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Wie Krankenkassen Allergiker im Stich lassen

  

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

 

dass bizzare Nebenwirkungen der Gesundheitsreform auch den Bereich Allergien betreffen? Für uns Laien unbeobachtet werden die Versicherungsbeiträge von rund 70 Millionen Kassenpatienten möglichst gerecht auf die etwa 200 deutschen Krankenkassen verteilt (Stichwort: Finanzausgleich). Wenn Sie Ihren Beitrag hochrechnen, wissen Sie, mit welchen Summen da gespielt wird (locker 140 Milliarden!). Um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten, sollen Kassen genau ermitteln, von welchem Gebrechen jedes ihrer Mitglieder geplagt wird. Dazu gibt es eine Liste, die das Bundesversicherungsamt erstellt hat. Für jedes Leiden, das sich auf dieser Liste findet, kann die Kasse nun einen Zuschuss aus dem Gesundheitsfond verlangen. Soweit die Theorie.

 

In der Praxis zeigt sich, dass in der Liste Krankheiten wie „Störung des Säure-Basen-Haushalts“ oder „Lippen-Kiefer-Gaumenspalte“ finden, aber nicht Asthma, Rheuma, Bluthochdruck oder ähnliche Volkskrankheiten. Zwar gibt es bei chronischen Erkrankungen wie Asthma, Diabetes oder Herzerkrankungen spezielle Behandlungsprogramme, die werden nun aber nicht mehr ausreichend bezuschusst. Natürlich ist eine Erkrankung wie die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte unbedingt so gut wie möglich zu behandeln, keine Frage. Wenn man aber bedenkt, wie viele Menschen davon im Vergleich zu Asthma betroffen sind, so packt man sich doch an den Kopf. Warum das so ist? Nun, die Krankenkassen verdienen nur, wenn sie ihre Mitglieder möglichst krank machen, die Genesung liegt nicht im finanziellen Interesse. Deshalb werden auch obskure Diagnosen in den Katalog aufgenommen, damit möglichst viele Menschen sich angesprochen fühlen. Wo kämen wir hin, wenn der Arzt Asthma adäquat behandeln könnte, unabhängig von finanziellen und zeitlichen Zwängen. Also werden chronische Erkrankungen einfach nicht in den Katalog aufgenommen, können nicht mit einem Zuschuss bedacht werden, und der Arzt wird sich hüten, diese Diagnose bei zu vielen seiner Patienten zu stellen – von einer unterfinanzierten Behandlung ganz zu schweigen. So wundert es nicht mehr, dass z.B. Allergietests beim Facharzt nur noch ganz begrenzt durchgeführt werden können, im Prinzip nur höchstens 10 Einzeltests pro Patient und einmaligem Behandlungszyklus. Bei einem Mehrfachallergiker muss da so manche Testung unterbrochen und aufs nächste Jahr verschoben werden. Alternativ wird von Arzt zu Arzt „gependelt“. Dabei sind besonders Lebensmittelallergiker besonders betroffen, hier spricht man von einer klaffenden Versorgungslücke.

 

 

Die Krankenkassen bunkern laut Spiegel-Ausgabe 31/2012 Überschüsse in Milliardenhöhe. Statt das Geld an ihre Versicherten auszuzahlen, geben sie es für fragwürdige Therapien aus: Einige Kassen übernehmen die Kosten für osteopathische Methoden wie Verschiebung der Schädelknochen zur Heilung von Kopf-und Rückenschmerzen. Schulmedizinisch ist erwiesen, dass die Nähte der Schädeldecke in den ersten Lebensjahren verknöchern – und damit unbeweglich sind. Rund 70 % aller Krankenkassen erstatten die Kosten einer homöopathischen Behandlung (u.a. BKK HMR, TK, BKK Gildemeister Seidensticker, Salus BKK)oder für Medikamente aus der Antroposophie (u.a. BKK HMR). Einige übernehmen die Kosten für eine Feldenkrais-Behandlung, damit sich der Patient als „zusammenhängender, fließender Organismus“ wahrnehmen kann. Warum? So ziehen die Kassen junge, zahlungskräftige Klienten an, die sich von solchen esoterischen Angeboten angesprochen  fühlen. Wer Prämien ausschüttet, zieht eher Rentner usw. an, denn die sind auf das Geld angewiesen. Ganz abgesehen davon, dass dieser Personenkreis mindestens einmal pro Quartal ärztliche Hilfe benötigt.

