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Arzneimittel-Allergie (Codein und weitere)

 

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

 

dass Hustensaft mit Codein für Kinder riskant ist? Abgesehen davon, dass Kinder mit häufigem (chronischem) Husten in die erfahrenen Hände eines Lungenfacharztes gehören, ist es für viele Eltern immer noch üblich, zunächst mit einem Hustenmittel zu versuchen, dem Kind Linderung zu verschaffen. Der Kinderarzt unterstützt diesen fatalen Trend, indem er ein Rezept für ein codeinhaltiges Mittel verschreibt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat nun im April 2015 das erste codeinhaltige Hustenmittel (Codeinsaft-CT 5 mg/5 ml) komplett aus dem Verkehr genommen, die Mittel dürfen nicht mehr bei Kindern unter 12 Jahren eingesetzt werden. Die Entscheidung für das Verbot codeinhaltiger Arzneimittel für Kinder und Jugendliche fiel im Rahmen eines europäischen Risikobewertungsverfahrens.

Codein gilt als effektiver Gegenwirkstoff bei Reizhusten und lindert zugleich die Schmerzen durch den Reizhusten. Doch bei jungen Patienten kann dieser Wirkstoff zu schweren bis tödlichen Atemlähmungen führen. Der Untersuchung zufolge kam es zu mehreren Atemlähmungen und sogar einem Todesfall, da Codein im Körper einiger Kinder sehr schnell zu Morphin umgewandelt wird („Ultra-Rapid-Metabolizer“), der hohe Morphingehalt sorgt dann für die schwerwiegenden Nebenwirkungen. Bei welchen Kindern diese schnelle Umwandlung geschieht, lässt sich nicht vorab klären bzw. warum dies nicht bei allen Kindern gleich ist. Fakt ist, dass Codein eine schwelende Gefahr für Kinder ist, deshalb darf der Wirkstoff bei Kindern unter 12 Jahren nicht mehr eingesetzt werden, bei Jugendlichen und auch Erwachsenen mit Atemwegserkrankungen wird zur Vorsicht geraten.

Der Hersteller AbZ Pharma hat diesen Einschränkungen Rechnung getragen und gänzlich auf die Zulassung des Medikaments verzichtet. Wenn man bedenkt, welche Gewinnmargen ein Pharmaunternehmen damit aufgibt, müssen die Bedenken (oder die Angst vor Regressansprüchen) hier großes Gewicht gehabt haben. Prinzipiell sind codeinhaltige Säfte verschreibungspflichtig, jedoch oft auch im Internethandel frei erhältlich. Neben Codein sind aber auch frei verkäufliche Nasentropfen nicht immer auch für Säuglinge und Kleinkinder geeignet, da diese schnell zu einer Überdosierung führen können. So sind die meisten Produkte erst ab dem 12. Lebensjahr geeignet, was leider selten beachtet wird. In einem Fall führte der Gebrauch eines Nasentropfenpräparats bei einem Säugling (auf Empfehlung der Hebamme bei Schnupfen angewandt) zu einer Vergiftung, die nur dank intensivmedizinischer Behandlung nicht tödlich verlief.

Doch Codein ist nicht der einzige Wirkstoff, dessen Einnahme für Empfindliche oder Asthmatiker bzw. Allergiker riskant ist. Arzneimittel sind neben Nahrungsmitteln und Insektenstichen die häufigste Ursache anaphylaktischer Reaktionen, am häufigsten ausgelöst durch Medikamente. Sie können als IgE-vermittelte Reaktion auftreten, aber auch als Intoleranzreaktion. In 0,7-8 % aller Fälle tritt Anaphylaxie nach Antibiotika auf. Zu Todesfällen kommt es einmal bei 50.000-100.000 Behandlungen, in den USA ca. 400-800 Todesfälle/Jahr. Kontrastmittel lösen bei 1:100.000 Anwendungen tödlich verlaufende Anaphylaxien aus, vor dem Hintergrund von mehr als 70 Millionen Behandlungen/Jahr ein ernst zu nehmendes Problem. 

