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Lupinen-Allergie

 

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

dass eine Pizza nicht nur aus Mehl, Hefe, Wasser, Tomaten und Käse besteht? Sie ist im Gegenteil eine Quelle von unerwarteten Allergenen. Das Rezept einer original neapolitanischen Pizza besteht z.B. aus Weizenmehlteig, Tomaten (sogenannte Pelati), Mozzarella (aus Kuh- oder Büffelmilch), Salz, Pfeffer und anderen Gewürzen, vor allem Oregano. Meist wird der teure Büffelmozzarella durch einfachen Kuhmilch-Weichkäse ersetzt, aber wer Kuhmilch verträgt (Allergien auf Büffelmilch sind momentan nicht bekannt), sieht da sicher kein Hindernis. Doch neben zu erwartenden Allergenen wie Weizenmehl, Tomate oder Gewürze (Oregano) können sich auch unerwartete Allergene einschleichen, so z.B. Sojabohnenmehl, Erdnussproteine, Lupinenmehl, Kuhmilch, Sardellen, Surimi, Senfsamen, Malz.


Stellvertretend für solche „Mogeleien“ beschäftigt uns heute speziell die Lupine.

 “Lupinus albus”, auch Wolfs- oder Feigbohne genannt, gehört als Schmetterlingsblütler zur

 Leguminose-Familie und ist die eiweiß- und fettreichste Hülsenfrucht. Sie kann auch roh verzehrt werden. Die Fettsäurezusammenstellung (12 %) ist ähnlich wie bei Sojaöl. Das Lupinenmehl hat ein hohes Wasserbindungsvermögen, eine angenehm gelbe Farbe (Betakarotin), ist geschmacksneutral und überdurchschnittlich gut als Emulgator geeignet. Es wird deshalb häufig auch mit emulsionswirksamen Lecithinen vermischt. Die Aminosäure-Zusammensetzung wird aus ernährungsphysiologischer Sicht als sehr günstig angesehen. Das allergische Potential von Lupinen aufgrund von Kreuzreaktivität mit Erdnussproteinen wurde bald erkannt, bedingt durch die vermehrte Verwendung von Lupinenmehl nehmen die allergischen Reaktionen (über die Nahrung sowie inhalativ) rasch zu. Bereits Mengen im µg-Bereich können lebensbedrohliche Beschwerden auslösen. Lupinen sind artverwandt mit grünen Bohnen, Erbsen, Linsen, Sojabohnen und Erdnüssen.

Der erste Fall einer Lupinenallergie wurde 1994 dokumentiert, und zwar bei einem Mädchen mit Erdnussallergie. Sie reagierte nach dem Genuss von Spaghetti mit massiver Urtikaria mit Quinke-Ödem. Andere mögliche Reaktionsarten: Kontakturtikaria, OAS, perioraler Juckreiz an Lippen, Mund, Rachen (z.B. nach Kuss), Anaphylaxie, Rhinokonjunktivitis, bronchiale Beschwerden, Status asthmaticus, Lidödeme, Magenkrämpfe,  Ekzeme, Augentränen, Bindehautentzündung, Fließnase.

Lupinen sind nicht nur hübsche, buntblühende Pflanzen in Gärten und an Wegrändern, sie waren einst ein Grundnahrungsmittel bei den Indianern in Südamerika und wurden in Mischkultur mit Getreide und Mais angebaut. Friedrich der Große führte Lupinen 1781 in Nordeuropa ein (Lupinensamen), um die Bodenqualität in Norddeutschland zu verbessern. Von den weltweit ca. 200 Lupinenarten sind 3 in Mitteleuropa von Bedeutung: die Gelbe Lupine, die Blaue oder Schmalblättrige Lupine und die Weiße Lupine. Da Lupinen Bitterstoffe enthalten, wurden diese früher ausgewaschen, das Waschwasser diente dann als Mittel gegen Insekten und Parasiten. Heute geschieht das „Entbittern“ industriell bzw. werden Bitterstoffe gezielt herausgezüchtet.

Allergien auf Lupine finden sich im gleichen Maße bei Kindern und Erwachsenen.  Beschwerden können schon nach dem Verzehr oder Einatmen (Lupinenstaub) von geringsten Mengen auftreten und enden häufig in einem allergischen Notfall.

Kreuzreaktive Allergene (meist Speicherproteine/Conglutine) von Lupine, Erdnuss und Soja wurden bereits identifiziert, deutliche Kreuzreaktion konnten aber bei Erbsen, Kichererbsen und weißen Bohnen beobachtet werden. Vereinzelt kommt es auch zu allergischen Reaktionen nach beruflicher Inhalation von Lupinenmehl (Bäcker, Lebensmittelverarbeitung). Der Anteil an Lupinenmehl in Weizenmehlprodukten kann bis zu 10 % betragen. Das führte dazu, dass aktuell ca. ein Drittel der Bäcker (von 116 Teilnehmern) einer großen Studie zu berufsbedingten allergischen Beschwerden (aber ohne nachweisliche Nahrungsmittelallergie) spezifisches IgE (sIgE) auf Lupinensamen aufweisen. Nahezu alle Bäcker mit Lupinen-sIgE waren zudem gegen Weizen- bzw. Roggenmehl sensibilisiert, die Mehrzahl wies auch sIgE gegen Soja und Erdnuss auf. Ungeklärt ist noch, ob es dabei sich um reine Kreuzreaktionen oder berufliche Sensibilisierungen handelt.

