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Asthma bei Kindern – Interview mit Prof. Ficker

Prof. Dr.med. Joachim H. Ficker ist Leitender Arzt der Medizinischen Klinik 3 (Pneumologie, Allergologie, Schlafmedizin) am Klinikum Nürnberg, Leiter des Lungentumorzentrums Nürnberg und Stellvertretender Direktor des Comprehensive Cancer Center (CCC) Erlangen-Nürnberg. Als Arzt für Lungen- und Bronchialheilkunde gehört auch Asthma zu den Schwerpunkten seiner Arbeit. Im jucknix-Interview berichtet er von Schuldgefühlen der Eltern, Ängsten der Kindern und der richtigen Asthma-Behandlung.

Sehr geehrter Herr Prof. Ficker, zunächst einmal vielen herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zum jucknix-Interview. Wir freuen uns sehr, Sie für diese Unterstützung von jucknix gewonnen zu haben. Ihre wichtigsten Ämter haben die Leser bereits oben in Erfahrung bringen können. Uns interessiert natürlich, warum Sie sich unter anderem gerade auf die Pneumologie spezialisiert haben – was hat Sie an der Pneumologie besonders interessiert?

Pneumologie ist innerhalb der Inneren Medizin das breiteste und größte Fach. Als Pneumologe bin ich mit einer großen Vielfalt an entzündlichen, infektiösen, teils bösartigen Erkrankungen und vielen anderen konfrontiert. Und wir Pneumologen können vielen Pateinten gut helfen. Darin sehe ich eine besondere Herausfoderung und Chance als Arzt. Ich habe diese Wahl nie bereut.

Was können Eltern tun, um das Asthma-Risiko ihrer Kinder so gering wie möglich zu halten?

Eltern sollten an diese Thema vor allem entspannt rangehen. Das Asthma-Risiko ist zu einem großen Teil genetisch bedingt, daran können /und wollen) wir nichts ändern. Wir sollten als Eltern vor allem darauf achten, dass unsere Kinder möglichst wenig Schadstoffen in der Luft ausgesetzt sind. Hierzu zählt neben dem Dieselruß an vielbefahrenen Straßen vor allem das Passivrauchen.

In einem Raum, in dem geraucht wird haben Kinder nichts verloren! Das gilt auch für´s Auto!

Kinder müssen ihr Immunsystem in den ersten Lebensmonaten und –jahren „trainieren“. D.h. die üblichen Infekte die kleine Kinder haben, sind nichts „krankhaftes“, sondern im Gegenteil eine Chance, dem Immunsystem das „richtige“ Reaktionsmuster anzugewöhnen (und nicht die „falsche“ = allergische Reaktion). Kinder dürfen solche Infekte also guten Gewissens haben. Sie brauchen bei diesen Infekten meist einfach nur Ruhe, viel zu Trinken und Zuwendung und kommen in der Regel ohne Antibiotikum aus.
Kinder brauchen eine gute, gesunde Ernährung. Hierzu gehören vor allem Früchte, Salate und Gemüse. Vitamintabletten o.ä. haben bei Kindern nichts verloren.

Viele Eltern leiden unter Schuldgefühlen, wenn ihr Kind krank ist. Ist dies im Fall von Asthma berechtigt?

Wenn eine rauchende Mutter eines asthmakranken Kindes Schuldgefühle hat, ist das o.k., denn dann entsteht der nötig „Druck“ vielleicht doch im Interesse des Kindes aufzuhören (wenn schon nicht im Interesse der eigenen Gesundheit). Manchmal (zum Glück selten) haben Kinder spezielle Allergien (z.B. auf Katzenhaar) und den Eltern gelingt es nicht, die „Allergenquelle“ aus dem Lebensumfeld des Kindes zu entfernen (z.B. die Katze in andere Hände zu geben).

Sonst sehe ich aber wenig Anlass für Schuldgefühle. Niemand kann etwas für seine Gene, die er weitervererbt hat. Ein Problem sehe ich bei Kindern, die stark übergewichtig sind. Übergewicht ist ein wichtiger Risikofaktor für Asthma und viele andere Erkrankungen. Hier müssen sich die Eltern schon bewusst sein, das es zu ihren Aufgaben als Eltern gehört, den Kindern ein gesundes Essverhalten beizubringen!
 
Wie groß ist die Chance, dass das Asthma wieder ganz verschwindet? Was muss man tun, um die „Heilung“ zu begünstigen?