Neben Anaphylaxien als schwerste allergische Reaktion sind auch Urtikaria, Angioödem, Rhinitis, Asthma und Arzneimittelexantheme (z.B. Stevens-Johnson-Syndrom) und andere Autoimmunreaktionen möglich. Wegen der oft schweren Reaktionen ist eine Medikamenten-Testung unter klinischen Bedingungen unerlässlich. Die Tests sollten innerhalb von drei-sechs Monaten nach Auftreten der Reaktion durchgeführt werden. Eine besonders unangenehme Reaktionsart ist der „Flush“, eine plötzliche Hitzewelle, die u.U. den ganzen Körper erfassen und mehrmals täglich auftreten kann und erst nach Wochen (manchmal bis zu drei Monate) abklingt. Typisch ist ein plötzliches heftiges und starkes, manchmal nur sekundenlanges Brennen unter der Haut, im Magen, Kopf oder Extremitäten, nicht unbedingt mit sichtbarer Rötung. Ein Hauttest bei Flush, aber auch anderen Reaktionsarten, ist nicht immer zuverlässig, eine positive Reaktion zeigt aber grundsätzlich die Überempfindlichkeit der Haut an (auch wenn auf Milbe etc. statt Arznei getestet wird). Fragen zu Medikamenten, Dosierungen, Nebenwirkungen beantwortet die Unabhängige Patientenberatung Deutschland, Tel. 0800-0117725 gebührenfrei im Festnetz.

Unabhängige Patientenberatung UPD, ein gemeinnütziger Zusammenschluss aus Sozialverband VdK, Verbraucherzentrale Bundesverband und Verbund unabhängiger Patientenberatung, berät seit 2006 telefonisch und persönlich bei Fragen und Beschwerden. Ab Januar 2016 wird die Fortsetzung der Trägerschaft neu vergeben und der Sanvartis GmbH zugeschlagen werden. Sanvartis betreibt im Namen verschiedener Krankenkassen Callcenter. Eine unabhängige Beratung ist damit in Frage gestellt.

Echte Arzneimittelallergien sind selten, meist handelt es sich um Reaktionen auf Arzneibestandteile wie Konservierungsstoffe, Aromen oder auch Hilfs- und Wirkstoffe. Nicht nur die Wirksubstanz kann allergisierend wirken. Medikamente enthalten z.B. auch geschmacksverbessernde Zusätze wie z.B. Himbeere (ASS- und histaminreich) oder Fenchel, Pfefferminze, Kamille, Kümmel etc. und somit häufige Kreuzallergene. Himbeeren (Rubus Idaeus/Villosus) finden sich auch als Aromastoff in Säften und Kosmetik u.a. Das Grippemittel Tamiflu (Handelsname „Oseltamivir“) enthält Sternanisfrucht, Kreuzreaktionen sind deshalb möglich bei Pollenallergikern mit Beifuss-Gewürz-Syndrom. Bei Infusionen kann eine allergische Reaktion z.B. auch durch Nickelionen im sogenannten „gereinigten Wasser“ oder schlicht durch Kontamination mit Naturlatexproteinen (z.B. über medizinische Handschuhe) ausgelöst werden. 

Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneien sind bei Erwachsenen 1,5-mal häufiger als bei Kindern. Positive Tests finden sich vor allem dann, wenn die Verdachtsreaktion im höheren Alter aufgetreten ist und wenig Zeit zwischen Reaktion und Test liegt. Quelle: Studie eines Teams französischer, portugiesischer italienischer Allergologen, AllergoJournal 2/2012. Die häufigsten Arzneimittelreaktionen treten auf bei Aspirin/ASS (13 %), Paracetamol (5%), Diclofenac und Ibuprofen (15 %). Viele Arzneimittelallergiker nehmen aber das unverträgliche Medikament nach einiger Zeit erneut ein, weil sie:

  • Die Allergie vergessen haben,
  • Die Packungsbeilage nicht lesen,
  • Neugierig sind, ob die Reaktion erneut auftritt oder
  • Der Arzt der Meinung war, das Mittel wäre nun wieder verträglich.

