});

Lungenerkrankungen und Allergien

 

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

Wussten Sie schon,

 

dass neben dem Beruf auch das Hobby durchaus gesundheitsschädlich sein kann? Auf die vielfältigen Probleme mit Berufsallergien ist schon in der Kolumne „Hauterkrankungen und Atemwegsprobleme als Berufskrankheit“  eingegangen worden. Daneben kommt es vor, dass trotz intensiver Suche das auslösende Allergen nicht in der langen Liste der Berufsallergene gefunden wird, sondern eher Kommissar Zufall den entscheidenden Hinweis gibt:

 

Ein Schotte lebte schon viele Jahre mit der Diagnose „exogen-allergische Alveolitis“, eine prinzipiell sehr seltene Lungenerkrankung, die mit trockenem Husten und zunehmender Atemnot einherging. Trotz intensiver Suche konnte das auslösende Allergen nicht gefunden, auch die Cortisontherapie hatte keine Wirkung gezeigt. Eine deutliche Besserung erfuhr der leidenschaftliche Dudelsackspieler bei seinem Australienurlaub, zu dem er seinen Dudelsack erstmalig nicht mitnahm. Doch schon kurze Zeit nach dem Urlaub ging es ihm dramatisch schlechter und trotz intensivmedizinischer Behandlung verstarb er kurz darauf. Erst danach fanden die Ärzte die Todesursache in dem Musikinstrument des Mannes; in (nicht oder unzureichend gesäubertem) Blasebalg, Pfeifen und Mundstück wucherten zahlreiche Pilze, u.a. Paecilomyces variotti, Fusarium oxysporum, Penicillium species, Rhodoturula mucilaginosa und Trichosporon mucoides.

 

Als Exogene, d.h. von außen wirkende Faktoren gilt die Exposition gegenüber einem Allergen (Irritans). Auslöser einer exogen-allergischen Alveolitis (EAA) kann eine chemische Struktur sein (z.B. bei Medikamenten) oder ein bestimmter  pH-Wert, die Menge einer Substanz (Chemikalien, Stäube, Milben, Pilze, Schimmel etc.), eine bestimmte Körperregion oder Körpertemperatur, mechanische oder physikalische Faktoren oder klimatische Bedingungen. Die Typ 3- bzw. Typ 4-Reaktionen sind bei entsprechender Karenz reversibel, d.h. die Betroffenen werden völlig beschwerdefrei. Eine wiederholte Exposition löst allerdings eine chronische Erkrankung wie die EAA oder auch Hypersensitivitätspneumonitis aus.

 

Eine Blasmusik-Alveolitis kann auch mit weniger exotischen Instrumenten ausgelöst werden, so z.B. durch Flöten, Saxophone (Saxophonlunge) oder Posaunen. So sind grundsätzlich alle dunkel-feuchten Reservoire von Blasinstrumenten potentielle „Schlupfwinkel“ von Bakterien, Pilzen (u.a. Candida) und Mykobakterien. Die Mundstücke müssen also zwingend gründlich gereinigt werden, wenn schon nicht nach jedem Gebrauch, so doch in kurzen regelmäßigen Abständen, will man nicht eine krankmachende Besiedelung riskieren. Diese Selbstverständlichkeit gilt es in die Routine einzubauen.

 

Die EAA ist insgesamt gesehen eine seltene Lungenerkrankung, aber Risikogruppen (Allergiker, Asthmatiker) sind prozentual häufiger betroffen. So sind z.B. 0,25-10 % der Landwirte betroffen und sogar 20 % der Taubenzüchter.

 

Hobby-Schwimmer- und Taucher, aber auch Saunabesucher können an der sogenannten Schwimmbadalveolitis („Schwimmerlunge“) erkranken, die u.a. durch Mycobakterium avium und Aureobasidium pullulans ausgelöst wird. An der Taubenzüchter- bzw. Vogelhalterlunge erkranken häufig Tierärzte, Zoowärter, Besitzer (beruflich, privat), Züchter oder Verkäufer von Vögeln wie Tauben, Wellensittiche und Papageien. Auslöser sind Vogelproteine aus Federn, Serum und Kot. Eine Federbettlunge wird ebenfalls durch diese Proteine, zusätzlich aber auch durch Schimmelpilze ausgelöst, meist vorkommend in naturbelassenen Federbetten (alles bio oder was?). Eine häufige EAA ist bei Landwirten (Farmer- bzw. Holzarbeiterlunge) und landwirtschaftlichen Arbeitern zu beobachten, gefährdet sind aber auch Hobbylandwirte im Nebenerwerb oder Besitzer alter Scheunen, in denen noch altes Heu aufbewahrt und wo die Scheune genutzt wird (Hobbyarbeiten, Abstellfläche) und auch (Hobby-)Gärtner. Auslöser sind im Heustaub vorkommende thermophile Aktinomyzeten (Bakterien), Aspergillus sp. und einige Pilzarten. Eine sogenannte Befeuchterlunge wird durch verschiedene Schimmelpilze (u.a. Aspergillus), thermophile Aktinomyzeten und andere Bakterien (u.a. atypische Mykobakterien) ausgelöst, die in kontaminierten Klimaanlagen, Springbrunnen, Kühlsystemen und Luftbefeuchtern vorkommen. Hier ist der Kontakt ebenfalls nicht nur in Laboren oder Werkshallen möglich, sondern z.B. auch in Druckereien, im Urlaubsdomizil, Schwimmbad/Sauna (s.o.) und klimatisierten Sporthallen. Ein weiterer „Gefahrenpunkt“ sind Whirlpools, die u.U. mit Mycobakterium avium kontaminiert sind und die sogenannte Whirlpool-Lunge (Hot-Tub-Lung) auslösen. Auch wenn es sich hierbei z.T. durchaus „nur“ um eine bakterielle Infektion handelt, sollte die Behandlung in erster Linie an der EAA ausgerichtet sein.

