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Homöopathie – Eine Kritik

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

 

Wussten Sie schon, …


dass Deutsche Homöopathen laut einer Spiegel-Veröffentlichung vom November 2014 (und anderen Pressemitteilungen) in der Seuche Ebola eine Chance sehen, ihre unbewiesenen Theorien unter Beweis zu stellen? Der Weltverband Liga Medicorum Homoeopathica Internationalis schickte nach eigenen Angaben eine Delegation homöopathisch arbeitender Ärzte nach Liberia, um Ebola-Patienten mit Globuli zu behandeln. Die Delegationsleiterin sieht darin eine echte Chance für die Infizierten, denn „wir sind gesegnet mit 110 Mitteln in drei- bis vierfacher Potenz“. Na, wenn das nicht hilft. Regierungsmitarbeiter in Liberia teilten die Begeisterung der Homöopathen allerdings nicht und untersagten die Behandlung. Die Unterstützer der Mission wollen trotzdem  unbeeindruckt von der Absage ein weiteres Team mit Kügelchen nach Westafrika schicken. Wenn das Thema Ebola nicht so ernst wäre, könnte man diese Meldung als einen verfrühten Aprilscherz ansehen. Unbestritten können Globuli eine Placebowirkung auslösen (von vereinzelten tatsächlich (selbst)heilenden Wirkungen abgesehen), ob das aber reicht, eine wirklich grausame Seuche zu behandeln, gar zu besiegen?

 

Für die besondere „Leistung“, eine Seuche mit Zuckerkügelchen heilen zu wollen, wurde den „Homöopathen ohne Grenzen“ im Dezember 2014 das Goldene Brett verliehen, eine Auszeichnung der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP).

 

Über den unbedingten Heilsanspruch diverser Gruppierungen habe ich ja schon öfter berichtet. Besonders die Homöopathie scheint ihren eigenen Werbesprüchen mittlerweile so verfallen zu sein, dass wirklich keine Selbstzweifel mehr möglich sind. So warnte die GWUP 2013 vor einer Blamage: In Traunstein ist die Gründung einer „Hochschule für Homöopathie“ geplant. „Dieser Etikettenschwindel verleiht einer Pseudowissenschaft höhere Weihen“, erklärt GWUP-Vorsitzender Amardeo Sarma. An der Homöo-Akademie sollen Studenten auf „Hochschulniveau“ zu Homöopathen ausgebildet werden. Träger ist der Lobbyverband „European Union of Homoeopathy“, der über ein sogenanntes Transferinstitut der privaten Steinbeis-Hochschule Berlin agiert. Die Absolventen sollen den akademischen Grad des „Bachelor of Science“ (B.Sc.) erhalten. Dem stehen einige Gründe entgegen: vor allem bedarf es dazu der Anerkennung als Hochschule nach dem europaweit einheitlichen Bologna-Prozess. Doch weder die Studienbeschreibung noch die Qualifikation der Dozenten oder die Ausstattung der Homöo-Akademie erreichen auch nur annähernd Hochschulniveau, wie umfangreiche Recherchen zu dem Steinbeis-Projekt ergeben haben. Als Akademie-Leiterin und Dozentin fungiert eine Heilpraktikerin (Anja Wilhelm). Nach Auffassung der GWUP fehlt es der „Hochschule für Homöopathie“ deshalb an sämtlichen diesbezüglichen Voraussetzungen, sie kann die festgeschriebenen Ziele einer akademischen Ausbildung nicht erbringen. Hauptleidtragende werden die Studenten sein, die jährlich 7.200 € für eine Art „Jodeldiplom“ zahlen müssten. Darüber hinaus erfülle die Homöopathie selbst in keiner Weise den Anspruch, der üblicherweise an eine Wissenschaft gestellt werde – ebenso wenig wie Handlesen oder Astrologie. Die GWUP ersucht die politisch, juristisch und fachlich Verantwortlichen, eine Unterwanderung von Wissenschaft und Forschung mit esoterischem Gedankengut zu verhindern, denn: „Welchen Sinn hat unser Hochschulgesetz, wenn es nicht dazu dient, genau solches Eindringen unwissenschaftlicher Thesen und ungleichwertiger Ausbildungen in die deutsche Hochschullandschaft zu verhindern. Wenn diese Ausbildung tatsächlich zu einem anerkannten akademischen Grad als Bachelor oder gar Master führt, wäre das nicht nur eine Herabwürdigung der Absolventen, die in anderen Fachbereichen mit realen Studienleistungen einen entsprechenden Grad erworben haben. Der Forschungs- und Wissenschaftsstandort Deutschland würde sich im Bereich Medizin obendrein der Lächerlichkeit preisgeben – Wissenschaft D200“.

