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ADS / ADHS, Neurodermitis und die Ernährung

Es folgt ein Text von Allergieberaterin Roswitha Stracke.

 

Wussten Sie schon, …


dass ein Behandlungsansatz bei AD(H)S die Ernährung sein kann? Noch immer werden Kinder (und Erwachsene) mit AD(H)S schnell und dauerhaft mit Psychopharmaka versorgt (siehe Kolumne Nr. 34). Die Ursachenforschung ist natürlich zeitaufwendig, nicht immer wird ein eindeutiger Auslöser gefunden. Wenig hilfreich sind auch die kontroversen Diskussionen – wer hat Recht, hat überhaupt jemand allein Recht?

 

Wie immer spielt auch hier alles eine -kleine oder große- Rolle. Für die gezielte Diagnosestellung gibt es  Beurteilungsbögen (Einschätzungsskala) als Selbst- und Fremdeinschätzung sowie als Diagnose-Checklisten für Experten. Erfragt werden damit im Wesentlichen das Sozialverhalten, die Art der Aufmerksamkeitsstörung, mögliche Intelligenzminderung, körperlich-neurologische Gründe, aber auch die Suche nach alternativen Erklärungen für Verhaltensweisen (z.B. emotionale Störungen, Anpassungsstörungen, Leistungsüberforderung u.ä.). Kinder profitieren auch von psychosozialen Interventionen und vereinfachten verhaltenstherapeutischen Methoden (Lerntechniken, soziale Kompetenzen, Sport und Bewegung). Erwachsene benötigen eher Vermittlung von Problemlösestrategien, Zeitmanagement sowie Selbstkontrolltechniken. Die gründlich und somit sauber diagnostizierte AD(H)S wird mit einer Kombination von Verhaltenstherapie und Medikation behandelt, wobei in die Therapie auch Erzieher eingebunden werden bzw. bei Erwachsenen neben der Mitwirkung des Partners auch u.U. Umschulungen oder generell ein neuer Arbeitsplatz notwendig sind.

 

 

Der Therapieerfolg durch bestimmte Diäten ist bisher nicht eindeutig belegt worden, jedoch ließen seriöse Studien die Vermutung aufkommen, dass AD(H)S durch die Nahrung und z.T. auch Nahrungsmittelzusätze (vor allem Farbstoffe) ausgelöst werden kann. Eine Metaanalyse kontrollierter Studien zum Einfluss von Nahrungsmittelzusätzen auf AD(H)S-Symptome ergab laut Veröffentlichung der Zeitschrift „MMW –Fortschritte der Medizin“ 2012/8, dass ca. 8 % der Kinder mit AD(H)S von einer entsprechenden diätetischen Therapie profitieren können. Im Laufe der letzten 30 Jahre sind immer auch verschiedene Ernährungsformen propagiert worden, die aber keine oder nur in Einzelfällen eine subjektive Besserung brachten. Sie hielten zudem unter Studienbedingungen nicht das, was man sich davon erhoffte. Eine allgemeingültige Ernährungsempfehlung kann also nicht ausgesprochen werden, hier muss im Einzelfall geprüft und entschieden werden. Doch was ist angemessen?

 

Da AD(H)S eine Form der Neurodermitis ist, liegt die Vermutung nah, dass auch eine Nahrungsmittelallergie vorliegt. Deshalb sollte vor Beginn einer womöglich sinnlosen Diät beim Facharzt ein immunologischer Test auf Allergien im Nahrungsmittelbereich, gegebenenfalls auch eine Suchdiät unter fachärztlicher Anleitung und einem engen Zeitrahmen gemacht werden. Infrage kommen als mögliche Allergene Kuhmilch, Hühnerei, manchmal Getreide bzw. speziell Weizen, aber auch Soja und Nickel (als Nahrungsmittelbestandteil). Nickel kann auch als toxische Belastung symptomauslösend wirken (ebenso wie Quecksilber, Chrom oder Blei), vor allem bei Wohnungen in der Nähe vielbefahrener Straßen, Tankstellen oder Industrieanlagen.

