});

Hat Zucker etwas mit Neurodermitis und Allergien zu tun?

  

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

 

dass die Deutschen mittlerweile ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Essen haben? Einfach nur genießen ist nicht mehr möglich, seitdem die selbsternannten Gesundheitswächter penibel darauf achten, was wir essen. Genauer gesagt, was sie (und wir) glauben, noch essen zu dürfen, ohne der ewigen Verdammnis anheimfallen zu müssen. Mal ehrlich: essen Sie noch etwas Kohlenhydrathaltiges, ohne im Hinterkopf zu denken, „eigentlich darf ich das nicht“ oder ohne schnell auf die Uhr zu schauen, ob denn jetzt auch die richtige Zeit dafür ist? Können Sie ein Stück Kuchen noch würdigen, obwohl Sie wissen, dass darin Zucker (einfaches Kohlenhydrat) verarbeitet wurde? Falls die Antwort ja ist, herzlichen Glückwunsch, Sie denken noch selbständig. Im anderen Fall sind Sie wohl auch Opfer einer sorgfältigen und schleichenden Gehirnwäsche. Natürlich wollen wir alle möglichst lange möglichst gesund bleiben. Aber was ist wirklich gesund?

Nehmen wir als Beispiel Zucker: alles soll natürlich süß sein, nur ja kein weißer Zucker! Dabei war das mal der Inbegriff von Luxus. Je weißer/reiner der Zucker (oder alternativ Weißmehl), desto höher das Einkommen, denn die armen Bevölkerungsschichten konnten sich diesen Luxus nicht leisten, also war Zucker ein Prestigeobjekt. Mit der Gesundheitswelle wurde handelsüblicher Zucker mit natürlicher Süße ersetzt, z.B. mit Dicksäften, Ahornsirup, roher Rohrzucker usw. Doch ist das wirklich gesünder? Sirup und Dicksaft enthalten im Gegensatz zu Haushaltszucker zwar auch Vitamine und Mineralstoffe, aber nur in verschwindend geringer Menge. Das rechtfertigt nicht die vehemente Werbung als gesunde Alternative. Besonders beliebt sind Ahornsirup (mit weniger Süße und einem Drittel weniger Kalorien als Zucker) und Agavendicksaft. Dieser hat eine etwas höhere Süßkraft als Zucker und besteht wie Honig überwiegend aus Fruktose (Fruchtzucker). Hat man früher bei Diabetes Fruktose als Alternative empfohlen, so ist diese Empfehlung mittlerweile aufgehoben. Zwar steigt der Blutzuckerspiegel durch Fructose langsamer an, aber Studien haben nachgewiesen, dass gerade Typ II-Diabetes u.a. durch Fruchtzucker ausgelöst werden kann. Zudem lässt die Insulinwirksamkeit durch Fruchtzucker nach und die Blutfettwerte erhöhen sich. Außerdem führt der Fruchtzuckerkonsum zu erhöhten Harnsäurewerten und kann eine Fettleber auslösen. Dies alles führt auch die vehement radikalen Ernährungsvorgaben einer streitbaren, polarisierenden Barbara Rütting ad absurdum, die Honig als die einzig wahre Alternative zum bösen weißen Zucker predigt.

 

Zuckeralternativen wie Dicksäfte, Fruchtzucker, Honig oder Sirup schädigen genauso die Zähne wie Haushaltszucker (sie haften sogar wegen ihrer klebrigen Beschaffenheit länger daran), weisen die gleiche Struktur auf  und können bei übermäßigem Verzehr dem Körper auf Dauer ebenso schaden.