 

Tatsächlich wurde die „Hochschule für Homöopathie“ zwar im März 2014 eröffnet, aber nach heftigem Protest nicht nur der GWP hat die Steinbeis-Hochschule den Betrieb bereits Ende März 2014 wieder eingestellt. Die private Hochschule ist angesiedelt im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe in Traunstein. Akademische Leiterin ist Dr. Wiebke Lohmann, die laut eigenem Bekunden „schon immer mit Homöopathie behandelt“ wurde. Nach 36 Monate „Studium“ sollten die „Kunden“ tatsächlich einen sogenannten Bachelorabschluss im Studiengang „Complementary Medicine and Management“ (und nach 2 weiteren kostenintensiven Jahren auch den Master) erhalten, der sie nach einer amtsärztlichen Prüfung berechtigt, die Heilkunde ohne Bestallung (d.h. ohne Dr.-Titel) auszuüben – nichts anderes ist die private Heilpraktikerausbildung (siehe auch Kolumne Nr. 24).

 

2013 lag der Umsatz an Homöopathika bei 482 Millionen €, das sind 8,1 % aller rezeptfreien Medikamente. Davon wurden ca. 20 % von Ärzten oder Heilpraktikern verordnet, 80 % gelangten über Apotheken im Direktverkauf an die Kundschaft. Ohne einen  regulierenden staatlichen Dachverband oder staatliche Prüfungen  kann die Anzahl an praktizierenden Homöopathen nur geschätzt werden, man geht von etwa 18.000 praktizierenden Heilpraktikern aus, wobei 13.000 davon Frauen sind. Zur Erinnerung: Die Prüfung durch den Amtsarzt dient vornehmlich dem allgemeinen Hygienewissen und ist kein Nachweis von Heilkunst. Eine nichtrepräsentative Umfrage hat für die Jahre 2007-2013 ergeben, dass 2007 noch 12,4 Millionen Personen ein besonderes Interesse an Homöopathie hatten, 2013 „nur“ noch 11,2 Millionen.

 

Doch wie wirksam sind „natürliche“ Wirkstoffe wirklich? Eine wissenschaftlich nachweisbare bzw. medizinische Wirksamkeit homöopathischer Mittel ab einer Potenz von D6 konnte in zahlreichen Studien ausgeschlossen werden, doch subjektiv betrachtet fühlen sich Anwender offensichtlich wohl mit dieser Art Wunschdenkenmedizin (Placeboeffekt inklusive). Wie sieht es aber im Einzelnen mit Wirkung und Nebenwirkung aus? Auch homöopathische Mittel können u.U. Vergiftungen oder allergische Reaktionen auslösen, z.B. bei zu hoher Dosierung (viel hilft nicht immer viel) oder unzureichend verdünnten Potenzen (bis D4). Allerdings sind bei höheren Verdünnungen Wirkstoffe (und damit wissenschaftlich begründete Wirksamkeit) nicht mehr nachweisbar – ein Dilemma.

 

Vorsicht ist z.B. geboten bei Apis mellifica, deren Wirkstoff aus der ganzen Biene gewonnen wird. Apis mellifica kann z.B. bei Schwangeren eine Störung der Nierenfunktion verursachen, sie sollten das Mittel nur ab einer Potenz von C30 einnehmen.

 

Von den vielgepriesenen Echinacea-Produkten zur Stärkung des Immunsystems oder Baldrian-Tropfen für einen besseren Schlaf ist laut Studien eine positive Wirkung möglich, wenn das Mittel ausreichend lange ununterbrochen eingenommen wird, damit sich so eine gewisse wirksame Menge im Körper anreichern kann. Eine einmalige oder nur gelegentliche Einnahme ist wirkungslos. Eine zu offensive Einnahme von z.B. Echinacea oder Umckaloabo kann aber gerade bei Kindern genau das Gegenteil bewirken, hier führt die ständige Immunstimmulierung sogar zum Ausbruch von Allergien. Sie sehen, man kann auch mit pflanzlichen Mitteln Schaden anrichten.

 

Den Wirkstoff Umckaloabo gibt es aktuell auch als Tablette, er soll „zur symptomatischen Behandlung der akuten Bronchitis“ eingesetzt werden, allerdings nicht bei Kindern unter 12 Jahren! Der klinische Nutzen ist laut Ökotest fraglich und nur bei Erwachsenen ab einer gewissen Einnahmemenge „wahrscheinlich“.

 

Ein weiteres Beispiel ist Ginseng. Er wird zur Steigerung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten beworben, ist aber hormonell aktiv und kann zu unerwarteten Reaktionen führen. So sind laut einer Veröffentlichung der Ärztezeitschrift „Allergologie“ z.B. vaginale Blutung in der Menopause möglich durch Ginseng-Bestandteile in Haarwasser oder chinesischen Gesichtscremes. Aber auch Gingko („Silberpflaume“) ist mit Vorsicht zu genießen. Die Gingkolsäure löst schwere allergische Reaktionen aus. Der Konsum ist grundsätzlich auf 1,5 µg/Tag zu begrenzen. Gingko wird in Medikamenten und Teemischungen gern und häufig eingesetzt, da man der Gingkopflanze (nicht bewiese) positive Eigenschaften zur Gedächtnisstütze zuschreibt. Das Zentrallabor Deutscher Apotheker hat Tests bei Tees aus Reformhaus, Apotheke und Drogerie durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Höchstgrenze um das 40-80fache überschritten wurde. Österreich warnt schon länger vor dem Einsatz von Gingko, hier wurden auch drastische Überschreitungen in Lebensmitteln gefunden.

