Kangalfische / Knabberfische

Kangalfische (Knabberfische, Doktorfisch) knabbern an an der oberen Hautschicht von Menschen. Dieser Effekt wird für kosmetische Behandlungen ausgenutzt, insbesondere aber bei den Hautkrankheiten Neurodermitis und Schuppenflechte.

Der Kangalfisch ist ein roter Saugbarbe (Garra rufa), ein bis zu 14 cm großer Fisch aus der Gattung der Karpfen, der in Gewässern mit warmen Temperaturen bis zu 36°C lebt und eine rötliche Schwanzflosse hat. Zwar kommt die rote Saugbarbe unter anderem auch im Jordan, in Nordsyrien und dem Euphrat-Tigris-Areal vor, bekannt wurde aber vor allem eine Population aus der türkischen Kangalregion – daher rührt der Name der Kangalfische. In warmen Bächen oder eiweißreiches Plankton waren die Fische über lange Zeit gezwungen, sich andere Eiweiß- und Nährstoffquellen zu suchen.

Kangalfische gegen Hautkrankheiten

Kangalfische schwimmen ohne Scheu auf die ins Wasser gehaltenen Gliedmaßen der Menschen zu und knabbern die die angeweichten Hautschichten an. Die Hautpartikel lösen sich dabei ab und werden von den Knabberfischen aufgefressen. Besonders gut löst sich Haut mit Verhornungsstörungen (siehe Verhornung), wie das bei der Schuppenflechte (Psoriasis) der Fall ist. Die Plaques auf der Haut werden dadurch auf sanfte Weise mechanisch abgetragen. Wird die Knabberfischtherapie an der freien Luft durchgeführt, ist sie in Verbindung mit den Sonnenstrahlen noch effektiver. Hierbei handelt es sich also um eine Kombination aus Balneophototherapie und Kangalfischen.

Das Knabbern wird von den Patienten als ungewohnt und leicht kribbelnd beschrieben, ähnlich einer Brausetablette, keineswegs aber als unangenehm oder schmerzhaft.

In der Vergangenheit wurde proklamiert, dass die Fische Dithranol (ein Wirkstoff gegen Schuppenflechte) in ihrem Speichel hätten, der beim Knabbern in die Haut eindringen könne und daher zusätzlich wirksam wäre. Eine Studie aus dem Jahr 2003 in türkischem Thermalwasser bestätigte diese These auch, wird allerdings inzwischen infrage gestellt. Da Dithranol ausschließlich synthetisch hergestellt wird, in der Natur also so nicht vorkommt, scheint die Dithranol-Vermutung nicht haltbar zu sein. Zudem eignen sich die Kiefer der Kangalfische nicht dazu, das Dithranol über ihr Speichelsekret in die Haut zu injizieren.

Und dennoch: die Therapie weist teilweise sehr gute Erfolge auf. Auch Neurodermitis-Haut, Ekzeme im Allgemeinen und teilweise auch Patienten mit Akne scheinen in einigen Fällen von der Therapie profitieren zu können. Studien sind uns hierzu keine bekannt, Erfahrungsberichte schon: vor allem bei einer regelmäßigen Behandlung berichten Patienten davon, dass Juckreiz und Ekzeme deutlich gelindert wurden.

Bei der meist trockenen Neurodermitis-Haut ist ein Eincremen nach dem Bad mit rückfettenden Cremes wichtig.

Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, findet auf youtube Videos zur Therapie:

Kangalfische als Wellness-Anwendung

Immer häufiger wird die Knabberfischtherapie auch als Pediküre im Rahmen einer Wellness-Anwendung angeboten. Beauty-Interessierte reinigen ihre Füße und halten sie dann für eine halbe Stunde in 30°C warmes Wasser. Die losen Hornzellen werden abgelöst, das natürliche Abschilfen der Haut begünstigt und die Hornzellenproduktion neu angeregt. Nach der Behandlung soll sich die Haut samtig-weich anfühlen, wie nach einem Peeling, allerdings mit einem wesentlich sanfteren Verfahren.

Sind die Kangalfische gefährlich für den Menschen?

Tatsächlich kann sich die Haut infizieren, Krankheitserreger können sich von einem Patienten auf den nächsten übertragen und auch die Fische selbst birgen das Risiko, Erreger in den menschlichen Organismus einzuspeisen. 

Seriöse Anbieter unterziehen die Fische einer Quarantäne, bevor sie erneut an einem anderen Patienten knabbern. Brutale Anbieter töten die Fische nach einmaliger „Nutzung“.

Wo kann man sich mit Kangalfischen behandeln lassen?

Kangalfische gibt es in verschiedenen Bädern und Thermen. Man kann sie zwar in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf selbst kaufen oder mieten. Der Import von Kangalfischen aus der Türkei ist inzwischen aber nicht mehr erlaubt, da die Tierart dort aufgrund der Beliebtheit für medizinische und kosmetische Anwendungsfelder bedroht ist. Auch nach dem Deutschen Tierschutzgesetz ist ein Handel mit den Fischen verboten. Die Knabberfische gelten hierzulande als „Arzneimittel“. Sobald sie zu medizinischen Zwecken gegen Hautkrankheiten eingesetzt werden, muss der Behandelnde entweder Arzt sein oder eine Heilpraktikererlaubnis nachweisen können.

Was wir von der Therapie mit Kangalfischen halten

Aufgrund der geringen Nebenwirkungen (solange man sich bei einem seriösen Anbieter in Behandlung gibt) und der zahlreichen positiven Erfahrungsberichte von Betroffenenen können wir die Knabberfischtherapie als ergänzende, unterstützende Behandlung gegen Schuppenflechte und Neurodermitis empfehlen. Geheilt werden die Krankheiten – wie auch bei allen anderen Therapieverfahren – durch die Kangalfische allerdings nicht.

Quellen:
Anwendung von Kangal-Fischen und Überwachung durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) in M-V, Arbeitsgruppe Hygiene vom Verband der Ärzte im ÖGD Mecklenburg-Vorpommern, 2006.
Ozcelik S, Polat HH, Akyol M, Yalcin AN, Ozcelik D, Marufihah M.: Kangal hot spring with fish and psoriasis treatment. J Dermatol. 2000; 27(6): 386-390.

 

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