 

Komplexe Kohlenhydrate wie Kartoffeln, Nudeln und Getreide verlangen dem Stoffwechsel einiges ab, um den darin enthaltenen Zucker herauszulösen, sie dürfen also keineswegs mit Haushaltszucker in einen Topf geschmissen werden. Kohlenhydrate (Saccharide) sind Nährstoffe, die aus Zuckerbausteinen aufgebaut sind. Diese organischen Verbindungen spielen als Gerüstsubstanzen von Zellwänden (Cellulose), als Reservestoff (Stärke und Glykogen) sowie als Energie- und Geschmacksträger (Zuckerarten) eine Rolle. Sie sind unerlässlich als Nährstoff für Mensch und Tier. Ulrike Gonder, Ernährungswissenschaftlerin: „Essen wir weniger Kohlenhydrate, gelangt auch weniger Insulin in den Blutkreislauf. Das beugt plötzlichem Heißhunger vor und erleichtert den Fettabbau.“ Dem widerspricht die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), sie ist der Meinung, dass die Hälfte der aufgenommenen Kalorien aus Kohlenhydraten und nur zu einem Drittel aus Fett verzehrt werden sollen. Fakt ist:  Eine groß angelegte europäische Studie (EPIC-Studie) ist zu der Erkenntnis gekommen, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Höhe und Art der Fettaufnahme und Gewichtszunahme gibt. Eine fettarme Ernährung führt also nicht automatisch zu niedrigerem Gewicht, wichtig ist nur der tatsächliche Kalorienverbrauch.

 

Da komplexe Kohlenhydrate erst umgewandelt werden müssen, sind sie nicht so leicht verdaulich wie z.B. Eiweiße. Deshalb haben Diäten, die Kohlenhydrate ausschließen, großen Erfolg, man nimmt also schnell und viel ab. Aber Vorsicht: Der gänzliche Verzicht, wie z.B. in der Low Carb Diät oder der getrennte Verzehr wie bei Atkins angepriesen (der selbst an Fettsucht gestorben ist!), zieht auch schnell einen unterschiedlich ausgeprägten Nährstoffverlust nach sich. Auch werden diverse Vitamine und Mineralstoffe nur vom Körper aufgenommen, wenn sie in der richtigen Verbindung verzehrt werden. Günstig sind z.B. die Kombination von Kartoffeln und Hülsenfrüchten oder Ei bzw. Fleisch in Verbindung mit Gemüse oder Hülsenfrüchten.


Wir haben uns durch geschicktes Marketing der Lebensmittelindustrie/Lobby zu einem Volk von heiklen Essern entwickelt. Der Geschmack spielt natürlich auch noch eine  Rolle, aber wichtiger ist der Mehrheit die Außenwirkung: das richtige, sprich „gesunde“ Essen macht schöner, schlanker, wichtiger, da kann ich den Kopf doch schön hoch halten. Mein Nachbar mit seiner Vorliebe für Bratwurst wird dann in die Untermenschschub-lade geschoben, ich bin besser, intelligenter, erfolgreicher…. Ein besonderer Mensch braucht schließlich auch besondere Nahrung. Selbstverständlich kaufe ich nur im Bioladen, esse nur selbst gezogenes und bei Vollmond geerntetes Gemüse…, kaufe bei KiK (irgendwo muss ich ja sparen) und beschwere mich, wenn das Fallobst des Nachbarn auf meinen hübschen frischgemähten Rasen fällt. Ha!

 

Was mir immer wieder auffällt: auch die Gesundheitsfanatiker stehen Schlange, wenn das neueste IPhon, IPad, IderDauswasnoch auf den Markt kommt.

 