 

Unabhängig von einer eventuell vorliegenden Nahrungsmittelallergie ist es aber in jedem Fall sinnvoll, bestimmte Farbstoffe in der Ernährung zu meiden. Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) hat durchgesetzt, dass ab 27.7.2010 jedes Lebensmittel, welche die nachfolgenden Farbstoffe enthält, den deutlichen Hinweis darauf geben muss, „kann Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen“. Das sind im speziellen Tartrazin (E102), Chinolingelb (E104), Gelborange S (E110), Azorubin (E122), Cochenillerot A (E124) und Allurarot AC (E129).

 

1984 gab es in den USA eine groß angelegte Studie zu Kriminalität und Ernährung unter der Leitung der Leiterin des Amtes für Bewährungshilfe (Ohio) und u.a. einem Leiter einer Bewährungsanstalt im Staat Washington. Dabei konnte in einem Doppelblind-Versuch z.B. durch drastischen Zuckerentzug in einer Jugendstrafanstalt die Zahl der verhaltensauffälligen Insassen um 80 % gesenkt werden, die schweren Verhaltensstörungen um 45-55 %! Dabei wurde Zucker durch frisches Obst und Gemüse, ungesüßte Säfte, Honig oder Rübenkraut ersetzt. Das Experiment war so überzeugend, dass die Diät beibehalten wurde. Ferner wurde der Phosphatgehalt von Limonaden und Co. Untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die jugendlichen Delinquenten bzw. Verhaltensgestörte mit dem höchsten Limonadenverbrauch auch das größte Aggressionsverhalten zeigten. Ob diese Erkenntnisse im Land der überdimensionierten Getränkebecher noch im Gedächtnis der Menschen sind?

 

 

Ein weiterer Punkt sind also phosphatreiche Lebensmittel. Phosphat (resorbierbare Form des Phosphors) ist ein Nahrungsmittelbestandteil, der sowohl in natürlicher Form als auch als künstlicher Zusatz vorkommt. Phosphor ist zusammen mit Calcium ein Baustoff der Knochen und der Zahnsubstanz, er ist auch Bestandteil von Enzymen und an der Energieübertragung im Stoffwechsel beteiligt. Phosphate kommen in einigen Lebensmitteln in  natürlicher Form vor, anderen werden sie als Stabilisator und Emulgator zugesetzt. Eine zu hohe Phosphataufnahme bei der Nahrung wirkt ungünstig auf die osmotischen Verhältnisse im Darm und kann zu gesundheitlichen Störungen, z.B. in Form von Durchfällen, aber auch zu Störungen im Calciumhaushalt sowie zu Nierensteinen führen. Phosphat in natürlicher Form ist enthalten in Zucker, Kakao, Nüssen, Cola (durch den hohen Zuckeranteil extra hoher Phosphatgehalt), Getreide, Eigelb, Backpulver auf Weizenbasis. Künstlich zugesetzt wird Phosphat in Kondens-, Trockenmilch,- und Sahneerzeugnisse, Schmelz- und Kochkäse, Brühwürste, Fisch- und Fleischzubereitungen zugesetzt (z.B. als Kuttersalz (E 450a) bei der Wurstherstellung) sowie Speiseeis. Laut Ernährungswissenschaftlern können künstliche Phosphate vom Stoffwechsel nicht von natürlichem Phosphat unterschieden werden und sind „im vom Gesetzgeber zugelassenen Umfang“ unbedenklich. Nach einer Erfassung aus dem Jahr 1984 betrug der Anteil an künstlichem Phosphat damals kaum 10 % der Gesamt-Ernährungsmenge. Allerdings ist der Verzehr von Lebensmitteln mit Phosphatzusatz seitdem von ca. 500 mg auf geschätzte 1000 mg/Tag gestiegen.