Merke: eine Sensibilisierung erfolgt selten als Reaktion auf lupinenhaltige Nahrungsmittel, ebenso selten durch Inhalation von Lupinenstäuben in der Herstellung, aber häufiger als Kreuzallergie auf Lupinenpollen bzw. Erdnuss.

Lupine ist wärmeresistent und verliert auch beim Erhitzen/Backen nicht seine Allergenität (hitzestabil). Lupinenmehl wird als Nahrungsmittelzusatz in Form von Kleie, Mehle, Schrote, Ballaststoff- und Proteinkonzentrat in Europa immer häufiger eingesetzt und gewinnt deshalb immer mehr an Bedeutung. Die Lupine verdrängt z.B. Soja in der Naturkostbranche. Wie Soja kann Lupine zu Milch und Tofu verarbeitet werden, außerdem kann aus den gerösteten Früchten ein kaffeeähnliches Getränk hergestellt werden. In Portugal und Italien werden gequollene und gesalzene Lupinenkörner als Snack gereicht (ital. „Lupini“, portug.: „Tremocos“). Lupinenmehl findet sich in Backwaren wie z.B. Lebkuchen, in “gesunden” Reformhauswaren oder als Färbemittel von Lebensmitteln.

Unter dem Sammel-Begriff „Würze“ bzw. „Würzmischungen“ kann sich auch Lupine verstecken. Würze darf nur aus hygienisch einwandfreien Rohmaterialien hergestellt werden, dazu gehören Rohstoffe wie Fleisch- und Fischabfälle, Casein, Sojabohnen, Hefe, Hefeextrakt, Getreidekleber (Gluten), aber auch entbitterte Lupine.

In Frankreich sind Lupinen seit 1997 offiziell als Weizenmehlzutat zugelassen. Bereits 2001 stand Lupinenmehl an vierter Stelle von 107 gemeldeten anaphylaktischen Reaktionen auf Lebensmittel. Eine Studie in Portugal ergab bei 4 % eine allergische Sensibilisierung gegen Lupinenmehl. Lupinen sind wohl weniger allergen als Soja oder Erdnuss, aber gerade Patienten mit bekannter Soja- oder Erdnussallergie können als Kreuzreaktion auch auf Lupine reagieren sowie  vermutlich 50-80 % der Erdnussallergiker. Deshalb ist hier besondere Aufmerksamkeit des Allergologen gefordert. Seit dem 13.12.2014 besteht eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht, allerdings können Restbestände mit Lupinenmehlanteil durchaus noch im Umlauf sein (längere Mindesthaltbarkeit, z.B. Gewürzmischungen, Konserven). Armin Valet, Lebensmittelchemiker und Experte für Ernährung bei der Verbraucherzentrale Hamburg e.V. rät, beim Kauf von Lupinensamen auf ökologischen Anbau zu achten. Er gibt aber zu bedenken, dass hochwertige Eiweiße wie Lupine zwar ein gesunder Fleischersatz sein können und allemal besser sind als Fast-Food, aber trotzdem Vorsicht geboten ist wegen dem hohen Allergie-Potential.

8. Deutscher Allergiekongress Bochum, September 2013: Der Anteil an Lupinenmehl mit seinen emulgatorischen Eigenschaften in der Nahrung nimmt rapide zu. In Frankreich stehen Lupinenprodukte bereits an vierter Stelle der anaphylaktischen Reaktionen auf Nahrungsmittel. Die Allergie kann isoliert vorliegen, aber auch Kreuzreaktionen auf Soja und Erdnuss sind möglich.

Warum Lupinenmehl so wertvoll für die Lebensmittelherstellung ist: Lupinenmehl beschleunigt die Teiggärung und sorgt für feinporige Backwaren. Es wird speziell in hellen Backwaren eingesetzt. Getoastetes Lupinenmehl ist ein wasserbindendes Mehl, das Teige geschmeidig und die Backwaren saftig macht. Es kann durch seine Eigenschaften Eier und Milch ersetzen (z.B. auch in Eisprodukten). Lupinenkleie ist eine beliebte Ballaststoffanreicherung in Müslis, Backwaren und Diätprodukten. Lupinenschrot dient wegen des nussigen Geschmacks und hohen Eiweißgehalts als Geschmacksverbesserer in Backwaren. Lupineneiweißkonzentrat wird für Teige von Backwaren eingesetzt („Tempuramehl“). Im Einzelnen findet sich Lupine also in Brot, Brötchen, auch glutenfreie Backwaren, Pizza, Teigwaren (auch Durumnudeln), Marmeladen, Ketchups, Chutney, vegetarischen sowie fleisch- und wursthaltigen Produkten, Fertigsuppen, Kaffee (glutenfreier- bzw. koffeinfreier Getreideersatz-Kaffee auf Lupinenbasis), Wein (Klärmittel), Quark, Joghurt, Tofu, paniertem Fleisch, vegetarische Bratlinge (Lupinenburger), Kartoffelfertigprodukten, fertigen Soßen, Mayonnaise, Diätischen Spezialprodukten, Kaffeeersatz, (milchfreier) Kaffeeweißer, Eierersatz, Schokoladen, Gebäck, Müsli, Lupinendrinks und andere Lupinenprodukte wie z.B. in Salzwasser eingelegte Lupinenkerne als Knabberartikel (Altramuces en agua salda).