 

Die meisten Inhaltsstoffe werden erst nach Bindung an Proteine zu Allergenen. Das macht die Diagnostik schwierig. Auch werden manche Reaktionen ausgelöst durch z.B. Überdosierung (Toxizität), Reaktionen bei genetischen oder pharmakokinetischen Besonderheiten oder verzögerten allergischen Reaktionen vom Typ II und III. Hier treten die Symptome erst mehrere Stunden nach Kontakt auf, z.B. als rötliche Hautveränderung (Purpura). Die pseudoallergische Reaktion auf Medikamente bzw. deren Bestandteile kann nach einer sorgfältigen Anamnese durch Provokationstest über nasale oder orale Exposition nachgewiesen werden, die allergische zusätzlich über die IgE-Bestimmung. Die pseudoallergische Reaktion tritt meist gesondert auf, kann aber auch gleichzeitig mit der allergischen Variante auftreten.

 

Asthmaspray und der Gasherd: Drei englische Patienten mit Asthma bronchiale waren über die farblichen Veränderungen ihres Gasherdes sehr erstaunt, bei allen drei war das Phänomen sich verfärbender Gasflammen aufgetreten. Diese leuchteten statt blau nun orange. Zwei riefen einen Installateur zur Hilfe, der dritte kaufte sich einen neuen Herd. Das Geheimnis konnte aber erst ein Pneumologe aufklären: Das in dem Kochsalzaerosol enthaltene Natrium sorgte für die Flammenfärbung

  

Die kleine R. bekam die erste Asthmadiagnose mit 2 Jahren nach häufigen Infekten und „chronischer Bronchitis“, aber die Eltern fanden die Diagnose übertrieben und haben die empfohlenen Therapiemaßnahmen zunächst nicht begonnen. Sie gaben R. stattdessen bei Bedarf (eigenes Ermessen) einen wohlschmeckenden reizlindernden und somit codeinhaltigen Hustensaft. Doch immer wieder traten allergische Reaktionen in Form von juckenden Rötungen im Gesicht und am Hals auf, dazu hatte R. ständig auffällig dunkle Augenringe (die aber weder Eltern noch Arzt als sichtbares Zeichen/Symptom  einer Allergie deuteten). Wie sich herausstellte, enthielt der Saft als Aromastoff Kirsche. Kirsche hatte als Frucht genossen bei R. schon häufiger heftige Reaktionen ausgelöst. Dann wurde zu einer aromastofffreien Alternative gewechselt, was R. dann nahezu täglich bekam (für die Eltern logisch, sie hustete ja auch nahezu täglich).

Seit dem 4. Lebensjahr hustete sie ununterbrochen, dazu kamen mehrere Lungenentzündungen. Das zum Zeitpunkt der Beratung mittlerweile 7-jährige Kind bekam seit kurzem wieder „richtige“ Asthmamedizin, die aber nur exemplarisch gegeben wurde. In guten, sprich hustenfreien  Zeiten wird das Mittel abgesetzt, bis wieder ein Atemnotanfall erfolgt, da laut Hausarzt das Asthma intrinsisch, also Infekt- und nicht allergisch bedingt ist und deshalb auch nur bei Infekten gegeben werden muss. Diese Aussage wollte er aber nicht durch einen Fachkollegen überprüft wissen, folgerichtig wurde auch kein Allergologe in die Behandlung einbezogen. Da die Atemnotanfälle mitunter nahezu „atemberaubend“ waren und mehrfach den Notarzt oder den Bereitschaftsarzt der Schule erforderten, sollte das Kind ein Notfallset bekommen, aber die Kinderärztin weigerte sich, ein Rezept auszustellen, da sie noch nie von einem Notfallset gehört habe! Sie unterstellte der Mutter im Gegenteil, diese wolle ihr Kind mit der Notfallspritze wohl umbringen! Aber auch hier konnte ein klärendes Gespräch die Hindernisse beseitigen. Die schwierigste Aufgabe für mich war dann noch, den Eltern die notwendige Einbeziehung eines Allergologen nahezulegen, um die eigentliche Ursache der schweren Atemnotanfälle zu finden und beseitigen. Wie zu erwarten, wurde dieser reichlich fündig, ein hinzugezogener Lungenfacharzt hat dann die doch bisher recht dürftige Hausarzt-Behandlung des Asthmas übernommen und ersetzt. 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de


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