 

Weitere berufliche Expositionen für eine EAA sind z.B. Aspergillus sp., Penicillium sp. und Schimmelpilze, die sich im Müll entwickeln und die Müllarbeiterlunge auslösen oder z.B. die Malzarbeiterlunge, ausgelöst durch Aspergillus clavatus, A. fumigatus und Mucor mucedo, sie kommen vornehmlich bei schimmeliger Gerste und Malz vor. Eine Käsewäscherlunge entwickelt sich durch Kontakt mit Penicillium casei und P. glaucum, ein Schimmelbefall auf Käselaiben. Die Obstbauernlunge wird ausgelöst durch Aspergillus sp. und Penicillium sp. Diese Schimmelarten kommen in Lagerhallen und Kühlhäusern vor, wobei der Schimmelpilz Botrytis cinerea sich auf Weinstock und Reben ausbreitet und die Spätleselunge auslöst. Winzer können durch Trauben mit Edelfäule eine Winzerlunge entwickeln. Die Salamibürsterlunge entsteht bei der Salamiherstellung durch Schimmelbefall auf der Wursthaut. Die sogenannte Suberose bzw. Korkstaublunge wird durch Penicillium frequentans ausgelöst, ein Schimmelbefall auf Kork, wobei der (schimmelige) Korkstaub die Erkrankung verursacht. Dies gilt auch für die Holz- bzw. Papierarbeiterlunge, die durch schimmeliges Sägemehl (Alternaria-Arten) bzw. Papier- und Holzstaub ausgelöst wird. Papierstaub und verschimmelte Baumrinde bzw. der darin enthaltene Schimmelpilz Cryptostroma corticale sind Auslöser der Ahornrindenschälerlunge.

 

Ein brandgefährliches Hobby üben Feuerschlucker aus; die verwendeten Brandmittel enthalten u.a. Petroleum. Werden diese Brandmittel inhaliert, kommt es in den Lungenbläschen zu Zerstörung der Oberflächensubstanz und in Folge zu einer chronischen Entzündung, der sogenannten Lipidpneumonie. Die Inhalation auch nur winziger Partikel macht sich direkt bemerkbar durch Erstickungsgefühl und Husten. Innerhalb weniger Stunden kommen Atemnot, Brustschmerzen und Fieber hinzu. Die durch das Feuerschlucken gewünschten „spektakulären Effekte“ erfreuen dann  nicht nur die Zuschauer, sondern geben auch Pneumologen immer wieder Gelegenheit, das Krankheitsbild anschaulich begutachten zu können.

 

Eine Innenraum-Alveolitis kann z.B. entstehen, wenn feuchtes Holz verarbeitet wird oder Wände feucht sind, d.h. z.B. bei Neu- oder Umbau nicht ausreichend austrocknen konnten. Auch alte Polstermöbel oder Topfblumen mit Staunässe oder Schimmelbefall sind der Gesundheit nicht zuträglich. Die Waschmittellunge entsteht durch Kontakt mit Bacillus subtilis bei der Waschmittelherstellung. Zur Behandlung von Diabetes werden Proteine von Rind und Schwein verarbeitet, dies kann bei der Herstellung die Hypophysenextraktschnupferlunge auslösen. Penicillin bzw. die Verarbeitung in der Pharmaindustrie kann eine Penicillinalveolitis auslösen. Eine Pilzzüchterlunge entsteht durch Pilzsporen, Bakterien und Schimmelpilze im Pilzkompost, betroffen sind neben professionellen Pilzzüchtern in Großanlangen auch Hobby-Pilzzüchter mit Pilzkulturen im heimischen Keller.