 

Viele Ärzte scheuen die Mehrkosten einer Allergiediagnostik und behandeln ihre Patienten „frei Schnauze“ mit Antihistaminika (die man meist noch aus eigener Tasche bezahlen muss) oder (mehr oder weniger wirksamem) Cortison. Dabei könnte ein Allergietest und damit verbunden eine sorgfältige Beratung und u.U. eine Hyposensibilisierung viele Folgeerkrankungen wie z.B. Asthma verhindern. Auch werden immer noch zu wenig Notfallsets verschrieben, bei einer IgE-vermittelten Allergie mit anaphylaktischen Symptomen zwingend erforderlich. Lediglich 58 % der Teilnehmer einer Studie des DAAB e.V. (und nur 40 % der Patienten, die mit Atemnot und Ohnmacht reagierten) gaben an, nach einem Allergieschock ein Notfallset erhalten zu haben. Nur etwa 50 % der Patienten, die vom Notarzt oder in einer Klinik versorgt werden, werden danach zu einem Facharzt weitergeleitet.

 

Patienten-Schulungen sind vom Kosten-Nutzen-Faktor her bereits nach einem Jahr effektiv. Nach einer Studie von 1997 (Quelle: Gesundheitsbericht des Bundes, Spezialbericht 2000) wurden die Gesamtkosten bei Asthma bronchiale da bereits mit 22 Milliarden angesetzt, 3 Milliarden auf Rhinitis, 750 Millionen auf Neurodermitis, 5 Milliarden auf das Kontaktekzem und 936 Millionen auf die Urtikaria. Nach Erhebungen zum Welt-Allergietag 2005 beliefen sich die Kosten bei Heuschnupfen auf 16,5 Milliarden €.

 

Sowohl in der Diagnostik als auch in der Behandlung entstehen wirtschaftliche Kosten (Therapie, Umschulungs- und Rehabilitationskosten, Krankentage usw.). Eine Voll-Umschulung beläuft sich auf ca. 100.000,- €. Ein Tag Arbeitsausfall kann einen durchschnittlichen Betrieb leicht 500,- € pro Tag kosten, der Verlust an Lebensqualität allerdings durch falsche, schlechte oder gar nicht ausgeführte Behandlung lässt sich nicht so einfach anhand einer Geldsumme berechnen. Trotzdem wurden seit den Jahren 2008/2009 die Vergütungen der Ärzte für den Labornachweis von spezifischen Antikörpern nahezu halbiert. So ist eine adäquate und zeitgemäße Diagnostik kaum noch möglich. Dagegen werden oft von den Krankenkassen trotz besseren Wissens (sozusagen „profunde medizinische Ignoranz“) so nutzlose wie unsinnige IgG-Labortests bezahlt, die mittlerweile ca. 25 % des Umsatzes der durchführenden Labore ausmachen. Diese Verschwendung von finanziellen Ressourcen der Kassen trotz nachgewiesener Untauglichkeit bleibt weiterhin ein Skandal.
 

Nun hat der Lebensmittel-Allergiker die theoretische Möglichkeit, sich von kasseneigenen Ernährungsberatern bei der Karenz seines Allergens helfen zu lassen. Die §§ 15 Präventionsgesetz (PrävG), 20 V sowie 40 SGB (Sozialgesetzbuch) regeln diese ergänzenden Leistungen zur Rehabilitation bzw. Verhaltensprävention. Im Rahmen dieser Gesetze sollen solche Leistungen gewährt werden, die „den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern …“, wobei der § 15 ausdrücklich von „Maßnahmen, die das Auftreten von Krankheitsrisiken oder Krankheiten sowie den negativen Auswirkungen der Krankheit selbst verhindern oder vermindern“ spricht. Grundsätzlich darf eine solche Maßnahme nur von ausgebildeten Fachkräften durchgeführt und damit bezuschusst werden. Den Personenkreis dieser Fachkräfte fasst der Gesetzgeber sehr eng. Momentan gehören dazu diplomierte Diätassistenten, Ökotrophologen oder „Personen mit einer dementsprechenden vergleichbaren Ausbildung“. Diese Kann-Vorschrift gibt der Krankenkasse einen Spielraum für Einzelfallentscheidungen, den sie aber ungern nutzt. Das  eigentliche Ausbildungsziel der diplomierten Fachkräfte ist das sogenannte „ernährungsbedingte Fehlverhalten“, sprich Übergewicht abbauen. Das ist jetzt nicht so das Problem der Nahrungsmittelallergiker (vielleicht manchmal zusätzlich), aber die wirklichen Probleme mit der Karenzumsetzung werden von diesen Theoretikern oft nur mittels Ablichtungen aus einem Handbuch zur Diätetik bei Allergien nur ansatzweise gelöst. Wenn Sie selbst schon einmal eine solche Leistung Ihrer Kasse in Anspruch genommen haben, wissen Sie um die Grenzen solcher von praktischen Erfahrungen unbeleckten „Fachkräfte“ (es mag Ausnahmen geben). Andere Bereiche, z.B. Asthma, Inhalationsallergien, Neurodermitis o.ä., bleiben dabei unberücksichtigt, aber auch da besteht Beratungsbedarf.

