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Allergien vermeiden und behandlen – Interview mit Dr. Hessel

Herr Dr. med. Christian Hessel führt eine Praxis für Kinderheilkunde, Kinderpneuomologie und Kinderallergologie in Berlin. Seine Philosophie: Allergien nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beim Kind möglichst frühzeitig erkennen, behandeln, und das Fortschreiten verhindern.

Hallo Herr Dr. Hessel, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für die jucknix-Leser. Möchten Sie sich zunächst kurz vorstellen? Was hat Sie zur Kinderheilkunde und –allergologie geführt?

Hallo liebe jucknix-Leser. Zur Kinderheilkunde bin ich im Studium der Medizin gekommen, als ich mein erstes Kind hatte und das Thema Kind/Kindergesundheit und Krankheit für mich einen ganz neuen Stellenwert bekam.

Im täglichen Berufsleben als Kinderarzt und auch im privaten Umfeld begegnen einem die Themen Neurodermitis, Asthma und Heuschnupfen immer wieder und gefühlt auch immer häufiger. Dadurch habe ich mich immer mehr mit diesen Themen beschäftigt und dann auch die Weiterbildung zum Allergologen und Kinder-

Pneumologen

gemacht, das heißt, ich habe mehrere Jahre in entsprechend spezialisierten Abteilungen gearbeitet und Erfahrungen gesammelt, sowie die neuesten medizinischen Erkenntnisse kennen gelernt.

Was können besorgte, werdende Eltern während der Schwangerschaft tun, um die Gefahr allergischer Erkrankungen beim Baby zu minimieren? Mit dem Rauchen aufhören? Haustiere abgeben – oder doch aufs Land ziehen? Die Ernährung umstellen?

Rauchen ist medizinisch gesehen nie gut und speziell werdende Eltern sollten dies beherzigen. Dies ist auch der allerwichtigste Punkt um allergische Erkrankungen zu vermeiden.

Haustiere, die bereits vorhanden sind, können bleiben, sofern nicht eine Person im Haushalt eine nachgewiesen Tierhaarallergie hat. Sind die (werdenden) Eltern Allergiker, sollten möglichst auch keine neuen Haustiere angeschafft werden.

Das Leben auf dem Land ist schon gut, aber die Vorteile vom Landleben bzgl. der Allergieentstehung beziehen sich auf den Kontakt zum Tierstall auf dem Bauerhof: wer schon immer Bauer werden wollte, sollte dies vor der Geburt der Kinder werden.

Schwangere sollten sich möglichst gesund und ausgewogen ernähren und keine Diäten machen!

Welche Maßnahmen zur Allergievermeidung sind nach der Geburt wirklich sinnvoll?

Hier muss noch mal das Passivrauchen angesprochen werden: bitte nicht rauchen, auch nicht nur auf dem Balkon, sondern am besten gar nicht.

Säuglinge sollten am besten 4 Monate voll gestillt werden oder eine Säuglingsmilchnahrung (bei Allergikereltern eine hypoallergene Säuglingsmilchnahrung) erhalten. Ab vollendetem 4. Lebensmonat sollte Beikost in Form von Brei begonnen werden, weil wir wissen, dass zwischen dem 4. und 6. Lebensmonat die Toleranzentwicklung besonders gut ist. Das heißt bei Beikosteinführung in dieser Zeit entstehen weniger Nahrungsmittelallergien.

Übertriebene Hygiene ist nicht gut für das kindliche Immunsystem. Es ist eher besser, frühzeitig mit banalen Krankheitserregern durch Geschwister oder die Krippe/Kita in Berührung zu kommen, um das Immunsystem sinnvoll zu beschäftigen.

Welche Rolle spielt Impfen bei der Allergievermeidung? Und was ist dran an dem Mythos: „Impfen verursacht Allergien“?

Der Mythos stimmt überhaupt nicht! In Studien konnte sogar nachgewiesen werden, dass geimpfte Kinder etwas weniger Allergien haben, als ungeimpfte. Dazu muss noch die enorme Gefährdung durch die impfpreventabelen Erkrankungen gedacht werden. Allergiker sind bei vielen Erkrankungen viel stärker gefährdet, als Nichtallergiker.

Wann sollten Eltern bei Verdacht auf eine Allergie zum Arzt gehen – und wann ist dieser Gang nicht notwendig?

Grundsätzlich ist es immer gut zu wissen, woher Symptome kommen. Je mehr Krankheitswert ein Symptom hat, desto eher sollte man zum Allergologen gehen. Wenn einem nur hin und wieder die Nase juckt, kann man das sicher gut tolerieren, aber wenn die Augen tränen und die Nase läuft, ist es gut Maßnahmen dagegen zur Hand zu haben und zu wissen, woher das kommt.

