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Allergien, Neurodermitis und Asthma – Verbreitung und Kosten

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

Wussten Sie schon,

 

dass laut einer aktuellen Studie (DIGS1) des Robert-Koch-Instituts 26 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von mindestens einer atopischen Erkrankung betroffen sind? Angegeben wurden Asthma bronchiale, Heuschnupfen und Neurodermitis. 14,8 % leiden an Heuschnupfen, 30 % sind Asthmatiker, 4,7 % leiden an einer Nahrungsmittelallergie. Über 40 % der Kinder und Jugendlichen tragen laut dem Robert-Koch-Institut schon Antikörper in sich, d.h. ihr Immunsystem ist sensibilisiert, eine Allergie aber noch nicht eingetreten. Einer Meldung der Ärzte Zeitung zufolge leiden etwa 30 % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Allergie, jedes 3. Neugeborene kommt mit dem in den Genen angelegten Allergierisiko zur Welt. Das Robert-Koch-Institut präzisiert dies in seinem Dossier “Gesundheit in Deutschland” vom November 2015: bei 36 % der Frauen und 24 % der Männer wird im Laufe des Lebens eine allergische Erkrankung diagnostiziert. Jüngere Erwachsene haben häufiger eine allergische Erkrankung als ältere. Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen bleibt seit 10 Jahren auf hohem Niveau, jedoch gibt es beim Asthma bronchiale Anzeichen für eine Zunahme. Und: ein hoher sozialökonomischer Status und das Leben in der Großstadt gehen mit einer höheren Erkrankungshäufigkeit einher.

 

Allergien gelten laut dem Statistischen Bundesamt als die Epidemie des 21. Jahrhunderts. Allein in Deutschland sind über 40 Millionen Menschen betroffen. Den wirtschaftlichen Schaden in der europäischen Union durch Allergien schätzt die Europäische Stiftung für Allergieforschung auf 25 Milliarden Euro jährlich! Darin enthalten sind Kosten wie Rehabilitation, Medikation, medizinische Verordnungen, Umschulungsmaßnahmen u.v.m.  

 

Allein berufsbedingte Handekzeme summieren sich als direkte und indirekte Kosten (Therapie, Pflegemittel, Krankmeldungen) auf knapp 8.800 € pro Patient und Jahr (von mittelschwer mit 9.400 € bis leicht mit 7.830 €). 70 % der Kosten werden durch den dadurch bedingten Produktivitätsverlust verursacht.

 

Eine gemeinsame Studie der Charite´, Uni Göteborg, Katholische Uni Löwen und der Uni Harvard ist 2015 zu dem Schluss gekommen, dass jeder Fehltag eines Heuschnupfenkranken den Arbeitgeber 176,- € kostet. Außerdem sind Heuschnupfenpatienten weniger leistungsfähig, also vermindert produktiv, das summiert sich dann auf 845,- €. Die Leistungseinschränkung basiert auf den Heuschnupfensymptomen, aber auch den Nebenwirkungen der Medikamente. Insgesamt kostet laut der Studie ein Arbeitnehmer mit Heuschnupfen den Arbeitgeber 1.373,- € jährlich. Hochgerechnet auf die gesamte EU-Wirtschaft wären das rund 55 Milliarden Euro pro Jahr.

 

Bei geschätzten 20-30 Millionen Allergikern allein in Deutschland entstehen durch die Mangelversorgung Milliardenschäden (besagte 55 Milliarden), die einfach zu verhindern wären mit ein bisschen mehr vorbeugender oder rechtzeitiger Behandlung. Doch da tut sich der Staat schwer. Aber auch den Allergiker trifft durchaus eine Teilschuld. Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Wie viele Menschen kennen Sie, die behaupten, „ihre“ Allergie im Griff zu haben? Sehen Sie. Jeder doktert an sich rum, kauft Mittelchen und Pülverchen, die werbewirksam angepriesen werden, aber zu einem Facharzt gehen? Der könnte ja eine Diagnose stellen, die man nicht hören will oder, noch schlimmer, eine Therapie anordnen, die Umstände macht  wie z.B. regelmäßig Medikamente/Hyposensibilisierungstropfen nehmen, Karenzmaßnahmen durchführen usw. Ja, eine Allergie kann durchaus Umstände machen. Da ist es doch viel hipper, literweise Matcha-Tee zu trinken, sich mit unverdaulichen Chia-Samen die Darmschleimhaut zu durchlöchern oder bei einem „Heiler“ die Selbstheilungskräfte „aktivieren“ zu lassen. Wenn` s nicht hilft, auch gut, dann kann man wenigstens beim nächsten Kaffeeklatsch mitreden, wenn es um einen Vergleich der „coolsten“ Therapie geht. Und wenn die Gesundheit dann am Boden liegt, womöglich teure Folgeschäden wie Asthma auftreten, dann kann ja die Allgemeinheit für die Behandlungskosten aufkommen (tja, leider fallen Krankenkassenbeiträge nicht vom Himmel, im Endeffekt zahlen wir alle drauf). Elke Alsdorf, DAAB e.V., in einem Interview des BR „Report München“: „Je länger ein Patient mit einem Heuschnupfen rumläuft und nicht frühzeitig behandelt wird, desto wahrscheinlicher ist eine Folgekrankheit, in 50 % der Fälle ist das dann ein allergisches Asthma.“