 

In der Schweiz erlitt letztens ein Patient eine gefährliche Lebervergiftung: er hatte sich ayurvedische Pillen (in diesem Fall wegen seiner Potenzprobleme) im Internet bestellt, leider entpuppten die sich im Labor als ein giftiger Cocktail aus Blei, Arsen und Quecksilber. Laut der untersuchenden Biologin Jasmin Barman Aksözen enthält jedes 5. ayurvedische Mittel diese Bestandteile – sie gelten im Ursprungsland als besonders „wirksam“ und werden deshalb bewusst zugesetzt.

 

 

An der Himmelspforte: Ein älteres Ehepaar steht vor Petrus. Petrus nimmt die beiden freundlich in Empfang und zeigt ihnen eine schöne weiße Villa am See. In Ufernähe schaukelt ein Segelboot, auf der Wiese grasen zwei Reitpferde. „Willkommen“, sagt Petrus. „Ihr habt ein vorbildliches Leben geführt und euren Mitmenschen nur Freude bereitet. Nie gab es einen Grund zur Beanstandung. Deshalb soll all das von jetzt an euch gehören“. Da wendet sich der Mann empört an die Frau: „Siehst du, das hätten wir alles schon 10 Jahre früher haben können, wenn du diese blöden Knoblauchpillen weggelassen hättest!“

 

 

Aber auch in der eigenen Familie ist man vor Fehleinschätzungen nicht gefeit, diese bittere Erfahrung musste eine junge Familie mit der homöopathisch arbeitenden Schwägerin machen. Der durch Allergien in der Familie vorbelastete Junge litt häufig unter Bronchitis, immer wieder konnten dazu allergische Reaktionen mit Kreislaufabfall und Erbrechen sowie nachfolgender massiver Müdigkeit beobachtet werden, also typische anaphylaktische Reaktionen, die u.U. lebensbedrohlich sind. Er hatte zudem sehr häufig geschwollene Augen und unerklärliche Schluckstörungen. Die Schwägerin arbeitet als Heilpraktikerin und hat stets von Allergietests abgeraten, das Kind müsse stattdessen „natürlich“ und „ganzheitlich“ behandelt werden. Trotz Behandlung auf homöopathischer Pflanzenbasis durch diverse, in wechselnder Zusammensetzung gegebener Mittelchen trat aber keine spürbare Besserung ein – ein ausgeprägtes Selbstvertrauen dieser Dame ließ keine Zweifel an der homöopathischen Kunst zu, man müsse es nur lange genug probieren. Als es dem Kind zunehmend schlechter ging und die allergischen Zwischenfälle sich häuften, wurden (endlich) ein Allergologe sowie ein Pneumologe hinzugezogen. Zusätzlich bitter für die besorgten (bislang zu gutgläubigen oder familiär eingebundenen) Eltern war dann die Gardinenpredigt der Ärzte, weil eine frühzeitige Behandlung einige der gesundheitlichen Probleme hätte verhindern können.

 

Kann ein Heilpraktiker eine bestimmte Erkrankung nicht heilen, muss er den Patienten darüber informieren. Auch darf er den Patienten nicht im Glauben lassen, seine Behandlung ersetze einen Arzt. Tut er dies doch und der Patient kommt zu Schaden, wird ein  Schmerzensgeld fällig (VGH Mannheim, Az:9S1782/08), in diesem Fall kam noch der Entzug der Lizenz dazu.

 

Meine persönliche Meinung: Ich selbst habe durchaus (therapiebegleitend) mit dem ein oder anderen homöopathischen Mittel gute Erfahrungen gemacht, so z.B. mit Arnica, Belladonna, Apis. Doch sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, Einzelerfolge zum Richtpunkt medizinischer Behandlung zu machen, vor allem nicht bei ernsthaften organischen Erkrankungen wie Allergien, Asthma u.a., wo die Homöopathie auf ihre natürlichen Grenzen stößt (ich weiß, der Homöopath sieht in nichts eine Grenze). Aber: Alles, was nach zwei bis drei Tagen immer noch Beschwerden verursacht, gehört in die Hände eines Facharztes. Grundregel: Heilversprechen sind dem Grunde nach unseriös und wie jeder Mensch/Arzt kann auch ein Homöopath/Heilpraktiker irren.

 

 

 

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 

 


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