Die Auswahl der „richtigen“ Lebensmittel, um seinem Körper das Bestmögliche zu bieten, kann das gesamte Denken beherrschen. So wird der Körper zum Tempel, dem ich huldige. Wichtig ist nicht mehr die Mahlzeit an sich, sondern nur noch die Zutat – und natürlich die richtige Uhrzeit. Wie sagt der Dichter – ein Jedes hat seine Zeit – warum nicht auch das Zelebrieren des Essens. Da muss ich immer an meine Reise nach Ostpreußen vor 2 Jahren denken. Als Allergiker habe ich mich bewusst entschlossen, unterwegs kein Aufhebens zu machen, habe genügend Tabletten eingepackt und gegessen, was auf den Tisch kam (dank hervorragender Hotels fast immer verträglich), auch um meine Mitreisenden nicht über Gebühr zu belästigen. Am zweiten Tag (später trennte sich die Gruppe) saß am Nebentisch ein Damentrio, alle drei bekennende Vegetarier. Die äußerst freundliche russische Bedienung servierte eine Suppe. Die Damen versuchten nun trotz spärlicher Sprachkenntnisse herauszufinden, aus was die Suppe bestand, leider in einem lauten und selbstgerechten Ton… sie wären schließlich Vegetarier und man könnte wohl erwarten, dass darauf Rücksicht genommen wird usw. Einen Salat als Alternative lehnten die drei Grazien ab, sie wollten das, was die andern auch bekamen, nur eben vegetarisch. Ich habe mich ordentlich fremdgeschämt und war froh, selbst nichts gesagt zu haben. Dann doch lieber eine Tablette nehmen.

Essen und Verstand passen – in Deutschland – nicht mehr so Recht zusammen. Hat man sich früher vor der Vogelgrippe oder dem Waldsterben gefürchtet, sind es heute genmanipulierte Maissorten oder zu viel Zucker im Essen. Genmais wird abgelehnt, aber Fleisch von Tieren, die mit genmanipuliertem Soja (meist aus Südamerika) gefüttert werden, wird verzehrt. Zucker ist verpönt, aber Agavendicksaft trendy

Gestern bekam ich Post eines biologischen Gewürzherstellers, der darauf hinwies, dass ab sofort in bestimmten Produkten auf gecoatetes Salz verzichtet wird (Coating ist ein auch in der Lebensmittelindustrie eingesetztes Beschichtungs- und Veredelungsverfahren). Salzkristalle wurden bzw. werden mit gehärtetem Palmöl „gecoatet“, um das Salz rieselfähig zu erhalten. Für die Gewinnung von Palmöl müssen aber im tropischen Urwald Monokulturen mit Ölpalmen gepflanzt und dafür Regenwald abgeholzt werden. Das finde ich auch nicht gut, aber glaubt wirklich jemand im Ernst, dass der Verzicht auf Palmöl bzw. gehärtete Transfette den Regenwald rettet? Auch hier wird wieder das schlechte Gewissen bemüht, denn wer traut sich jetzt noch, einfach weiter Palmölfette zu verwenden?      

Übrigens wird Coating auch in anderen Bereichen eingesetzt, so z.B. bei Medikamenten (Zuckerüberzug oder Weizen als Kleber) oder Mayonnaise (Milchproteine, die von Öl umschlossen sind und deshalb nicht deklariert werden müssen).

 

„Herr Ober, kann ich noch ein Stück Zucker haben?“ – „Aber Sie haben doch schon 10 Stücke gehabt?“ „Ja, aber die haben sich alle aufgelöst!“



Beim Thema Zucker fallen mir immer meine Sünden ein. Es gab Zeiten, in denen ich mangels Information den substanzlosen Sprüchen der Gesundheitsapostel geglaubt und den Zuckerkonsum stark eingeschränkt habe, da man angeblich bei Neurodermitis keinen Zucker verzehren sollte. Das ist längst wissenschaftlich völlig widerlegt worden, weder bei Neurodermitis noch bei Darmerkrankungen spielt der normale Verzehr von Zucker eine Rolle, ein genereller Verzicht ist weder nötig noch medizinisch angebracht. Damals jedoch habe ich versucht, Zucker zu reduzieren und auch meine Kinder dazu angehalten. Mein Sohn war eines Tages bei Oma zu Besuch. Diese geht mit ihrem Enkel einkaufen. Sie ist stolz, etwas Verträgliches für ihn gefunden zu haben und sagt: „Guck mal, das ist ohne Milch und Ei!“ Mein Sohn (damals 4 Jahre alt) seufzt: „Ja, aber bestimmt mit Zucker.“