Welche Schritte sind nötig, um Allergien bei einem Kind sicher festzustellen? Und wie können sich Eltern auf den Arztbesuch bestmöglich vorbereiten?

Die Anamnese, d.h. die Vorgeschichte sind das wichtigste Instrument, um Allergien zu erkennen. Die Eltern sollten beobachten, wann und bei welchen Gelegenheiten Symptome auftreten und auch wann es dem Kind besser geht, z.B. kann es sein, dass die Haut des Kindes nach dem Besuch der Oma immer schlechter ist, weil die Oma eine Katze hat oder die Besucherbetten voll mit Hausstaubmilben sind.

 

Je genauer die Eltern beobachten, desto unkomplizierter für das Kind kann man die Diagnose stellen. Wichtig sind auch evtl. gegebene Medikamente oder Salben, die gut oder schlecht geholfen haben.

Ein Allergietest in Form eines Pricktestes oder einer Blutabnahme ist meist sehr sinnvoll, um den Verdacht einer Allergie zu bestätigen.

Hyposensibilisierung gilt als wirkungsvolle Therapie gegen allergische Erkrankungen. Wie viel versprechend ist die Hyposensibilisierung bei Kindern, ab wann darf sie durchgeführt werden und wann ist der beste Zeitpunkt, um damit zu beginnen?

Die Wirksamkeit von Hyposensibilisierung ist sehr gut. In vielen Fällen verschwinden die Symptome vollständig, in anderen Fällen wird die Symptomatik besser. Wichtig ist, dass man genau weiß, warum und wogegen eine Hyposensibilisierung durchgeführt wird. Es reicht nicht der Verdacht und ein irgendwann durchgeführter Allergietest.

Hyposensibilisierungstherapien gibt es als Tropfen, Tabletten und Spritzen. In allen Fällen müssen die Kinder in der Lage sein, die Therapie mitzumachen. Spritzen sollten von den Kindern akzeptiert werden können. Aber auch bei den Tropfen ist es schwierig: diese müssen 2 Minuten unter der Zunge verbleiben. Das fällt auch Erwachsenen sehr schwer!

Ab einem Alter von 4-6-8 Jahren kann man je nach Persönlichkeit mit einer Hyposensibilisierung beginnen. Der beste Zeitpunkt ist in der symptomfreien Zeit, häufig also im Herbst.

Welche empfehlenswerten Alternativen gibt es zur Hyposensibilisierung? Und was können Eltern im Alltag tun, um die Beschwerden durch die allergischen Erkrankungen zu lindern?

Niemand kann ihnen sagen, wie eine Allergie im Einzelfall verläuft: vielleicht verschwindet sie nach ein paar Jahren oder wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Die Hyposensibilisierung ist die zur Zeit einzige causale (ursachenbehandelnde) Therapie. Bei allen anderen Therapien konnte keine Wirksamkeit gezeigt werden, die besser ist als Placebo (Scheinmedikament).

Es gibt einige Medikamente, die ihnen ihr Kinderarzt erklären und verordnen kann. Bei Allergenen, die vermeiden werden können (Tierhaare), sollte der Kontakt vermieden werden. Bei Heuschnupfen ist es wichtig, abends die Haare auszuspülen und das Schlafzimmer nur nachts zu lüften, wenn keine Pollen fliegen.

Wann sollten Kinder nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen draußen spielen?

Kinder brauchen für ihre Entwicklung das Spiel draußen an der frischen Luft. Die Symptome sollten durch Medikamente soweit behandelt sein, dass dies jederzeit möglich ist.

Wem empfehlen Sie eine Neurodermitisschulung, was kostet sie und was können erkrankte Kinder und ihre Eltern dabei lernen?

Alle Eltern mit Kindern, die eine Neurodermitis haben, profitieren sehr von einer Schulung. Nach den Vorgaben findet diese an 6 Terminen über jeweils 2 Stunden statt. Die Kosten betragen ca. 400 Euro und werden von den meisten Krankenkassen auf Anfrage übernommen.
Die Eltern und Kinder lernen alles über die Erkrankung von Ursachen über Auslöser und Therapien bis hinzu Bewältigungs- und Vermeidungsstrategien.

Vielen Dank Herr Dr. Hessel für das sehr interessante Interview, Ihre Mühe und Unterstützung. Wir sagen – im Namen aller jucknix-Leser – Danke!

Informationen zu Herrn Dr. med. Christian Hessels Praxis findet ihr unter www.dr-hessel.de


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