 

Phosphat ist erst mit der modernen Lebensmittelherstellung wichtig geworden. Früher wurde z.B. das Fleisch noch schlachtwarm direkt verarbeitet, bei bereits erkaltetem Fleisch ist das nur unter Zusatz von Phosphat zur Bindung möglich. Bei der Schmelzkäseherstellung (auch ein Produkt der modernen Welt) verhindert man damit die Absonderung einzelner Käsebestandteile, außerdem kann man je nach zugesetzter Menge die Konsistenz verändern.

 

 

Nicht hilfreich sind im Internet kursierende verallgemeinernde Diätempfehlungen, die willkürlich Nahrungsmittel „verteufeln“ (allem voran Zucker) oder aus ideologischen Gründen anpreisen (Bio, Glutenfrei etc.). Die oben erwähnte amerikanische Studie wurde u.a. in Deutschland in einem Buch zur Ernährung hyperaktiver Kinder veröffentlicht und bildete wohl den Grundstock z.B. für die rigorose „Zucker-Weglassdiät“. Damals kam die Mär vom „gesunden“ Zuckerersatz wie Honig, Fruchtdicksäfte etc. auf, siehe dazu auch Kolumne Nr. 32. Bei der individuellen Ernährungsproblematik sollten Sie deshalb die Mithilfe des behandelnden Arztes in Anspruch nehmen, um den Sinn oder Unsinn einer Ernährungsempfehlung für Ihr Kind individuell einschätzen und damit eine zumindest reizarme Ernährung zusammenstellen zu können.

 

Auch die Palette der angeblich eine AD(H)S beweisenden Symptome lässt sich auf fast alle menschlichen Verhaltensweisen anwenden, sie sollte keine Orientierungshilfe für ratsuchende Eltern sein. Achten Sie kritisch darauf, wer diese Empfehlungen gibt, auch Scharlatane treten gern unter dem Deckmantel besorgter Elterninitiativen auf. In diesem Zusammenhang wird gern auf das sogenannte Leaky-Gut- Syndrom verwiesen, d.h. eine gestörte und damit durchlässige Darmflora durch z.B. Gluten, Umwelteinflüsse (auch Schwermetalle), chronische Entzündungen, längere Antibiotika- oder Cortisongaben (von allem etwas, so dass sich jeder angesprochen fühlt). Ein Test auf Transglutaminase- und Endomysium- Antikörper (TG-AK) kann den Verdacht auf Zöliakie (und nur da spielt Gluten eine Rolle) als Auslöser bestätigen bzw. ausräumen. Ansonsten kann eine Unterstützung der Darmflora nie schaden, aber nicht alles, was angepriesen wird, ist auch hilfreich, denn die meisten Mittel sind nicht in der Lage, die Magensäure zu passieren und verhallen wirkungslos.

 

 

In einigen Fällen spielt die fehlende Zusammenarbeit beider Gehirnhälften eine ausschlaggebende Rolle. Als gesichert gilt, dass bei AD(H)S neurobiologische Abläufe im Gehirn gestört sind. Besonders das Zusammenspiel der Botenstoffe (Neurotransmitter) Dopamin, Serotonin und Noradrenalin im Hirnstoffwechsel scheinen beeinträchtigt zu sein (und rechtfertigen (?) damit den Einsatz von Ritalin und Co.). Mangelt es z.B. an Dopamin (Transmitter im Miteinander von Nervenzellen), können Aktivitäten des Nervensystems, die u.a. unsere Gefühle und Verhalten steuern,  nur unzureichend ablaufen. Dieser Mangel an Dopamin ist oft verursacht durch einen Mangel an Serotonin. Fehlt Serotonin, kann kein Dopamin gebildet werden. Zucker (in Maßen) lässt den Serotonin-Spiegel ansteigen, ebenso Fett (vor allem pflanzliche Öle). Noch effektiver sind komplexe Kohlenhydrate (Kartoffeln, Nudeln). Ein Zuviel an Dopamin hat aber entgegengesetzte Wirkung, der Mensch wird willenlos. Das war einer der Hauptgründe, warum gerade das amerikanische Militär gern Leute mit bekannter ADHS-Erkrankung nahm, die Soldaten waren dank der ihnen dann verabreichten Medikamente leicht steuerbar. Heute ist es umgekehrt, das Militär ist der größte Arbeitgeber in den USA und seither in der Auswahl seiner Leute sehr anspruchsvoll. ADHS-Erkrankte mit bestehender, gut eingestellter Medikation werden nicht mehr genommen, da ist durch eine Medikamentengabe nichts mehr zu erreichen (auch nicht mit sogenannter „Kampfschokolade“, die durch den besonderen Wirkstoff den Soldaten Angstunempfindlich macht).