 

Weitere nicht nur berufsbedingte bzw. exotisch anmutende Lungenerkrankungen sind: Rattenalveolitis (Kontakt mit Ratten- und Mäuseurin, betroffen sind Tierpfleger und Laboranten), Pankreatinpulver-Alveolitis (Laboranten bei Kontakt mit Organextrakten), Müller,- Bäckerlunge und Kornkäferlunge (schimmeliges Mehl, Korn, Kornkäfer), Fischmehllunge (Fischverarbeiter, Tierfütterer, dies betrifft auch Hobby-Fischzüchter), Schalentier-Alveolitis (entsteht bei Verarbeitung von Hummer, Krabben und anderen Schalentieren), Seidenwurm-Alveolitis (betroffen sind Seidenzüchter- und Verarbeiter bei Kontakt mit Seidenwurm und Seidenspinner), Isocyanat-Alveolitis (Chemiearbeiter und Spritzlackierer mit Kontakt zu Isocyanaten). In unseren Breiten weniger „gefährlich“, weil selten, sind die Perlmuttalveolitis (sie wird durch Glykoproteine bei der Perlmuschelbearbeitung ausgelöst) und die Bagassose (sie betrifft Zuckerrohrarbeiter, Auslöser ist schimmelige Bagasse). Unter Bagasse versteht man die faserigen Überreste der Pressung, bestehend aus Zuckerrohr und Sorghumhirse.

 

Bei der Diagnose bzw. Anamnese durch den Facharzt wird ein besonderes Augenmerk auf Wohnbedingungen und das Arbeitsfeld gelegt, daran schließt sich eventuell auch eine Ortsbesichtigung an, vor allem, wenn der Auslöser nicht sofort und eindeutig nachgewiesen werden kann. Hierbei konnte bei dem Betroffenen eine deutliche Symptomverschlechterung durch einen Wellensittich festgestellt werden. Der Vogel  hielt sich im Nebenzimmer eines Klavierlehrers auf, der von dem Betroffenen einmal pro Woche aufgesucht wurde. Hier zeigte sich wieder einmal, dass nicht nur berufliche Expositionen eine Rolle spielen, sondern auch geringste Allergenmengen für eine Reaktion ausreichen. Die Berufskrankheiten-Kennziffer bleibt übrigens für alle Arten einer Alveolitis gleich: BK-Nummer 4201 „Exogen-allergische Alveolitis“.

 

„Neulich dachte ich, man hätte mir beim Joggen nachgepfiffen – war aber nur meine Lunge“

 

 

 

Wegen Allergien und Asthma führte unser Urlaub immer an die See. Dabei blieb es nicht aus, auch mal ein Ferienhaus zu erwischen, das entweder nicht ausreichend gereinigt und gelüftet ist oder, was auch vorkommt, längere Zeit leer gestanden hat. Das macht sich gerade an der See bemerkbar, denn die feuchte Seeluft schlägt sich auch in den Innenräumen nieder. So gerieten wir einmal an einen Vermieter, der als besonderes Highlight die gut ausgestattete Buchsammlung anpries, aus der wir uns nach Lust und Laune bedienen sollten. Normalerweise für mich ein Hochgenuss, denn Lesen ist meine Lieblingsbeschäftigung. Zur Not lese ich auch ein Telefonbuch, wenn nichts anderes da ist. Aber hier waren mir doch Grenzen gesetzt, denn die Bücher rochen so muffig und fühlten sich auch klamm an, dass beim besten Willen an Lesen nicht zu denken war. Meine Bronchien reagierten prompt mit Hustenanfällen. Also blieb mir nur, die Bücher für die Dauer des Aufenthalts „auszulagern“ (sie mussten in einer Kiste im Fahrradschuppen bleiben), damit ich die Wohnung an sich nutzen konnte. Das gleiche passierte den Malbüchern und Zeitschriften, die wohl schon länger dort lagen und ordentlich Staub angesammelt hatten. Eine Beschwerde verlief aber im Nichts, denn der Vermieter hatte vor Ort einen Hausverwalter angestellt, der jedoch glänzte durch permanente Abwesenheit und so schob einer dem anderen die Schuld bzw. den schwarzen Peter zu. Der eine verließ sich auf die Zuverlässigkeit, der andere auf mangelnde Kontrolle. Angesichts der müffelnden Bücher machte es schon nichts mehr aus, dass mir beim Öffnen der oberen Küchenschränke eine Tür entgegen kam – die hatte der vorherige Wohnungsnehmer wohl nur angelehnt. Und die Hausverwaltung hatte offensichtlich nicht wie abgerechnet „ordentlich“ sauber gemacht, denn dann wäre die kaputte und notdürftig angelehnte Schranktür aufgefallen. Ja, Reisen bildet – in jeder Hinsicht. 

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 


Das könnte Dich auch interessieren:

  1. Lungenerkrankungen und Atemwegserkrankungen behandeln   Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke....
  2. Schimmelpilzallergie – Ursachen Die Schimmepilzallergie-Ursachen liegen in einer Überempfindlichkeit des Immunsystems begründet. Aufgrund...
  3. Einfluss Hygiene bei Neurodermitis, Schuppenflechte, Nesselsucht und Allergien Nach der Hygienethese steigert ein Übermaß an Hygiene das Risiko...
  4. Urlaub mit Allergien oder Neurodermitis – Vorsicht Schimmelpilze (8/9) 8. Tipp: Vorsicht Schimmelpilze Feuchte Räume wie das Badezimmer...
  5. Hauterkrankungen und Atemwegsbeschwerden als Berufskrankheit Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke. Wussten...

Kommentare sind geschlossen.