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ADS / ADHS und Allergien

 

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …

 

dass die Leitlinie DSM-5 die Ausweitung der Behandlungszonen bei psychischen oder seelischen Störungen zum Thema hat? Was offiziell als psychische Störung anerkannt wird, ist im DSM (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, die „Bibel der Psychiatrie“) geregelt. Jeder Mediziner ist daher bestrebt, seinen Namen (und seine Behandlungsmethode) an die Entdeckung einer Störung zu koppeln.  Das gilt auch für Seelentherapeuten. Die weltweit größte Psychiatervereinigung der Welt – Apa – (American Psychiatric Association) überarbeitet gerade ihre Bibel, seit 20 Jahren das erste Mal. Das wird zum als Anlass genommen, möglichst viele und vor allem neue Symptome zu melden, um eventuell als Entdecker eine neuen Krankheitsstörung unsterblichen Ruhm zu erlangen. Diese Meldung ist deshalb für Allergiker relevant, weil sie auch die Zuordnung von Symptomen aus dem Bereich Allergien/AD(H)S/Autismus betrifft.

 

Beispiele für neue, dort gemeldete Syndrome:

  • Jähzornige Kinder, die ihre Eltern in den Wahnsinn treiben
  • Einsame Greise, die ihre Wohnung vermüllen
  • Nervöse Frauen, die ihre Haut mit Pinzetten malträtieren
  • Angestellte, die nicht mehr arbeiten können aus Angst vor dem Arbeitsplatz (Mobbing?)
  • Unfähigkeit, sich von Dingen zu trennen (Messie-Syndrom)
  • Beeinträchtigung des Lernvermögens und der Planung

 

Sie sehen, dass die Definitionen Spielraum lassen, den einen oder anderen unliebsamen Mitbürger in die Psychoecke zu schieben. Das jähzornige Kind könnte mittels Verhaltenstherapie seinen Jähzorn in zumutbare Bahnen lenken, der ältere Mitbürger braucht vielleicht einfach eine Haushaltshilfe, gemobbten Angestellten hilft vielleicht ein Praktika in einem anderen Betrieb oder Arbeitsplatzwechsel, das Messie-Syndrom kann als ein Auswuchs des natürlichen Sammeltriebs gesehen werden (der sich normalerweise im 2. Lebensjahr bildet) und altersbedingte Schusseligkeit bleibt abzugrenzen zu Lern- und Planungsbeeinträchtigung.

 

Die als krankheitsbedingte Symptome aufgenommenen Störungen werden es in Zukunft leichter machen, Menschen als psychisch krank einzustufen. Die Schusseligkeit etwa soll zur „kognitiven Störung“ werden, der Jähzorn zur „disruptiven Launenfehlregulationsstörung“, die Völlerei zur „Fressgelage-Störung“, die Trauer zur „Major Depression“, die Tage vor den Tagen zur „prämenstruellen dysphorischen Störung“.  Psychische Diagnosen sind inzwischen der häufigste Grund für Erwerbsminderungsrenten, in zehn Jahren ist der Anteil von 24,5 auf 39,3 % gestiegen.

 

Diese Entwicklung wirkt sich auch fatal auf AD(H)S aus, da Kinder noch schneller als bisher nach diesem Übermaß an angeblichen Symptomen/Störungen in das Raster fallen. Der Leiter des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden sagt hierzu (obwohl Autor des DSM): „Besonders bei Kindern ist das Missbrauchspotential an Diagnosen grenzenlos groß“. In der Kindheit träten häufig Störungen auf, die nicht immer diagnostiziert und medizinisch behandelt werden sollten. Einer amerikanischen Studie zufolge erfüllen bereits 46 % der US-amerikanischen Bevölkerung die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Der Anteil der Kinder, die offiziell als geisteskrank eingestuft werden, ist binnen 20 Jahren auf das 35fache angestiegen.