In esoterischen und heilbringenden Kreisen kursiert immer noch die Mär einer Zuckerallergie, darauf basierend werden extreme zuckerfreie Diäten angeordnet. Diese Diagnosen werden immer nur mittels suggestiver Behandlungen wie z.B. Pendeln, Bioresonanz oder Kinesiologie gestellt. Ein Allergologe kann so eine Allergie nie „finden“, da sie nicht existieren kann. Warum? Ganz einfach: Zucker bzw. Zuckerkristalle enthalten keinerlei pflanzliche oder tierische Eiweiße, worauf sollte der Körper also reagieren?

 

Ausnahme: Neben Borreliose kann ein Zeckenbiss auch eine sogenannten Fleischallergie auslösen. Dabei handelt es sich vornehmlich um Reaktionen gegen das Zuckerenzym Galactose-1,3-alpha-Galactose (alpha-GAL) nach dem Genuss von rotem Fleisch und Innereien. Laborkontrollen nach solchen Reaktionen zeigten ein 20fach erhöhtes alpha-GAL nach einem Zeckenbiss. Die Reaktion (alpha-GAL-Syndrom) tritt im Gegenteil zu IgE-vermittelten Reaktionen erst nach ca. 7-8 Stunden nach dem Verzehr/Kontakt auf. Quelle: Springer Medizin Juli 2014

 

Übermäßiger Zuckerkonsum kann zwar einen Bakterienbefall im Darm begünstigen, aber nur bei immensen Mengen und langandauerndem Genuss. Hört sich als Diagnose aber toll und dramatisch an, da sind die Mütter doch beruhigt, endlich können sie was gegen die Beschwerden ihres Kindes tun und die Hebamme, Heilpraktiker oder sonst wer hat noch was verdient.

So auch hier: Die kleine S., 5 Jahre, leidet seit Säuglingstagen an wiederkehrenden extremen Blähungen, massiven breiigen Durchfällen, die Haut ist leicht trocken, sonst aber unauffällig. Ein Bluttest auf IgE bei der Kinderärztin im zweiten Lebensjahr zeigte kein verwertbares Ergebnis, weitere Tests wurden auch später nicht gemacht. Nach weiteren Monaten mit ständigen Durchfällen wurde eine Heilpraktikerin von den frustierten Eltern hinzugezogen und „fand“ eine Zuckerallergie, die gleich mal „ausgeleitet“ wurde, damit schien die Krankheit bzw. „Allergie“ laut Heilerin genügend behandelt. Da die Beschwerden über den Darm aber weiterhin bestanden, wurde das Kind nach weiteren zwei Jahren endlich einem Facharzt in der Kinderambulanz vorgestellt. Durch eine längst fällige Darmuntersuchung sowie einem H2-Atemtest konnte nach nun 5 Jahren ständiger Beschwerden eine mittlerweile massive bakterielle Dünndarmbesiedelung (wohl in der Geburtsphase von der Mutter übertragen) sowie eine nach der Familienanamnese angeborene Laktoseintoleranz nachgewiesen und in Folge erfolgreich behandelt werden.    

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 


Das könnte Dich auch interessieren:

  1. Neurodermitis und Zucker Etliche Patienten machen raffinierten Zucker (Saccharose) verantwortlich für Verschlechterungen von...
  2. Mehr Akne durch Fett, Zucker und Fastfood (Studie) Betroffene wissen es schon lange: die Ernährung hat einen Einfluss...
  3. Zuckerunverträglichkeit Zuckerunverträglichkeit oder Zuckerintoleranz ist eine Gruppe von Krankheiten, bei denen...
  4. Allergien, Neurodermitis und Asthma – Verbreitung und Kosten Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke. Wussten...
  5. Allergien in der Küche Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.  ...

Kommentare sind geschlossen.