 

In diesem Zusammenhang sollten Sie wissen, dass die Zunahme von Bronchialasthma auschließlich auf unbehandelten Heuschnupfen zurückzuführen ist, denn nur 7 % der Menschen mit Heuschnupfen und lediglich

5 % der Menschen mit Asthma bekamen eine Hyposensibilisierung. Dies liegt zum Teil daran, dass sich die Zahl der Ärzte, die allergologische Diagnosen abrechnen, mittlerweile um 30 % reduziert hat. Dafür macht Dr. Andreas Hellmann, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Pneumologen, die pauschalierte Vergütung verantwortlich. Es bedürfe einer poltitisch gewollten Präventionsstrategie, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie. So nimmt z.B. Deutschland im Vergleich zu den Ausgaben der Allergiediagnostik in Europa einen unteren Platz ein. Zum Vergleich: In der Schweiz und den Niederlanden werden laut einer Erhebung pro Einwohner ca. 50-60 € ausgegeben, in Deutschland dagegen nur 25,- €.

Die hohen Behandlungsbeträge setzen sich übrigens zusammen aus direkten und indirekten Kosten. Zu den direkten Kosten gehören ambulante Behandlungen (u.a. Arztgespräche, Labordiagnostik, Therapiemaßnahmen (präventiv, medikamentös, physiotherapeutisch, psychologisch und psychotherapeutisch) sowie ambulante Notfallbehandlungen, stationäre Behandlungen (Krankenhausaufenthalte, Kur- und Rehabilitation, Krankengeld) und Medikamente. Die indirekten Kosten entstehen durch Mortalität, Invalidität und Arbeitsunfähigkeit (dazu gehören auch Produktivitätsverlust und Umschulungsmaßnahmen). Eine vollständige Umschulungsmaßnahme kann etwa 100.000 € an Kosten verursachen. Manchmal genügen aber zwar umfangreiche, aber effektive Sanierungsmaßnahmen am Arbeitsplatz, damit der Beruf weiter ausgeübt werden kann.

 

Die ärztliche Behandlung eines Allergikers kostet im Gegensatz zu den entstehenden Krankheitskosten (siehe oben) durchschnittlich nur 125,- € pro Jahr. Dem steht die pauschalierte Vergütung entgegen, die den hohen Zeitaufwand mit Diagnostik und Therapie, den der behandelnde Arzt hat, nicht entsprechend abdeckt. Auch steigen natürlich die Preise für die Testsubstanzen kontinuierlich. Das führt dazu, dass für immer mehr Ärzte die Allergologie nicht mehr lukrativ ist. Die Unikliniken sind zwar immer flächendeckender und auch optimal auf die Allergiediagnostik eingerichtet, aber eigentlich nur für besonders schwer erkrankte Allergiker vorgesehen. Da der niedergelassene Arzt aber zunehmend diagnose- und behandlungsunwillig erscheint, verlagert sich diese Aufgabe auf die Uniambulanzen.

 

Mit gutem Beispiel voran geht die Kassenärztliche Vereinigung Bremen, sie beschloss, ab diesem Quartal (3/16) allergische Leistungen besser zu bezahlen, um die Versorgung zu verbessern und so in Zukunft Geld zu sparen. Dr. Jörg Hermann, Kassenärztliche Vereinigung Bremen: „Wenn ein Allergiepatient nicht gut behandelt wird, dann wird er erst Jahre oder vielleicht Jahrzehnte später das Problem haben und dann ein sehr teurer Patient werden mit Krankenzeiten und gegebenenfalls Berufsunfähigkeit. Wir neigen dazu, höchstens in Wahlperioden zu denken in unserem Land und das ist für den Allergiker nicht günstig.“

 

 

Allergiker – Wächter der Umwelt

Allergien schützen in gewissem Maße vor bestimmten umweltbedingten Krebserkrankungen durch die permanente Wachsamkeit des Immunsystems. Allergiesymptome sind ein Warnsignal des Körpers zu unverträglichen Umweltbedingungen. Verließen früher Höhlenmenschen die Höhle oder den Wald bei unklaren Befindlichkeitsstörungen, so bleibt der moderne Mensch zwar in seiner Behausung, doch das Meiden der Allergene (Karenz) schafft eine verträgliche Umwelt. Der Allergiker bleibt auch von Vergiftungen mit z.B. Phenolen usw. verschont, da er diese in natürlichen Stoffen nicht oder nur in geringem Maße findet. Allergiker sind also keine Spinner, sondern können den Weg zu einer gesunden Umwelt zeigen und Schadstoffe bereits spüren, auch wenn sie objektiv nicht sichtbar sind (z.B. Latexproteine in der Raumluft, Nahrungsmittelallergene trotz negativer Tests usw.).