Sehr häufig verschwindet das Asthma der Kinder in der Pubertät. Die große Frage ist, ob es dann später im Leben wieder kommt. Es gilt vor allem das Asthma konsequent in allen Dimensionen zu behandeln, dann sind die Chancen der „Chronifizierung“ am geringsten.

Auf was müssen asthmakranke Kinder und Erwachsene verzichten? Welche Einschränkungen wird das eigene Kind mit Asthma im Leben hinnehmen müssen?

Am schwersten fällt der Verzicht auf bei den Allergenen. So müssen Asthmatiker z.B. wenn sie Nahrungsmittelallergien haben, auf manche leckere Nahrungsmittel verzichten. So kann es sein, dass für einen Allergiker mit Allergien auf Nüsse und manche Gewürze die „Weihnachtsbäckerei“ weitgehend ausfällt. Hier ist aber Kreativität gefragt. Es gibt viele Kniffs und Tipps wie man auch mit einer Vielzahl von Allergien dennoch eine wohlschmeckende Ernährung hinbekommt. Schwierig bleibt oft das Essen „auswärts“, denn da weiß man ja meist nicht genau, was so alles drin ist.

Schwer fällt ggf. auch der Verzicht auf Haustiere oder Reiten, wenn Allergien im Wege stehen.

Asthmatiker dürfen nicht rauchen! Punkt. Das fällt manchmal offenbar sehr schwer; ob das ein wirklicher „Verzicht“ ist, kann ich als Nichtraucher nicht sagen.

Ansonsten gelingt es ja mit den modernen Therapien meist, eine sehr gute Asthmakontrolle zu erreichen und die Einschränkungen sind gering. So gewinnen ja immer mal wieder Asthmatiker auch Olympia-Medaillen!

Kann das Kind bei einem Asthma-Anfall sterben?

Im Prinzip ja, im Pneumologen-Alltag habe ich das zum Glück nie selbst erlebt. Ein Asthmaanfall kann sehr bedrohlich sein und muss immer konsequent behandelt werden. Die Therapie wirkt aber meist schnell und gut. Gerade Kinder die immer wieder schwere Anfälle haben brauchen eine spezialisierte Betreuung, denn die beste Therapie des schweren Anfalls ist die Vorbeugung!

Haben Kinder mit Asthma Angst – sehr viel Angst vor dem nächsten Asthma-Anfall, Angst während eines Asthma-Anfalls? Kann man gegebenenfalls etwas tun, um ihnen die Angst ein Stück weit zu nehmen?

Asthmaanfälle gehen mit Luftnot einher und das macht Angst. Gerade Kinder gehen damit aber in meiner Erfahrung oft unkomplizierter um als manche Erwachsene. Wichtig ist es für asthmakranke Kinder zu lernen, dass jeder Asthmaanfall unter der richtigen Therapie vorbeigeht. Diese bewusste Erfahrung gibt Sicherheit und Vertrauen. Kinder mit Asthma sollten möglichst früh lernen, ihre Anfälle selbst zu „managen“, also selbst die richtigen (!) Sprays in der richtigen (!) Dosis richtig (!) inhalieren, die richtigen Atemtechniken anwenden und ggf. rechtzeitig Hilfe rufen. Auch die Erfahrung „ich kann das selbst“ gibt Sicherheit und Vertrauen und nimmt die Angst. Entscheidend ist auch die Rolle der Eltern als „Begleiter“ im Anfall: die Kinder müssen erleben, dass auch Mutter und Vater souverän mit dem Anfall umgehen können und genau wissen, was zu tun ist.

Welche schulmedizinischen Behandlungsmethoden haben sich als am wirkungsvollsten erwiesen?

Ich selbst kenne nur wirksame und unwirksame Behandlungsmethoden. Der Begriff  „Schulmedizin“ wird oft missbraucht, um unwirksame und z.T. schädliche Behandlungsverfahren zu verkaufen. Ich lehne diesen Begriff daher im Interesse meiner Patienten ab.

Die Therapiestrategie beim Asthma ist komplex und umfangreich, da gibt es dicke Bücher, sorgfältig erstellte Leitlinien. Das kann ich hier nicht alles wiedergeben. Nur ein paar Stichworte in aller Kürze:

Beim allergischen Asthma müssen die einzelnen „Allergene“ des jeweiligen Kindes identifiziert werden und dann strikt gemieden werden. Diese „Allergenkarenz“ ist Basis jeder Therapie des allergischen Asthmas.