 

Einmal im Quartal gehe ich zu einem Arzt, der schreibt mir ein Rezept aus – er will schließlich auch leben.

Dann hole ich die Medikamente beim Apotheker – der will schließlich auch leben.

Zuhause werfe ich alles in den Müll – ich will schließlich auch leben.

 

 

Neulich sollte ich persönlich bei einer Krankenkasse (in diesem Fall die BKK Bertelsmann) die Gründe erläutern, warum sich ein Mitglied unbedingt von mir wegen der Nickelallergie beraten ließ. Ich habe also der Sachbearbeiterin des kasseneigenen Call-Centers erklärt, dass ich Autorin eines Ratgebers Nickelallergie bin (wissenschaftliches Sachbuch) und deshalb z.B. die hiesigen Krankenkassen der BKK-Gruppe die Kosten übernehmen, da die hauseigenen Berater dafür nicht geeignet/geschult sind. Die junge Dame meinte, „das könne ja sein, was ich da behaupte, aber…“ und verwies auf den Gesetzestext, nach dem nur diplomierte Berater anerkannt sind. Das stimmt auch grundsätzlich, gilt aber für Ernährungsberatung im Sinne „ernährungsbedingtes Fehlverhalten“ (siehe oben). Die Randgruppe der Allergiker, besonders Nickelallergiker, ist damit nicht erfasst, denn prinzipiell ist das eventuelle Übergewicht nicht das eigentliche Problem. Nach meinem Hinweis, dass ich quasi die Einzige bin, die derart qualifiziert beraten könnte, besprach sie sich kurz mit einem Kollegen (ein weiterer Callcenter-Mitarbeiter).

Man stellte eine eventuelle Erstattung in Aussicht, dazu möchte ich doch bitte Unterlagen darüber einreichen, wer mich bezüglich der Nickelallergie ausgebildet hätte! Kurz vor dem Explodieren habe ich versucht, ruhig und beherrscht klar zu machen, dass es a) keine Ausbildung darüber gibt und b) ich über Deutschland hinaus für mein Fachwissen in dem Bereich bekannt bin. Wer (und wo/wie) also sollte mich ausgebildet haben? Ja, dann könne man nichts machen… Auf meine Bitte, sich doch im Interesse des Mitglieds (mit extremen allergischen Reaktionen) mit einer der hiesigen Kassen zu besprechen lehnte sie direkt ab, man treffe eigene Entscheidungen. Ich habe dann gefragt, ob vielleicht ein Freiexemplar oder der Klappentext des Verlages beweisen könnten, dass ich tatsächlich sach- und fachkundig bin. Das machte die Dame kurz sprachlos, da ihr wohl klar wurde, dass ich tatsächlich die Autorin bin, dann stammelte sie aber, dass sie schließlich nur dem Gesetz Folge leisten. Schönes Gesetz.
 

In einem ähnlichen Fall musste ich mich mal mit einer anderen Callcenter-Figur rumschlagen, der etwas ältere Patient fühlte sich damit überfordert und bat um meine Mithilfe. Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen, aber nach längerem Gespräch musste ich mir dann anhören, dass meine „germanistischen Spitzfindigkeiten“ auch nicht weiterhelfen und das hat dann mich sprachlos gemacht. Schön zu wissen, dass in Callcentern auch sprachlich versierte Leute arbeiten, einem „Dummerchen“ wäre dieser Begriff sich nicht eingefallen.  

Wenig hilfreich war auch die Empfehlung einer Ernährungsfachkraft (!) einer Techniker-Krankenkasse, die einer Patientin mit IgE-vermittelter Hühnereiweißallergie dazu riet, doch immer 3-4 Eier auf einmal zu essen, denn: der Körper reagiert zwar auf kleine und kleinste Allergenmengen, aber wenn man pro Mahlzeit größere Mengen davon (Ei) isst, dann passiert nichts, weil der Körper das Eiweiß dann besser verdaut! Ist doch schön, wenn so kundig beraten wird. Und der Witz: Das zahlt die Kasse!

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 

 


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