Wie bei jedem Verdacht auf eine mögliche allergische Reaktion sollte der Weg zu einem Facharzt führen. Der Allergologe wird nach einer gründlichen Anamnese, die auch Fragen zu bereits bekannten Allergien (vor allem Erdnuss und Soja) beinhalten sollte, mittels einer besonders zubereiteten Lupinenproteinlösung sowohl durch IgE-Bestimmung im Serumblut als auch per Prick-to-Prick testen. Sofern in der Vergangenheit bereits schwere Reaktionen auf Allergene aufgetreten oder bei diesem Test zu vermuten sind, muss der Test stationär gemacht werden, damit eine möglicherweise notwendige notärztliche Hilfe gewährleistet ist.

 

Ein Ehepaar sieht auf dem Markt einen Stand mit seltsamen exotischen Gemüsen. Der Mann starrt auf ein Schild mit der Aufschrift „Import“. Die Marktfrau erklärt: „Die werden eingeführt.“ „Siehst du“, sagt da der Mann zu seiner Frau, „du hättest sie natürlich gegessen!“

  

Der kleine A. reagiert nach den ersten Lebenswochen zunehmend mit Darmbeschwerden, was aber laut Hebamme bei kleinen Kindern normal ist – die berühmten 3-Monats-Kolliken. Der Hautzustand ist zunächst unauffällig, erst nach dem zweiten Geburtstag entwickeln sich Ekzeme. Er klagt fast ständig über Magenkrämpfe und wurde wegen der allgemeinen Schwäche bereits einmal vom Schulbesuch zurückgestellt. Im Alter von 4 Jahren wurden seine Fußekzeme vom Kinderarzt als „Fußpilz“ diagnostiziert, doch keine entsprechende Pilzsalbe brachte trotz pfundweisem Einsatz pilztötender Salben sowie zweitweise Cortison und Schwefelbädern Linderung. Er reagiert mit Quinke-Ödemen (Hände und Gesicht schwellen extrem an) und extremem Juckreiz auf Erdnuss und Haselnuss. Das alles war aber für die Familie kein Grund zu einer Facharztbehandlung, man vertraute dem Kinderarzt, bezahlte viel Geld für die von ihm empfohlenen diversen „Bluttests“ und ernährte sich der Gesundheit wegen vollwertig. Direkt bei dem Vorgespräch zur Beratung wurde von mir die Notwendigkeit einer kompletten Karenz von Erd- und Haselnuss erklärt, was auch schon eine spürbare Besserung brachte. Doch da es weiterhin immer mal wieder zu Juckreizattacken und Gesichtsschwellungen kam, konnte in einem weiteren Schritt die Familie zu einem Facharztbesuch (Fachklinik für Allergologie) überredet werden. Dort bestätigte sich die Diagnose einer Erdnuss- und Haselnussallergie, für mich weniger überraschend auch eine Nickelallergie (der „Fußpilz“ war in diesem Fall ein nickeltypisches Fußekzem). Für alle Beteiligten unbekannt war bis dahin eine Lupinenallergie. Bei näherem Nachfragen durch den Allergologen stellte sich nämlich heraus, dass A. gerne mal eine bestimmte Fertigpizza aß und dann auch allergische Reaktionen zeigte. Da man sich aber den Grund nicht erklären konnte (die deklarierten Zutaten vertrug er einzeln verzehrt problemlos), nahm man das in gewohnter Weise so hin. Der Allergologe hatte den „richtigen Riecher“ und testete versuchsweise auf Lupine, weil wohl kürzlich ein ähnlicher Fall aufgetreten war. Und tatsächlich zeigte A. deutliche Reaktionen. Nun war der Ergeiz der Eltern geweckt und sie fragten beim Pizzahersteller nach, welche Zutaten verwendet werden bzw. was sich unter den Begriffen im Einzelnen verbirgt. Alles außer der verwendeten Teigmischung (deklariert war Mehl, Wasser, Öl, Hefe) konnte ausgeschlossen werden. Der Teiglieferant lieferte dann des Rätsels Lösung: die Mehlmischung war mit einem 10%igen Anteil Lupinenmehl versetzt!



Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 

 


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