 

Eine häufige Erklärung der „wohlwollenden“ Ergänzungsmittelhersteller zu AD(H)S ist ein angeblicher „Vitalstoffdefizit“. Das ist eine verkaufsfördernde, durch nichts bewiesene Maßnahme!  Bedenken Sie, dass die „Tests“ auf diesen angeblichen Mangel auch vom Hersteller des Ergänzungsmittels ausgewertet werden. Ein tatsächlicher Mangel an was auch immer kann nur unter erschwerenden Umständen auftreten wie z.B. außergewöhnliche Erkrankungen oder krankheitsbedingt eingeschränkte Ernährung, z.B. nach schweren Operationen. Außerdem ist in so einem Fall der Hausarzt zuständig, der mittels eines Blutbildes (Kassenleistung!) einen eventuell bestehenden Mangel abklärt und (ebenfalls Kassenleistung) dann behebt.

 

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Deutschen, einem Franzosen und einem Engländer? Der Engländer geht morgens auf die Rennbahn und mittags in den Pub. Der Franzose geht morgens in sein Bistro und mittags zu seiner Geliebten. Der Deutsche nimmt morgens sein Ritalin und geht den ganzen Tag arbeiten.

 

 

Die Familie hat 3 Kinder, alle sind seit Kleinkindtagen auffällig mit häufigen Infekten, zwei haben Asthma, alle drei sind hyperaktiv, einer ein sogenannter  „Klassenclown“.  Zwei der Kinder haben zudem eine bekannte Medikamenten- bzw.  Bienenstichallergie und reagieren u.a. mit Urtikaria sowie Ödemen mit z.T. aufplatzender Gesichtshaut. Ein Kind ist extrem auf Milch fixiert, eins fällt durch massiven Konsum von Chips und Kakao auf. Alle Kinder werden stark vollkornlastig ernährt trotz bekannter Reaktionen auf Nickel. Trotz der seit Jahren bestehenden, z.T. schweren Reaktionen war nie ein Facharzt eingeschaltet worden, der naturheilkundlich ausgerichtete Kinderarzt befand das als nicht nötig. Er meinte dann aber auf mein Anraten zu Tests (und Behandlungsplan) in einer Fachklinik, dass die Mutter doch erst mal mit einem der Kinder dort hin sollte, die anderen zwei könnten dann ja später immer noch in Facharztbehandlung. Hat ihn der Sparzwang zu dieser Aussage getrieben? Warum alle Kinder untersuchen, wenn doch die Symptome bei allen relativ gleich sind, oder…? Vielleicht wollte er auch nur, dass sein Versäumnis nur bei einem Kind auffiel? Die Fachklinik bestätigte dann neben der AD(H)S  u.a. eine ausgeprägte IgE-vermittelte Kuhmilchallergie bei allen drei Kindern. Schon kurz nach Beginn der angeordneten Milch- und Nickelkarenz und eine drastische Einschränkung bei Süßigkeiten aller Art (für die Kinder ein –notwendiger- Kraftakt) konnten sichtbare Besserungen u.a. im Verhalten  und damit auch positive Auswirkungen in Kindergarten und Schule beobachtet werden. Die weitere Behandlung der AD(H)S übernahm dann ein anderes Kollegenteam.

 


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