 

Übrigens: Allergien sind zwar in unserer Zeit einer Epidemie gleichzusetzen, aber keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit, denn aus alten Schriften bzw. Malereien ist bekannt, dass bereits Pharao Menes (2641 v. Chr.) an einer Bienengiftallergie litt und nach einem Bienenstich starb. Hippokrates (Arzt, 460-370 vor Chr.) litt an einer Käse-Idiosynkrasie, d.h. einer angeborenen Form der allergischen Reaktion, die sofort beim allerersten Kontakt Reaktionen auslöst. Dioskurides, ein griechischer Arzt aus dem 1. Jahrhundert, hatte Asthma. Er war auch Militärarzt unter Kaiser Claudius sowie Nero und wurde der berühmteste Pharmakologe des Altertums. Kaiser Octavianus Augustus (63 v. Chr. – 19 n. Chr.) litt laut der Kurzbiographie von Suetonius („Vita Caesarium“) an Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis.

 

Von Hippokrates können wir auch heute noch lernen, denn von ihm stammt der Spruch: Wenn du nicht bereit bist, dein Leben zu ändern, kann dir nicht geholfen werden“.

 

Kommt eine Frau zur Ärztin und beklagt sich über ihren schlimmen Husten. Sie habe schon alles probiert, was Drogerien und Apotheken so hergeben, aber nichts hat genützt. Die Ärztin verschreibt ihr ein starkes Abführmittel und bittet die Frau, am anderen Tag wiederzukommen. Am nächsten Tag fragt die Ärztin: „Na, haben Sie noch Ihren Husten?“ Darauf die Frau: „Ja, den habe ich schon noch, aber noch traue mich nicht mehr!“

 

 

Frau E. konnte vor einigen Jahren noch von einer umfassenden Allergiediagnostik profitieren. Heute wären dazu mehrere Anläufe in aufeinander folgenden Quartalen nötig, da nicht mehr alles gleichzeitig in einem Quartal bzw. überhaupt abzurechnen wäre. Gleichzeitig ist diese Fallbeschreibung aber auch ein Beispiel, wie man wertvolle Zeit mit unsachgemäßer Behandlung bzw. der Scheu vor dem Facharzt verlieren kann. Was war der Anlass? Frau E. klagte schon seit vielen Jahren über ständige Übelkeit bis zum Erbrechen, Bauchkrämpfen, Kopfschmerzen, hatte Herzrasen und Kreislaufprobleme, dazu starke Gelenkschmerzen. Außerdem litt sie unter starker Benommenheit und Müdigkeit und verspürte Zungenkribbeln nach allen Mahlzeiten. Eine in früheren Jahren diagnostizierte Allergie gegen den Konservierungsstoff E 211 (Benzoesäure) ließ sie mittels Kinesiologie löschen“, sonst wurde bisher nichts unternommen. Bekannte und auch sie selbst schoben die Beschwerden auf Stress, denn die Allergie war ja gelöscht, das konnte es also nicht sein. Eines Tages entschloss sie sich trotzdem, an einem Gruppentreffen meiner damaligen Selbsthilfegruppe für Allergiker teilzunehmen. Das Treffen bzw. der Erfahrungsaustausch wiederum gab dann den Anstoß, sich doch einmal gründlich in einer auf Allergiediagnostik spezialisierten Klinik testen zu lassen. Dort wurde man reichlich fündig. Die Allergie auf E 211 war natürlich weiterhin vorhanden und führte bei der Provokation zu Herzrasen, Hitzewallungen und abwechselnd Kältegefühl, die Gelenkschmerzen flammten auf. Provokationstests auf Nickel (als Kontaktallergen), Pollen, Schimmelpilze und Katzenhaare ließen ein Gefühl wie nach reichlich Alkoholgenuss aufkommen, dazu kamen Lähmungsgefühle in den Beinen sowie Stimmbandlähmung, Heiserkeit und z.T. Schwellungen im Mund. Die orale Nickelprovokation löste sofort eine Urtikaria aus. Die obligatorische Histaminprovokation ergab heftigen Juckreiz sowie z.T. Ödeme am Kopf, den Ohren und Füßen. Sellerie löste das „gewohnte“ Zungenkribbeln und die Schwindelgefühle aus, Soja führte zu leichten Lippenschwellungen, die erst nach 3 Stunden wieder abgeklungen waren. Als wenn das nicht genug wäre, ergaben die Atemteste zusätzlich noch jeweils behandlungsbedürftige Reaktionen auf Fruktose und Laktose. Die diversen Karenzen waren nicht einfach zu organisieren bzw. aufeinander abzustimmen und verlangten Frau E. ein hohes Maß an Disziplin ab, aber führten letztlich zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität.

 

Fazit: sicher wäre nicht jede Allergie oder Unverträglichkeit zu verhindern gewesen, aber das geballte Aufeinandertreffen nach Jahren extremer Beschwerden hätte „häppchenweise“ nach und nach sicher als notwendige Karenzen einfacher in den Alltag eingearbeitet werden können. Neuesten Forschungen zufolge hätte zumindest die Laktoseintoleranz verhindert werden können, denn diese wird oft in Folge einer unbehandelten oralen Nickelallergie ausgelöst.

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de


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