Wenn Anfälle hierdurch nicht vermieden werden können, dann sind Medikamente zu Vorbeugung von Asthmaanfällen nötig. Die besten und bewährtesten Medikamente hierzu sind spezielle Kortisonsprays. Manche Eltern haben zu unrecht Sorgen, diese speziellen Kortisonsprays regelmässig ihren Kindern zu geben, weil sie von Nebenwirkungen von Kortisontabletten und –spritzen gehört haben. Diese treten bei den Kortisonsprays aber nicht auf! Gelegentlich kann unter Therapie mit einem Kortisonspray ein Mundpilz (Soor) auftreten, dieser kann aber immer (!) erfolgreich behandelt werden. In der Abwägung von Risiko eines schlecht behandelten Asthmas zu möglichen Nebenwirkunkung eines Kortisonsprays gewinnt klar das Kortisonspray!

Asthmatische Kinder, die trotz Kortisonspray noch Asthmaanfalle haben, brauchen regelmässig (also „vorbeugend“) Medikamente, die die Bronchien erweitern.

Es gibt viele weitere medikamentöse Massnahmen, die in manchen Situationen sinnvoll sein können. Hier ist immer der Rat eines erfahrenen Pneumologen sinnvoll.

Zur Therapie gehören heute auch immer „Rehabilitationsmassnahmen“, also z.B. Anleitung zu regelmässigem Sport (in einer geeigneten Sportart). Wie gesagt: Dies ist hier die Kurzdarstellung, mehr Details finden sich z.B. in der sog. Nationalen Versorgungsleitlinie fürs Asthma .

Im Namen aller Leser bedanken wir uns herzlich für das Interview. Können Betroffene Sie bei weiteren Fragen aufsuchen, wenn ja, wo, wie und wann?

Gerne. Bitte vorher in meinem Sekretariat anrufen. Ich kann sicher nicht immer mit jedem Interessierten einen kurzfristigen persönlichen Termin machen, habe aber auch eine ganze Reihe sehr erfahrener Fachärzte, die mir dabei helfen.

Hier die Koordinaten:

Prof. Dr.med. Joachim H. Ficker
Leitender Arzt der Medizinischen Klinik 3 (Pneumologie, Allergologie, Schlafmedizin) am Klinikum Nürnberg
Leiter des Lungentumorzentrums Nürnberg
Stellv. Direktor des Comprehensive Cancer Center (CCC) Erlangen-Nürnberg
Prof.-Ernst-Nathan-Str. 1
90419 Nürnberg
Tel.: 0911/398-2674 oder -2675
FAX.: 0911/398-2441
eMail: pneumologie@klinikum-nuernberg.de
Web: www.pneumologie-nuernberg.de
 


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4 Antworten zu “Asthma bei Kindern – Interview mit Prof. Ficker”

  1. Toni sagt:

    Hallo,

    ich hätte eine Frage zu folgendem Zitat aus dem Interview: “Wenn eine rauchende Mutter eines asthmakranken Kindes Schuldgefühle hat, ist das o.k., denn dann entsteht der nötig „Druck“ vielleicht doch im Interesse des Kindes aufzuhören” – Ist denn jetzt das Passivrauchen ursächlich für Asthma, oder nicht?

  2. admin sagt:

    Ich antworte mal selbst auf Deine Frage, weil ich nicht weiß, wann Prof. Ficker Zeit findet: Rauchen ist einer der wichtigsten Auslöser von Asthma. Viele Studien zeigen: Rauchende Eltern haben eindeutig häufiger Kinder mit Asthma. Und ja, das gilt auch für das Passivrauchen. Selbst dann, wenn der Vater des Kindes in der Wohnung der schwangeren Frau geraucht hat, ohne dass sie währenddessen im Raum war, begünstigt der Rest des Rauches im Raum die Entstehung von Asthma. Auch der Vater sollte daher unbedingt (!) vor der Tür oder auf dem Balkon rauchen, niemals in der Wohnung.

  3. Toni sagt:

    Danke für die Antwort. Meine Frage war wohl missverständlich. Eigentlich wollte ich wissen, ob das Asthma der Kinder jetzt wegen dem Passivrauch entsteht oder ob es entsteht, weil ein Elternteil schon eine lange Zeit geraucht hat also quasi vererbt wird.

    Danke
    Toni

  4. Sebastian sagt:

    Meine Frau hat asthma, ich habe keine Allergien! Wie hoch sind die Chancen, dass unser Kind auch asthma bekommt? 50%?
    Die Geschwister meiner Frau haben ebenfalls asthma, aber nicht sehr stark.
    Danke

    Sebastian

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