz, Badezusätzen, Weichspüler, Klebstoffen, Holzpflegemitteln und Wandfarbe. Das BfR warnte bereits in einer Stellungnahme. Zumindest für Kosmetika stehen Alternativen zu diesem Stoff zur Verfügung. Der Verbraucher bzw. Allergiker kommt so ungewollt in Kontakt mit einem bekannten, stark sensibilisierenden Kontaktallergen, ein vermeidbares Risiko. Das aktuellste Beispiel ist die 5-Euro-Münze „Blauer Planet“: das Bundesfinanzministerium hat trotz der seinerzeit zahlreichen Hinweise und Proteste der einschlägigen Ärztevereinigungen vor der Einführung der Euro-Münzen (und den gravierenden Folgen für Kontaktallergiker) die aus einem Kobalt-Nickel-Wertstoff bestehende Münze herausgegeben. Sie wird wahrscheinlich „nur“ in Sammelalben landen und nicht in Umlauf gelangen, aber der wiederholte Einsatz des extrem sensibilisierenden Stoffes Nickel zeigt die Ignoranz der Politik.

 

Prof. Dr. Thomas Fuchs, Hautarzt und Allergologe der Universität Göttingen, anlässlich des 10. Deutschen Allergiekongresses (1.Oktober 2015): „ Die Gesundheitspolitik hat auf ganzer Linie versagt“. Die „Botschaft der Diagnose Kontaktallergie ist simpel und eindeutig und lautet Allergenkarenz“. Als Adressaten dieser Botschaft nennt er neben der allgemeinen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit insbesondere Industrie, politische Institutionen und die entsprechenden Überwachungsbehörden. Vermittelt werden müsse vor allem die Erkenntnis, „dass die Erkrankung gewissermaßen hausgemacht ist und nicht schicksalhaft über die Patienten hereinbricht“.

 

Propolis (Bienenwachs) wird in der Naturkosmetik/Naturmedizin eine große Rolle zugeordnet, da Propolis neben der antibiotischen Wirkung auch eine antivirale (gegen Herpes- und Rhinoviren) sowie eine antimykotische (wirkt wachstumshemmend auf Candida albicans und Hautpilze) Wirkung nachgesagt wird. Neben Flavonoiden wie z.B. Chrysin und Galangin  enthält Bienenwachs aber auch Gummi (Achtung Latex), Phenole (Zimt,- Cumar,- Kaffee,- Ferual- und Isoferualsäure) sowie diverse Ester. Es besteht ein hohes Risiko für die Ausbildung von schweren Allergien auf Propolis (Kontaktdermatitis). Phenole finden sich auch in Pflanzen (auch in Haus- und Gartenpflanzen und als Bestandteil des Fragance-Mix), Ester (PHB-Ester) sind ein bekannter Auslöser für chronische Urtikaria. Teebaumöl steht neben Lavendelöl seit längerem als möglicher Auslöser von Gynäkomastien (Vergrößerung der männlichen Brustdrüse) in der Kritik: sie wirken laut einer Veröffentlichung bei 90 % der Jungen vor der Pubertät offensichtlich hormonell. Nach eine Karenz der bisherigen Pflegeprodukte mit Lavendel- und Teebaumöl („Heilbalsam“, Shampoo, Haargel, Seife, Körperlotionen) bildeten sich die Gynäkomastien im Laufe einiger Monate vollständig zurück. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die oben genannte Kolumne, wo ich auf einige der pflanzlichen Allergene näher eingehe.

 

 

Patient zum Arzt: „Immer wenn ich an die gute alte D-Mark denke, kriege ich Ausschlag.“ Arzt: „Eurodermitis“.

 

 

Obwohl die Inhaltsstoffe von (pflanzlichen) Kosmetika oft mehr als trivial sind, ist „Mann/Frau“ bereit, Unsummen für ein vages Versprechen auszugeben (pflegende Kosmetik ist längst nicht mehr die alleinige Domäne von Frauen). Das hat sich u.a. Estee´ Lauder zunutze gemacht. Mit der Hautcreme „The Essence“ von La Mer hat man ein Produkt kreiert, für das faltenängstliche Frauen den stolzen Preis von 2.100,- € für eine 3-Wochen-Kur zu zahlen bereit sind. So beschreibt ein Journalist die Herstellung: „Man ernte die Triebe jungen Seetangs aus dem Meer vor San Diego und lasse sie 120 Tage lang reifen. Dann beschalle man sie mit sphärischen Klängen und versetze sie mit Narzissenzwiebeln und Meeres-Petersilie. Das Ergebnis wird mit Wunderbrühe (Miracle Broth) angereichert und in algengrüne Ampullen gefüllt. Fertig ist eine Gesichtscreme für 2100,- €“. Das ist beileibe nicht die teuerste Hautcreme auf dem Beautymarkt, eine japanische Firma vertreibt ihre Creme „Cle de peau Beaute´“ für sagenhafte 10.376,- € pro 50 g! Wahrscheinlich ist sie mit purem Gold versetzt, deshalb glänzen die Schönen der Welt auch so. Ich persönlich bin glücklich mit meiner Creme von Balea für ca. 4,- €, die zudem ohne Duftstoffe, Wollwachs und frei von Farb- und Konservierungsmitteln ist.

 

Nur leider ist die vollständige Zusammensetzung der „Essence“ (die Wirksamkeit mal in Frage gestellt) nicht nur „sphärisch rein“, sondern enthält einige starke Kontaktallergene, u.a. Duftstoffe, Wollwachs und Eukalyptusöl, außerdem speichern Algen (Meerespetersilie ist eine Grünalge) Schadstoffe aus ihrer Umgebung, d.h. sie reichern unter anderem auch Quecksilber und Nickel an. Doch wie immer bei gefühlsmäßigen Ansprüchen setzt der Verstand aus, wenn der Wunsch nach „hauseigenem Luxus“ gewinnt. Doch vielleicht liegt es daran, dass die Narzisse nach dem griechischen Wort für Narkose „narkein“ benannt wurde? Wenn also der Verstand durch die Narzissenzwiebeln kurzfristig narkotisiert wurde, wie soll der Mensch da noch rational urteilen?

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 


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