 

Aber auch Deutschland steht dem in nichts nach: einer Veröffentlichung des Deutschen Ärzteblattes zufolge ist in den Jahren 2005-2012 der Anteil der jungen Patienten (5-18 Jahre), die ein Neuroleptika u.a. zur Behandlung der AD(H)S- und Autismus-Symptome bekamen, um 41,2 % gestiegen. Davon wurde am häufigsten Risperidon verschrieben (49,6 %). Das Mittel bekamen zu 61,5 % Patienten, die unter AD(H)S litten. Anmerkung: Risperidon ist ein Neuroleptika zur Behandlung von Schizophrenie, hat aber (in niedriger Dosierung) erstaunlich positive Wirkung auf die Symptomatik bei AD(H)S- und Autismus-Patienten.  

 

Deutschland ist auf dem Weg, diese „Ziele“ auch zu erreichen. Nach dem „Krankenhaus-Report 2013“ der AOK ist die Anzahl psychosozialer Interventionen bei älteren Menschen zwischen 2005 und 2010 um 54 % gestiegen! Die Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Bundestages beschäftigten sich im vergangenen Jahr auch mit dem Thema AD(H)S, die sich unter Kindern wie eine Epidemie verbreitet. Harald Terpe, Mitglied der Grünen, Mediziner und sechsfacher Vater: Mir drängt sich der Verdacht auf, dass hier gesellschaftlich nicht erwünschtes Verhalten von Kindern pathologisiert wird. Die Leidtragenden sind Kinder, denen suggeriert wird, sie seien nicht „normal“ und könnten nur mit Medikamenten richtig funktionieren. Die pharmazeutische Industrie unterstützt leider diesen Trend, indem sie Psychopharmaka als schnelle und einfache Lösung bewirbt und die Risiken verschweigt.“ Lt. Karl Lauterbach (SPD-Gesundheitspolitiker) werden „aus besonderen Menschen solche Menschen gemacht, die als krank gelten – und daraufhin einen Leidensdruck spüren“.

 

Dass Seelenheilkundlern mitunter auf die Finger geschaut werden muss, hat der US-amerikanische Psychologe David Rosenhan (1929-2012) Mitte der 1960er Jahre im Selbstversuch deutlich gemacht. Er vernachlässigte bewusst einige Tage seine Körperpflege und begab sich in eine psychiatrische Einrichtung in Pennsylvania.  Er beschwerte sich über Stimmen in seinem Kopf, die ihm „leer“, „dumpf“ und „hohl“ zugerufen hätten. Obwohl die vorgespielten Symptome keiner Lehrbuchdiagnose entsprachen, nahmen ihn die Psychiater direkt stationär auf. Zwischen 1968 und 1972 wiederholten sieben weitere gesunde Menschen dieses Experiment und landeten prompt auf psychiatrischen Stationen. Nach der Aufnahme verhielten sich die Scheinpatienten normal, trotzdem wurden sie bis zu 52 Tagen festgehalten und bekamen insgesamt fast 2100 Tabletten verschrieben. Die Geschichte dieser acht Scheinpatienten hat Rosenhan im Fachblatt „Science“ unter dem Titel „Vom Normalsein in verrückter Umgebung“ veröffentlicht und damit die Psychiatrie entlarvt. Die Diagnosen waren reine Willkür und Irre nicht von Gesunden zu unterscheiden.

 

Diese Blamage bildete den Grund für die aktuelle DSM-Überarbeitung, allerdings schießt man nun über das Ziel hinaus. Die vagen Beschreibungen einer Störung weichen einer Auflistung von Symptomen. Nur wenn eine bestimmte Anzahl von Symptomen erreicht ist, wird eine gesicherte Diagnose erstellt. Das hat aber auch Nachteile, denn nun führt die „Ankreuz-Psychiatrie“ zu weiteren Auswüchsen, da diverse Symptome durchaus auch eine andere Ursache haben können. Fatal wird es, wenn z.B. die Diagnose AD(H)S sich an Symptomen orientiert, die eine fleißige und verkaufswillige Pharmaindustrie diktiert. So werden kindliche Verhaltensweisen wie Trotz, Bewegungsdrang, vermeintlicher Ungehorsam vorschnell als AD(H)S abgestempelt, nur weil ein Symptomkatalog dies auflistet. Mal ehrlich, wer findet sich nicht auf solchen Listen wieder, irgendeines der als Beispiel genannten Symptome hat jeder. Fragen sind oft so gestellt, dass schon ein Ja die Aufforderung nach sich zieht, einen Arzt aufzusuchen.

 

Ein Beispiel: Wer beim Bergsteigen den Halt verliert, ins Seil fällt und dabei schwitzt und schreit, zeigt dieselben  Symptome wie ein Mensch mit Panikstörung. Wer beim Spaziergang über einen großen Platz unvermittelt anfängt zu zittern, nach Luft zu ringen und Schmerzen in der Brust verspürt, der leidet laut Definition an einer Panikattacke. Oder z.B. die Schüchternheit: sie kann ein Symptom einer Phobie sein, aber auch einfach nur ein vorsichtiges Abwarten/Abwägen der Situation. Nicht die Krankheitssymptome unterscheiden das Normalsein vom Irresein, sondern die äußeren Umstände.

 

 

Vielleicht hat sich auch diese Ärztin von dem DSM-5-Richtlinien leiten lassen, als sie bei der Mutter der kleinen K. ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (siehe auch Kolumne Nr. 12) diagnostizierte. K. hat schon als Säugling heftig reagiert, u.a. mit extremen Blähungen, Krämpfen und stundenlangem Schreien. Sie wurde „normal“ ernährt. Laut der Hebamme wäre das alles ganz normal für kleine Kinder, die Mutter solle sich nicht so ein Theater veranstalten, andere hätten eher zu klagen. Mit 1 Jahr gab es die erste Mandelentzündung, kurz darauf gefolgt von sich wiederholenden Blasen- und Lungenentzündungen. Mit Beginn der Kindergartenzeit kamen ständige Infekte dazu, die „chronische Bronchitis“ wurde später als Asthma diagnostiziert, die Polypen wurden entfernt (erst der 4. Arzt sah die Notwendigkeit dazu), sie hat immer wieder Fieber sowie häufig Bakterienbefall im Urin. Antibiotika schlagen wegen der häufigen Anwendung nicht mehr an. K. nässt mit mittlerweile 7 Jahren immer noch ein, ist körperlich schlapp und untergewichtig. Der Kinderarzt sah auch keinen Grund für einen Allergietest und konterte auf drängende Fragen mit dem Hinweis, dass die Mutter wohl hysterisch sei. Die aber ist durchaus in der Lage, die Situation zu beurteilen, als gelernte Sozialpädagogin für Behinderte mit zusätzlicher Krankenschwesterausbildung kann sie echte von eingebildeten Krankheiten unterscheiden. Der Wechsel zu einer Kinderärztin half auch nicht weiter, die vermutete ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, denn K. hat ja keinen Durchfall, ergo auch keine Allergie! Dabei konnte die Familie schon seit Jahren immer wieder beobachten, dass K. unmittelbar nach dem Verzehr von Milchprodukten wie ausgewechselt ist, d.h. auffallend aggressiv und „zickig“. Besagte Ärztin empfahl der Mutter allerdings eine nervenärztliche Behandlung, sie mache das Kind sonst noch kranker. Sie war so auf ihre Fehlinterpretation fixiert, dass sie eine gleichzeitig bestehende doppelseitige Lungenentzündung nicht erkannte. Nach unserem Beratungsgespräch einigten wir uns auf eine versuchsweise kuhmilchfreie Ernährung. Eine Allergietestung stand noch aus – und bestätigte später die Vermutung.

 

 

 

Text von und herzlichen Dank an:

Roswitha Stracke – Allergieberaterin
www.allergieberatung-stracke.de

 

 


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